Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Ausbruch aus dem System

Rana Ahmad

Jetzt kannst du unter Menschen gehen, ohne dass es gefährlich ist«, sagt die Mutter zu ihrer 14-jährigen Tochter, »Gott wird dich noch mehr lieben.« Noch freut sich Rana Ahmad über diese Worte. Zum ersten Mal sieht sich die junge Frau, beinahe noch ein Kind, komplett verschleiert im Spiegel. Das Einzige, was noch an ihr Gesicht erinnert, sind ihre dunklen Augen, die zwischen einem schmalen Schlitz aus Wogen von tiefschwarzem Stoff unsicher hervorschauen.

In Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens, wo die Gebote des wahhabitischen Islam das Leben streng reglementieren, ist es Frauen in der Öffentlichkeit nicht einmal gestattet, ihre Augenbrauen zu zeigen. Die Abaya, das Gewand, das Frauen über ihrer Kleidung tragen, die Tarha, der Schleier, der Haare verhüllt, und der Nikab, der das Gesicht verdeckt, sind nur ein Vorgeschmack auf das Gefängnis, in dem Frauen in Saudi-Arabien zumeist ihr ganzes Leben verbringen.

Die mittlerweile 32-jährige Rana Ahmad ist diesem Gefängnis entkommen. Heute lebt sie in Köln und beginnt bald ein Studium der Nuklearphysik. Bis dahin war es ein weiter, beschwerlicher Weg. Schon als Zehnjährige musste sie ihr Fahrrad gegen einen schwarzen Schleier eintauschen. Das Korsett aus religiösen Regeln zog sich von da an immer weiter zu. Ohne männliche Begleitung durfte sie nicht mehr das Haus verlassen. Kein Wind wehte mehr durch ihr Haar, keine Sonne sollte sie mehr auf ihrer Haut spüren. Als sie 19 war, wählte ihre Mutter einen Mann für sie aus, die Ehe scheiterte tragisch. Als geschiedene Frau blieb ihr nichts anderes übrig, als zu den Eltern zurückzuziehen. Im Pyjama in ihrem Kinderzimmer begann der Ausbruch aus dem System. Über Twitter kam Ahmad mit Texten von Nietzsche und Darwin in Kontakt, begann zusehends an ihrem Glauben zu zweifeln und wurde schließlich Atheistin. Darauf steht in Saudi-Arabien die Todesstrafe.

Rana Ahmads Autobiografie zeugt davon, welche Hürden Menschen überwinden und wie viel Leid sie ertragen können, wenn sie den Glauben an sich selbst und an ihre Überzeugungen nicht verlieren. Wir lernen eine beeindruckende, mutige Frau kennen. Gleichzeitig gibt ihre Lebensreportage einen tiefen Einblick in den Alltag der Frauen ihres Heimatlandes.

Für Europäerinnen ist es kaum vorstellbar, wie wenig das Leben einer Muslima in Saudi-Arabien, einem der reichsten Länder der Welt, das sich nach außen gerne westlich gibt, wert ist. In einer klaren Sprache und deutlichen Worten berichtet Ahmad schonungslos über ihre Kindheit in Riad, ihr unglückliches Eheleben in Syrien und die Flucht nach Europa. Der Gestus der Sprache bleibt auch in Passagen erhalten, in denen man kurz innehalten muss, so schwer wiegen die geschilderten Ereignisse. Gerade das macht den Text so intensiv. Ahmad erhebt ihre Stimme laut im Kampf für Menschen- und Frauenrechte - mögen sie viele hören und noch mehr ihr folgen.

Rana Ahmad (Ko-Autorin Sarah Borufka): Frauen dürfen hier nicht träumen. Mein Ausbruch aus Saudi-Arabien, mein Weg in die Freiheit. btb-Verlag, 316 S., br., 16 €.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln