Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Tanzen mit Pflanzen

Angela Schubot und Jared Gradinger laden das Publikum im HAU 3 zur meditativen Erweiterung des Bewusstseins ein

Zu Beginn konnte man die Tänzer nur an den nackten Füßen erkennen. Denn alle Menschen im Raum kauerten und lagerten auf je eigene Weise auf dem von jeglichem Gestühl befreiten Boden des HAU 3. Vor dem Eintreten war man aufgefordert worden, die Schuhe abzulegen, und konnte sich, um nicht zu frieren, grobe graue Wollsocken überziehen. Von Wollsocken befreit waren nur Angela Schubot und Jared Gradinger. Als sich die Körper mit den wollbesockten Füßen so langsam beruhigt hatten und die zwei Körper mit den nackten Füßen in intensivere Bewegungsmuster übergingen, wusste man: »Yew« (deutsch: Eibe) hatte begonnen. Und die klassische Zweiteilung in die, die guckten, und die, die für die Gucker agierten, war wieder etabliert.

Schubot und Gradinger - in der Berliner Szene bekannt als die Vertreter der physischen Komponente des zeitgenössischen Tanzes - verwandeln sich in ihrem neuen Stück in Pflanzen oder doch zumindest in Pflanzenversteher. Inspiratorin war ihnen unter anderem die Blumenessenz-Aktivistin Machaelle Small Wright; das Publikum durfte im Laufe des Abends zur Sinnenerweiterung Beifuß rauchen. Um die Bewegungen von Schubot und Gradinger zu erfassen, musste man genau hinschauen, sehr genau, denn diese Bewegungen waren zunächst minimal. Beide befanden sich am Boden, ihre Körper schienen einen Prozess des Erwachens zu durchlaufen. Eingespielt wurden knackende, knarzende Töne - vielleicht das, was passiert, wenn Pflanzenstängel sich ausdehnen, Blätter wachsen, Knospen springen auf - nur eben in Klang übersetzt.

Knospen waren derweil auch die beiden Akteure. Gradinger mehr. Sein Körper schien aus einer Faser zu bestehen, einer biegsamen, dehnbaren, mal Widerstand leistenden, mal aber auch fast widerstandslos wie ein Grashalm im Wind sich bewegenden Faser. Die Substanz eines menschlichen Muskels, dessen geringere Varianz in Sachen Biegsamkeit und Festigkeit im Vergleich zur pflanzlichen Faser, schien Gradinger abgestreift zu haben. Diese Metamorphose war interessant zu beobachten - auch im Kontrast zu Angela Schubot, die dann doch mehr menschlicher Körper blieb, also weiterhin Muskelbündel, dazu mit Gelenken versehen, die die Freiheitsgrade bestimmten, Freiheitsgrade des menschlichen Körpers.

Ihr Partner Gradinger ließ diese vergessen. Er kam damit jener Form von Zwiegespräch mit Pflanzen nahe, die die beiden laut Programmheft anstrebten. Sie wollten die Grenzen des Körpers auflösen und ein die Spezies verbindendes Gruppenstück erarbeiten, heißt es da. Das klingt interessant. Es klingt auch esoterisch.

Tatsächlich zu sehen war, dass Schubot und Gradinger immer mehr den Raum eroberten. Meist verschlungen miteinander, dabei Variationen von vierbeinigen, vierarmigen und zweiköpfigen Wesen bildend, rollten, krochen und schleiften sie über den Boden. Zuschauer, die ihnen im Wege waren, rutschten eilig beiseite - wie das Wasser eines Meeres, das zurückweicht, weil es von einem stärkeren Körper verdrängt wird. Da entstand schon eine Art Gruppenkommunikation.

Etwa nach einer Stunde rollte Angela Schubot eine Matte aus und verteilte Beifuß-Zigaretten. Das Publikum rauchte, sog den leicht beißenden Rauch der Pflanze ein, und jeder, jede horchte in den eigenen Leib hinein, befragte das eigene Bewusstsein, ob sich da etwas tut, und wenn ja, was. Zum Hinlegen aufgefordert, tat man auch das brav, und mit sich selbst beschäftigt, verging die nächste halbe Stunde, in der Schubot und Gradinger weitere Außenreize zu setzen versuchten, die man wegen der Orientierung aufs eigene Innere aber kaum wahrnahm. Man fühlte sich an Sinneserweiterungsexperimente der 60er Jahre erinnert - allerdings ohne LSD.

Schubot und Gradinger sind mit dieser Arbeit einen weiteren Schritt gegangen auf ihrer Suche nach narrativen Rahmungen für ihre Erforschung der Auflösung von Körpergrenzen, beim Herstellen von Intimität und der Komposition von neuen, multiplen Identitäten. Ob die esoterisch angehauchte Pflanzenversteherrichtung dabei eine glückliche Wahl ist, blieb am Eiben- und Beifußabend allerdings offen.

Weitere Vorstellungen am 1. und 2. Februar im HAU 3, Tempelhofer Ufer 10, Kreuzberg.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln