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Drei Tage Gruseln

Das »Final Girls«- Filmfestival bringt für drei Tage den feministischen Horror in die Hauptstadt

Sam fährt behutsam über die Stuhllehne, die ihr Vater geschnitzt hat. Plötzlich zuckt sie zusammen: Sie hat sich einen Splitter eingezogen. Während der Vater ihr den Holzspan aus dem Finger entfernt, erzählt er davon, dass der Familienhund nicht mehr im Haus schlafen will und Dinge an den seltsamsten Orten auftauchen. »Es ist, als lebe noch jemand anderes hier«, sagt er und schaut sie dabei lange an. Dämmerung dringt unter die Baumkronen, es wird Abend. Die schon erwachsene Sam packt Kisten in dem Haus zusammen, in dem nur noch ihr Vater lebt. Ein Geräusch lässt sie mitten in der Nacht aufwachen, das Zimmer ist in Dunkel gehüllt, sie hört ein Kratzen an der Wand. Ein Schatten bewegt sich. Erinnerung vermengt sich mit Traum, der sich mit Realität vermischt: Die Grenzen verschwimmen.

Der Kurzfilm »Creswick« der japanisch-australischen Regisseurin Natalie Erika James wird beim dritten »Final Girls«-Filmfestival gezeigt. Die drei Tage des feministischen Gruselns werden von Elinor Lewy, Lara Mandelbrot und Sara Neidorf organisiert. Von nun an soll das Festival jährlich stattfinden.

Auf dem Programm stehen neben den Kurzfilmen über weibliche Serienkiller, Nekrophilie, tote Väter oder dysfunktionale Familien unter anderem auch die Spielfilme »Book of Birdie« von Elizabeth E. Schuch und »Most Beautiful Island« von Ana Asensio, der beim SXSW-Filmfestival als bester Spielfilm ausgezeichnet wurde. Er verhandelt den realen Horror, den Frauen ohne sicheren Aufenthaltsstatus tagtäglich erleben müssen. Begleitet werden die Filme von Podiumsdiskussionen mit Regisseurinnen und Filmspezialistinnen, unter anderem werden Elizabeth E. Schuch, Laura Moss und Katie Bonham über ihre Erfahrungen in der Horrorfilmindustrie sprechen.

Benannt ist das Festival nach dem sogenannten Final Girl, also der letzten Überlebenden in einem Horrorfilm. Dieses vor Stereotypisierung strotzende Bild des guten Mädchens, dass allen Schrecken doch übersteht, wird in vielen Filmen mittlerweile kopiert, dekonstruiert und neu besetzt. Inspiriert wurden die drei Organisatorinnen von dem internationalen »Women in Horror Month«, einer Initiative, die seit neun Jahren jeden Februar auf von Frauen gemachten Horror in Film oder Literatur aufmerksam macht. Auch das »Final Girls«-Festival zeigt ausschließlich Filme, die von nicht binären Menschen oder Menschen, die sich als Frauen identifizieren, gedreht, produziert oder geschrieben werden.

Filme wie Ana Lily Amirpours »A Girl Walks Home Alone at Night«, Tomas Alfredsons »So finster die Nacht« und vor allem Jennifer Kents »Der Babadook« gelten als gute Beispiele des gesellschaftskritischen Horrors. Feministischer Grusel ist nicht mehr wegzudenken, und das, obwohl sich das Klischee, Horror sei »für Männer«, hartnäckig hält. Dabei haben Frauen schon immer Horror gemacht und gemocht - von Mary Shelley bis Elfriede Jelinek. »Es gibt die sexistische Vorstellung, dass Horror zu erschreckend und ›eklig‹ für die ›sanften Gemüter‹ von Frauen ist, was völliger Blödsinn ist«, sagt die Festivalorganisatorin Lewy. Die Hunderte von Filmen, die beim »Final Girls«-Festival eingereicht wurden, und die vielen Besucherinnen zeigten ein eindeutig anderes Bild.

Historisch gesehen wurde das Horrorgenre meist für trashig gehalten, erklärt die Filmspezialistin Lewy. »Oft sehe ich deshalb hochgezogene Augenbrauen, wenn ich Leuten sage, dass ich Horror liebe«, sagt sie. Besonders fasziniere sie, dass diese Filme die Zuschauer mit sozialen Realitäten und Ängsten auf eine äußerst ehrliche Art konfrontieren. Horrorfilme, die von Frauen gemacht sind, rütteln zusätzlich an sexistischen Topoi und nehmen sie auseinander; mehrdimensionale Frauenfiguren seien eine Errungenschaft dessen. »Die meisten Filme werden immer noch von weißen, männlichen, nicht behinderten Mittelklasse-Leuten gemacht und viele Zuschauerinnen werden dazu sozialisiert, deren Realität und Probleme als die Norm zu sehen«, so Lewy. Sie will Filme von marginalisierten Menschen zeigen, die den Alltag und die damit verbundenen Ängste auch tatsächlich widerspiegeln.

Gerade das Horrorgenre hat großes Potenzial für das Empowerment gesellschaftlich marginalisierter Gruppen. Jordan Peeles Körpertausch-Horror »Get Out« wird in dieser Hinsicht oft angeführt. Denn das Grauen dieser Filme holt das Unterdrückte wieder hervor. Horror thematisiert das, wovor wir Angst haben, das, was wir nur unbewusst, am Rande des Blickfeldes wahrnehmen. Der Gruselfilm zwingt uns aber dazu, direkt hinzusehen. Von Dachböden und aus Kellergewölben, Meerestiefen und dem dunklen All drängen Kreaturen, Dämonen und Geister heran und kommen letztendlich doch nur aus uns selbst. Die Monster sind Metaphern für gesellschaftliche Diskurse: Sexismus, Zwangsprostitution, zermürbende Anforderungen an Schwanger- und Mutterschaft, religiöser Fanatismus, Mobbing oder nahende Demenz. Dadurch funktioniert der Horrorfilm auch als Kommentar auf gesellschaftliche Missstände.

»Ich fühle mich sicherer, wenn du mit mir im Haus bist«, sagt der schon grau gewordene Vater zu Sam in »Creswick«. Da ist es wieder: Das ungute Gefühl, das das Rückgrat herunterschleicht und einen bei jedem kleinsten Geräusch aufschrecken lässt. Der Atem wird schneller. Die Sinne sind wie geschärft, die Nackenhaare aufgestellt, die Pupillen erweitert. Das »Final Girls«-Filmfestival kann beginnen.

»Final Girls Berlin«, vom 1. zum 3. Februar im »b-ware!« Ladenkino, Gärtnerstraße 19, Friedrichshain.

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