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Tierversuche mit Geld der VolkswagenStiftung

Ärzteorganisation kritisiert »unfassbare« Experimente im Rahmen der Wissenschaftsförderung

  • Von Reimar Paul
  • Lesedauer: 3 Min.

Nach dem VW-Konzern ist auch die VolkswagenStiftung wegen Tierversuchen in die Kritik geraten. Nach Angaben der »Ärzte gegen Tierversuche« hat die Stiftung jahrelang »unfassbare« Experimente an Singvögeln und anderen Tieren finanziert. Ein Stiftungssprecher verteidigte die Förderung der umstrittenen Projekte gegenüber »nd«.

In von der Stiftung finanzierten Versuchen seien etwa Rotkehlchen und anderen gefangenen Singvögeln die Augen zugeklebt worden, um ihren Orientierungssinn in verschiedenen magnetischen Feldern zu erforschen, sagt Corina Gericke vom Vorstand des Ärzte-Vereins. Anschließend seien die Vögel geköpft worden. In anderen Experimenten habe man Mäusen Bestandteile von Chilischoten in die Füße injiziert, um die Schmerzreaktionen zu beobachten.

Bei weiteren Mäusen sei ein künstlicher Schlaganfall durch Verstopfen einer Hirnarterie ausgelöst worden. Anschließend hätten die Tiere schwimmen müssen, »bis sie aufgaben«. So hätten die Forscher feststellen wollen, ob ein Schlaganfall Depressionen auslöst. Selbst die seit Jahren umstrittenen Hirnversuche an Affen, bei denen die Tiere durch Durst gefügig gemacht werden, seien von der VolkswagenStiftung gesponsert worden, kritisiert Gericke. Die Tierärztin bezeichnet solche Versuche als grausam, absurd und »reine Neugierforschung«. »Ohne finanzielle Unterstützung durch Drittmittel wie über die VolkswagenStiftung müsste so mancher Forscher seine nutzlose Arbeit einstellen«, sagt sie.

Die VolkswagenStiftung als größter privater Wissenschaftsförderer Deutschlands führe selbst keine wissenschaftlichen Studien und Versuche durch, erklärt deren Sprecher Jens Rehländer auf Anfrage. Sie beauftrage diese auch nicht. Im Rahmen ihres Förderangebots unterstütze sie Forschungsprojekte in allen Disziplinen. In einem »sehr kleinen Bereich« könne dies auch Tierversuche beinhalten, etwa in biomedizinischen Vorhaben.

Alle beantragten Projekte würden von der Stiftung und wissenschaftlichen Gutachtern aber »sehr kritisch diskutiert und geprüft«, sagte Rehländer weiter. Dies beinhalte die Frage, ob der zu erzielende Erkenntnisgewinn nicht auch durch alternative Ansätze zu erreichen sei. Derzeit könne die Wissenschaft aber noch nicht überall auf Tierversuche zur Erforschung grundlegender Fragestellungen verzichten.

Für die von den »Ärzten gegen Tierversuche« genannten Projekte sind die Forschungsentscheidungen laut Rehländer bereits »vor 10 bis 15 Jahren« gefallen. Sie hätten »neue Erkenntnisse für die Behandlung von Schlaganfällen, Depression und Demenz« erbracht. Die Anträge seien von internationalen Gutachtern geprüft und von der Stiftung erst bewilligt worden, nachdem eine Genehmigung auf Basis der zuständigen Ethikkommission vorgelegen habe.

Die VolkswagenStiftung mit Sitz in Hannover ist keine Unternehmensstiftung. Ihr Kapital entstammt dem Privatisierungsprozess der heutigen Volkswagen AG; daraus sowie aus den vom Land Niedersachsen gehaltenen VW-Aktien werden die Fördermittel erwirtschaftet. Nach Ansicht der »Ärzte gegen Tierversuche« trägt der Autobauer als Namensgeber jedoch eine Mitverantwortung. Außerdem sei ein Vertreter des Autoherstellers Mitglied des Kuratoriums. Die Medizinervereinigung fordert von VW deshalb Druck auf die Stiftung, um das Tierversuchssponsoring einzustellen.

Den »Ärzten gegen Tierversuche« zufolge ist die generelle Genehmigungspraxis für Tierversuche in Deutschland derzeit nur eine Formsache, die Ablehnungsquote liege bei unter einem Prozent. »Jeder noch so absurde Versuch wird genehmigt«, so Gericke. »Und wenn eine Behörde mal den Mut hat, einen Antrag abzulehnen, geht der Experimentator vor Gericht, wie gerade in Berlin.« Dort hatten die Behörden ein wissenschaftliches Vorhaben eines Instituts abgelehnt, bei dem Nachtigallen ein Speicherchip ins Gehirn eingepflanzt werden soll. Die Wissenschaftler klagen jetzt gegen das Gerichtsurteil.

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