Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Fiebertraum

Bowies »Lazarus«

  • Von Dorothea Hülsmeier
  • Lesedauer: 3 Min.

New York, London und jetzt Düsseldorf: Rund zwei Jahre nach dem Tod von David Bowie feierte sein Musical »Lazarus« am Samstagabend eine minutenlang umjubelte deutsche Erstaufführung - auf einer Baustelle.

Obwohl das Schauspielhaus wegen einer Großsanierung geschlossen ist, war es dem Intendanten Wilfried Schulz gelungen, die deutschen Erstaufführungsrechte nach Düsseldorf zu holen. Und so musste sich das Premierenpublikum erst einmal den Weg vorbei an einer monströsen Baugrube, Gerüsten und Sicherheitszäunen vorbei zum Hintereingang bahnen, bevor es mit Bowies Welthits belohnt wurde.

Theater wäre nicht Theater ohne einen Coup. Der kam allerdings ungeplant aus dem weit entfernten Wien - und richtete sich gegen den »Lazarus«-Regisseur Matthias Hartmann, ehemals Intendant des Wiener Burgtheaters. Wenige Stunden vor der von einem großen Medienecho begleiteten »Lazarus«-Premiere wurde ein offener Brief von Hartmanns ehemaligen Mitarbeitern publik, in dem sie ihm vorwerfen, in seiner Amtszeit von 2009 bis 2014 eine »Atmosphäre der Angst« geschaffen zu haben. Im Fahrwasser der MeeToo-Debatte ist da von Sexismus und Machtmissbrauch die Rede.

Hartmann war 2014 als Intendant der Burg wegen einer ihm angelasteten Finanzaffäre entlassen worden. Ein Ermittlungsverfahren steht kurz vor dem Abschluss, die meisten Vorwürfe haben sich laut Hartmann als haltlos erwiesen. Dann taucht der Brief auf. Hartmann spricht von einem »gezielten Angriff« auf die Düsseldorfer Premiere.

Einige der Unterzeichner des Briefes kenne er gar nicht. Hartmann, der in Theaterkreisen durchaus als schwierig, dominant und ruppig gilt, vermutet, man wolle seine Entlassung nachträglich rechtfertigen.

Für Unruhe sorgte der Burg-Brief während der Endproben in Düsseldorf trotzdem. Intendant Schulz sprach noch am Freitagabend mit dem Ensemble und mit Hartmann. Das Premierenpublikum aber feierte das »Lazarus«-Team inklusive Regisseur dann ungerührt mit Ovationen.

Bowie hatte das Musical »Lazarus«, das er zusammen mit dem irischen Dramatiker Enda Walsh schon sterbenskrank schrieb, als ein schwer zu entschlüsselndes Rätsel über das Sterben und die Reise in das Jenseits angelegt. Unter Hartmanns Regie wird aus dem Musical ein bildmächtiges Gesamtkunstwerk, getragen von künstlerisch verfremdeten Projektionen des Bühnengeschehens auf riesige Leinwände, die Sonnensegeln einer Raumstation nachempfunden sind. Live-Kameras sind ständig nah an den Schauspielern und übertragen ihre Gesichter auf die Screens, wo sie sich in den Wolken oder Sternen verlieren. Sterben als künstlerische Inszenierung - besser hätte man Bowie, der sich Zeit seines Lebens in unterschiedlichsten Rollen stilisierte, kaum interpretieren können.

Die Handlung von »Lazarus« knüpft an das Ende des Films »Der Mann, der vom Himmel fiel« (1976) an, in dem Bowie die Hauptrolle, den Außerirdischen Thomas Newton, gespielt hatte. Im Film strandet dieser auf der Erde. Im Musical hingegen ist aus Newton ein reicher Geschäftsmann geworden.

Er versucht, seine inneren Dämonen mit Gin zu vertreiben, und träumt von der Rückkehr zu seinem Heimatplaneten. »Ich bin ein Sterbender, der nicht sterben kann«, spricht er. Eine Raumkapsel erhebt sich über einem von leeren Flaschen umrahmten Matratzenlager.

»David sagte stets, das Stück solle sich anfühlen wie ein Fiebertraum«, sagt Co-Autor Enda Walsh. dpa/nd

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln