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Musik ohne Staubkorn

Mit »Love & Peace« hat Altmeister Joachim Kühn seine bislang entspannteste Platte vorgelegt

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 4 Min.

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Seit über 50 Jahren bewegt sich der mittlerweile 73-jährige Pianist und Komponist Joachim Kühn in der Beletage des europäischen Jazz. Er muss also niemandem mehr etwas beweisen oder sich selber ständig neu erfinden. Dennoch sind Kühns Projekte und Produktionen stets auch musikalische Wundertüten voller Experimentierfreude und Spiellaune. Die gängigen musikalischen Schubladen sind allesamt viel zu klein für ihn.

Mit »Love & Peace« hat Kühn jetzt seine wohl entspannteste Platte vorgelegt. Unterstützt von Chris Jennings (Bass) und Eric Schaefer (Drums), präsentiert er eine Sammlung teilweise fast schon elegischer Melodien, aber stets interpretiert mit dem unverwechselbaren »Kühn-Groove«.

Die wunderschöne Doors-Ballade »The Chrystal Ship« wird mit sanften, sparsamen harmonischen Erweiterungen und perlenden Improvisationen veredelt. Seine Version von »Le vieux chateau« aus Modest Mussorgskis Zyklus »Bilder einer Ausstellung« erweitert die Bildhaftigkeit des Originals mit einigen hellen Farben. In die Eigenkomposition »Mustang« steigt Kühn mit einer kräftigen, wilden Solo-Attacke ein, die dann von Jennings und Schaefer in eine aufreizend zurückgenommene Blues-Ballade geführt wird. »But Strokes of Folk« präsentiert dann ein Füllhorn heftiger, teilweise artistischer rhythmischer Einwürfe. Eine Neubearbeitung des freien Kühn-Klassikers »Phrasen« bietet seinen Mitspielern angemessenen solistischen Freiraum und dokumentiert eindrucksvoll das riesige Potenzial, das in dieser Trioformation steckt.

Es sind sehr unterschiedliche Stücke, doch neben der starken Melodieorientierung zieht sich vor allem die spürbare Leichtigkeit durch dieses Werk. Musik ohne ein Gramm Fett, ohne ein Staubkorn, wie ein frisch gelüftetes Wohnzimmer.

Für Kühn ist »Love & Peace« ein logischer Schritt: »Ich habe über Jahrzehnte so viel wildes, schnelles, freies Zeugs gespielt, da braucht es auch mal die Besinnung auf die Einfachheit, auf schöne, klare Melodien«, sagt er im Gespräch. Vielleicht sei das auch ein bisschen »Altersmilde«, aber Zeit spiele für ihn schon lange keine Rolle mehr. »Neulich hat mir mein Bruder (der 88-jährige Klarinettist Rolf Kühn, d. Red.) erzählt, dass er gerade die beste CD seines Lebens aufgenommen hat, was soll ich denn da sagen?« Musik sei schließlich etwas Unendliches, und an jedem Tag, den er an seinen Steinway-Flügel in seinem Haus auf Ibiza verbringe, entdecke er etwas Neues - und sei es die klangliche Schönheit eines einfachen C-Dur-Akkordes mit dem G im Bass.

Für jemanden wie Kühn, der sich viele Jahre in hochkomplexen Harmoniestrukturen mit verminderten und erweiterten Akkorden jenseits der Dur-Moll-Tonalität bewegt hat, ist das in der Tat eine »neue« Erkenntnis. Ohnehin müsse er in seinem Alter »viel mehr üben und ausprobieren als früher, um nicht einzurosten«. Auch wünsche er sich, dass diese CD Menschen den Zugang zu seiner Musik ermöglicht, »die sonst nicht so viel mit Jazz am Hut haben«.

Und es geht immer weiter. Er wisse schon lange nicht mehr, was Arbeit, Freizeit und Urlaub ist, denn für ihn sei »das hier alles eins«. In seinem Studio spielt er neue Solo-Stücke ein und sichtet den Fundus von rund 170 Stücken, die er mit dem US-amerikanischen Saxofonisten und Free-Jazz-Pionier Ornette Coleman vor rund 20 Jahren live gespielt hat. Da seien »wahre Schätze dabei, die außer den Besuchern des jeweiligen Konzertes noch niemand gehört hat«, gerät Kühn ins Schwärmen für einen »der größten Jazz-Musiker aller Zeiten«, wie er den 2015 verstorbenen Coleman nennt.

Auch mit dem Trio geht es weiter: »Da habe ich zwei richtig gute junge Musiker gefunden. Die begleiten mich nicht einfach, wir spielen auf Augenhöhe, und diese Geschichte ist noch lange nicht zu Ende.« Ab und zu geht es auch auf Tour mit Solokonzerten, Auftritten mit dem Trio oder zu einem Projekt mit einem Chor in Darmstadt.

So ist auch »Love & Peace« nur eine der unzähligen Momentaufnahmen des Schaffens von Joachim Kühn, der bestimmt noch viele folgen werden. Denn Musik ist eben unendlich.

Joachim Kühn New Trio: »Love & Peace« (ACT Music)

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