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Selten nur Sonnenschein

Die Olympia-Ambitionen der beiden Koreas sorgen seit 70 Jahren für Streit

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Manchmal geschehen im Sport auch politische Wunder: Die am 20. Januar in Lausanne ausgehandelte Einigung zwischen Nord- und Südkorea über die Teilnahme an den Winterspielen von Pyeongchang 2018 ist ein Erfolg, auf den vor kurzem noch kaum jemand zu hoffen wagte. Die Vereinbarung sichert die Teilnahme einer nordkoreanischen Mannschaft und bietet die Garantie, dass die Winterspiele friedlich über die Bühne gehen werden. Der gemeinsame Einmarsch bei der Eröffnungsfeier und das gemischte Fraueneishockeyteam zeigen, das man das Verhältnis nicht weiter eskalieren lassen will.

Manches in dem Konflikt erinnert an das einst geteilte Deutschland - allerdings mit dem Unterschied, dass die Koreaner unverschuldet in diese Situation geraten sind - als die ehemalige japanische Kolonie nach dem Zweiten Weltkrieg von den Siegermächten am 38. Breitengrad in zwei Einflusssphären geteilt wurde. Daraus gingen verfeindete Staaten hervor, die mit Hilfe ihrer Verbündeten drei Jahre lang Krieg führten. Eine Million Soldaten und rund drei Millionen Zivilisten kamen dabei um. Trotz des Waffenstillstandsabkommens von 1953 gibt es bis heute so gut wie keine Kommunikation.

Und der Sport? Mit den US-Amerikanern war im Süden auch deren Lebensweise eingerückt und damit auch der Sport nach westlichem Muster. Im Jahr 1946 gründete sich ein Olympisches Komitee (KOC) mit Sitz in Seoul, das schon 1947 anerkannt wurde - »in wenigen Sekunden«, wie IOC-Kanzler Otto Mayer feststellte. Bereits 1948 nahm in St. Moritz erstmals ein Team an Winterspielen teil.

Trotz der Gründung der Demokratische Volksrepublik Korea 1948 im Norden beanspruchte das KOC die Vertretung von ganz Korea für sich. Nach dem Korea-Krieg (1950 bis 1953) konstituierte sich auch das NOK der Volksrepublik, dessen Antrag auf Anerkennung aber 1956 vom IOC zurückgewiesen wurde, weil pro Land (das geteilte Korea galt als solches) nur ein Komitee existieren könne. Den Nordkoreanern wurde empfohlen, die Angelegenheit wie die Deutschen zu lösen. DDR und BRD nahmen im selben Jahr mit gemeinsamen Teams an den Spielen von Cortina d’Ampezzo und Melbourne teil.

Diese Argumentation war allerdings widersprüchlich, denn bis 1955 hatte das IOC dem ostdeutschen NOK mit der Begründung »pro Land nur ein NOK« die Akzeptanz verweigert, ehe es einsah, dass die DDR ein Staat und keine »Zone« war. Zwar reichte es vorerst nur zum Status »provisorisch«, diesen aber verlangte das sowjetische IOC-Mitglied Konstantin Andrianow 1957 nun auch für den kommunistischen Norden Koreas.

IOC-Präsident Avery Brundage hatte sich in seiner Logik verheddert und musste wohl oder übel nachgeben, jedoch mit der Einschränkung, dass eine Olympiateilnahme eine gemeinsame Mannschaft voraussetzte. Die Nordkoreaner akzeptierten ein für 1959 geplantes Treffen unter Aufsicht des IOC, doch der Süden, der sich weiter im Kriegszustand sah, verweigerte jede Mitwirkung. Ein gemeinsames Team solle es erst nach der Wiedervereinigung geben. Nach dem Ende der Ersten Koreanischen Republik im Süden, die in Wirklichkeit eine finstere Diktatur war, folgte 1960 eine kurze Periode der Demokratisierung. Die Hoffnungen, die Brundage in einen Wechsel gesetzt hatte, erfüllten sich jedoch nicht. Acht Monate später wurde die Regierung durch einen Militärputsch gestürzt.

1962 debattierte das IOC auf seiner Session die Einmischung der Politik in den Sport. Anlass war die durch den Mauerbau von 1961 entstandene Lage, in deren Folge die bundesdeutschen Sportorganisationen die Beziehungen zur DDR abgebrochen hatten. Zu den Sanktionen zählten unter anderem Einreiseverweigerungen in NATO-Staaten. Da das Problem auch andere Länder betraf, beschloss das IOC, Olympische Spiele nur noch an Bewerber zu vergeben, die garantierten, allen anerkannten NOKs Visa auszustellen.

In der »Korea-Frage« aber waren keine Fortschritte erkennbar. Brundage favorisierte weiter die Gemeinsamkeit, weshalb er dem KOC eine Frist bis 1. September 1962 setzen ließ. Falls die Antwort negativ ausfallen sollte, stellte er dem Norden für 1964 die eigenständige Beteiligung in Aussicht. Da sich der Süden weiter stur stellte, verlor der IOC-Präsident die Geduld. 1963 ließ er die Teilnahme zweier koreanischer Mannschaften für 1964 beschließen, wobei der Süden unter der Bezeichnung »Korea« und der Norden als »North Korea« starten sollte. Bei der Eröffnung sollten beide hinter einer weißen Fahne mit der Aufschrift »Korea« einmarschieren.

Dazu kam es aber nicht. Als die Nordkoreaner bei den Winterspielen in Innsbruck eintrafen, zeigten sie die Flagge der Volksrepublik. Außerdem verlangten sie, in der Bezeichnung gleichrangig behandelt zu werden. Letzteres wurde ihnen mit dem Verweis auf den IOC-Beschluss verweigert, doch bei Fahnen und Emblemen gab es ein Einsehen. Jedes Team durfte seine eigenen Farben zeigen.

Der Norden hatte 13, der Süden sieben Athleten geschickt - zumeist im Eisschnelllauf, dessen Frauenwettkämpfe überraschend endeten. Die Nordkoreanerin Han Pil Hwa erreichte über 3000 Meter die gleiche Zeit wie die russische Ex-Weltmeisterin Walentina Stenina, womit sie hinter der überragenden Lidija Skoblikowa (UdSSR) als erste Asiatin eine Medaille bei Winterspielen gewann.

Das war vor allem ein Erfolg sowjetischer Entwicklungshilfe. Zu den Ende der 1950er Jahre entsandten Experten zählte Pjotr Djomin, der die Leichtathletin Sin Kim Dan trainierte, die einen kometenhaften Aufstieg erlebte. Nachdem sie bereits 1960 mit 53,0 Sekunden den 400-Meter-Weltrekord egalisiert hatte, verbesserte sie diesen 1962 in Pjöngjang auf 51,9.

Kurz zuvor hatten in Jakarta die IV. Asien-Spiele stattgefunden, zu denen Nordkorea nicht zugelassen war. Da Indonesien auch den Teams aus Taiwan und Israel die Einreise verweigert hatte, reagierte Brundage hart. Das NOK Indonesiens wurde suspendiert, worauf Staatspräsident Sukarno mit »Spielen der neuen erwachenden Kräfte« (GANEFO) konterte. Bei der Gründungskonferenz waren neben Nordkorea auch das 1958 aus dem IOC ausgetretene Rot-China und die UdSSR dabei - dem IOC drohte die Gefahr einer Abspaltung.

Überragende Teilnehmerin der 1. GANEFO 1963 in Jakarta war Sin Kim Dan, deren Siegerzeiten (400 Meter in 51,4 Sekunden, 800 Meter in 1:59,1 Minuten) deutlich unter den Weltrekorden lagen. Da ihr Nationalverband aber nicht der Weltföderation IAAF angehörte, wurden ihre Zeiten nicht ratifiziert.

Stattdessen wurden 1964 alle GANEFO-Teilnehmer einschließlich Sin Kim Dan von den Olympischen Wettkämpfen ausgeschlossen - obwohl die Nordkoreaner schon in der Olympiastadt Tokio angekommen waren. Das gesamte Team reiste daraufhin wieder ab. Zuvor hatte es eine herzzerreißende Szene gegeben, als Sin für wenige Minuten ihren Vater traf, den es während des Krieges in den Süden verschlagen hatte.

1967 ging das IOC das Thema erneut an und stellte Nordkorea wie dem NOK der DDR den erwünschten Namen in Aussicht, jedoch erst ab 1. November 1968. Alle waren einverstanden. Als aber die Spiele begannen, fehlten die Nordkoreaner, worauf das IOC zwei Tage später die Rücknahme des Beschlusses verkündete.

Obwohl der Süden die Angelegenheit für erledigt hielt, wurde die Debatte 1969 fortgesetzt. Diesmal ließ Brundage über die Namensänderung abstimmen. Mit 28:15 Stimmen bei zwei Enthaltungen wurde Nordkorea endgültig anerkannt, so dass sie wie die DDR 1972 in Sapporo erstmals mit allen Rechten dabei sein konnte, ebenso bei den Sommerspielen in München, die für die Nordkoreaner mit einem Paukenschlag begannen. Li Ho Jun errang in der Disziplin Kleinkalibergewehr, 60 Meter liegend, mit Weltrekord das erste Gold im Sportschießen. Verlegenheit machte sich breit, als Li vor der TV-Kamera auf eine Standardfrage fröhlich antwortete, er habe so geschossen, wie es ihm vom Präsidenten empfohlen worden sei: »Schieße wie an der Front gegen den Feind!« Seine Mannschaftsleitung erklärte den Fauxpas mit einer falschen Übersetzung.

Der Süden übertraf 1969 den Norden erstmals in der Wirtschaftsleistung. Von da an wuchs der Vorsprung mit jedem Jahr. Das sportliche Leistungsvermögen blieb aber bis Ende der 1970er Jahre ungefähr gleich. Es verschob sich im nächsten Jahrzehnt deutlich zugunsten des Südens, der nach dem Ende der Militärdiktatur ein »Wirtschaftswunder« erlebte.

Die Vergabe der Olympischen Spiele von 1988 an Seoul stellte eine Zäsur dar. Für den Norden war sie ein Tiefschlag. Anfangs hoffte die Familiendiktatur der Kims wohl, dass es nach zwei Olympiaboykotten eine Fortsetzung geben würde. Doch als sich andeutete, dass die Mehrzahl der Ostblockstaaten teilnehmen würde, reagierte das von Fidel Castro ermunterte Pjöngjang 1985 mit der Forderung, die Wettkämpfe in Nord und Süd auszutragen und eine gemeinsame Mannschaft zu bilden. Die Gespräche darüber zogen sich fast zwei Jahre lang hin. Sie gestalteten sich umso schwieriger, da die Nordkorea-Vertreter bei jeder Abweichung von der Linie bei ihrer Parteiführung nachzufragen hatten. Als die Verhandlungen erneut in eine Sackgasse gerieten, wurde klar, dass die Nordkoreaner nur ein Spiel trieben. 15 Tage vor der Eröffnungsfeier sagten sie ab.

Dennoch gab es konfliktfreie Spiele. Neben der Präsenz des Ostblocks, der Pjöngjang als Ausgleich die Weltfestspiele der Jugend von 1989 zugeschanzt hatte, trug dazu die Anpassungsfähigkeit des südkoreanischen Regimes bei, das 1987 überraschend viele Forderungen der Opposition erfüllt hatte. Das Verhältnis zum Norden besserte sich indes nicht. Im Gegenteil: Der Streit um einen Atomreaktor löste 1994 die erste Nuklearkrise aus. Dass Pjöngjang Kernwaffen entwickelt, bestätigte sich 2005. Hoffnung auf Annäherung gab es nur kurze Zeit, als Kim Dae Jung 1998 zum südkoreanischen Präsidenten gewählt wurde. Zu den Grundsätzen seiner »Sonnenscheinpolitik« gehörte die Einsicht, dass Wiedervereinigung nur auf friedlichem Wege zu erreichen ist. Womöglich erinnert nun Pyeongchang 2018 daran, dass sich Verhältnisse auch umkehren lassen.

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