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  • Kultur
  • Jubiläum des Brecht-Zentrums

Ein Dichter, der nicht zu zentrieren ist

Vor 40 Jahren wurde das Brecht-Zentrum der DDR gegründet - Anlass für viel Rückschau und ein bisschen Ausblick

  • Von Martin Hatzius
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ob die Arbeiter, die Maria Steinfeldts Fotografie in jenem Moment festhält, da sie das von ihnen fertiggestellte Brecht-Haus in der Berliner Chausseestraße 125 verlassen, jemals an diese Stätte zurückgekehrt sind, ist nicht überliefert. Belegt ist hingegen - auch durch ein weiteres Foto Steinfeldts - die feierliche Eröffnung des Brecht-Zentrums der DDR am 9. Februar 1978. Erich Honecker wohnte ihr mit einer Regierungsdelegation bei. Neben 14 weiteren Arbeiten der 1935 geborenen Theaterfotografin Steinfeldt, die das hiesige Geschehen über die Jahre hinweg in mehreren Tausend Aufnahmen dokumentierte, sind die beiden Bilder derzeit in einer Jubiläumsausstellung des Literaturforums im Brecht-Haus zu sehen.

Auch an das Hoffest des Brecht-Zentrums im Juni 1990 wird mit einem Foto erinnert. Es war das letzte Fest, bevor der Zusatz »der DDR« gestrichen wurde. Nach mehrfacher Namensänderung und programmatischer Neuausrichtung wirkt heute hier das Literaturforum im Brecht-Haus. Dessen Mitarbeiter Christian Hippe brachte seine Institution in der Eröffnungsrede zur Jubiläumsveranstaltung in eine unmittelbare Verbindung zur Geschichte dieses Orts. Das ist bemerkenswert nicht nur, weil die aktuellen Programme des Literaturforums weit »über Brecht hinaus« reichen. Schon die Bezeichnungen - hier das Forum, dort das Zentrum - signalisieren ein grundsätzlich verschiedenes Selbstverständnis.

Aber stimmt das überhaupt? Der sympathisch zerzauste irische Literaturprofessor Antony Tatlow, langjähriger Direktor der Internationalen Brecht-Gesellschaft und als solcher in enger Verbindung mit Werner Hecht (1926 - 2017), dem Leiter des Brecht-Zentrums der DDR, stellte in seiner Rede nicht nur überraschende Querverbindungen zwischen Brecht und Oscar Wilde oder Karl Valentin heraus, er verwies auch auf den Widerspruch, der der Bezeichnung »Brecht-Zentrum« innewohnte: Zielte dessen vom DDR-Kulturministerium beförderte Errichtung etwa darauf, »Brecht zu zentrieren«?

Wenn dies das Anliegen gewesen sein sollte, schlug seine Verwirklichung fehl. Ein Unbequemer wie Brecht, der postulierte, über seinen Tod hinaus unbequem bleiben zu wollen, lasse sich nicht ohne Weiteres zentrieren, so Tatlow. Die tatsächlich seit 1978 in der Chausseestraße 125 geleistete Arbeit - von der Forschung und Publikation über die pädagogischen Programme bis hin zur Ausrichtung von Veranstaltungen wie den Brecht-Tagen, die bis heute existieren - bewirkte sehr viel öfter eine offene Diskussionsatmosphäre, als dass sie offiziell gewünschte Lesarten gefestigt hätte. Staatliche Eingriffe, so Christian Hippe, blieben nach heutigem Kenntnisstand selten.

Während Hippe, ein Nachgeborener wie der Autor dieser Zeilen, von den »Möglichkeiten der diskursiven Auseinandersetzung« an diesem kleinen »Zentrum« inmitten der DDR schwärmte und dabei Namen wie Wolfgang Heise, Christa Wolf, Heiner Müller und Volker Braun anführte, konnte Steffen Mensching aus eigener Erinnerung schöpfen. Der heute 59-jährige Autor und Bühnenkünstler sprach von der »sozialistischen Haltung«, die ihn schon als Jugendlichen an Brecht faszinierte. »Sozialistische Haltung«, das hieß für Mensching und seine Freunde, die »Wut des Herzens« mit der »Klarheit des Kopfs« in Einklang zu bringen. Als »Vorzeigekünstler« der DDR sei der Sozialist Brecht für Mensching und die Seinen zugleich Stütze gewesen beim Versuch, den real existierenden Sozialismus zu kritisieren.

Neben der »Klubatmosphäre«, die das Brecht-Zentrum auszeichnete, habe die benachbarte »Buchhandlung Brecht« eine besondere Anziehungskraft auf junge Künstler und Intellektuelle wie ihn ausgeübt. Dank eines Bestellprivilegs waren hier Titel »unterm Ladentisch« zu beschaffen, die es anderswo nicht zu kaufen gab. Im Zeitalter des Onlinebuchhandels, so Mensching, sei das Glück, ein solches Buch in den Händen zu halten, kaum mehr nachzuvollziehen: »Wie langweilig kann Freiheit sein, wenn sie im Angebot ist.«

Während die tägliche Arbeit des Brecht-Zentrums dereinst darin bestand, Besuchergruppen (meist Arbeiterkollektive) mit Brecht in Beziehung zu bringen, dürften sich Proletarier heute selten ins Literaturforum verirren. Damals, so heißt es, habe sich das kulturelle (und gastronomische!) Angebot des Brecht-Kellers für jene Kollektive als besonders attraktiv erwiesen. Wegen Baumaßnahmen ist das Kellerrestaurant nun bis auf Weiteres geschlossen. Brecht hätte es sicher gefallen, wenn denen, die es herrichten, hier auch nach getaner Arbeit wieder etwas zu denken und zu tun gegeben würde.

Noch bis zum 9. Februar widmen sich die Brecht-Tage 2018 dem Thema »Brecht und das Fragment«. Die Fotoausstellung von Maria Steinfeldt ist während der Veranstaltungen im Literaturforum zu besichtigen.

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