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Prost, Heimat!

Über eine Freiburger Tapas-Bar, ein Gespräch über die AfD, deutsche Ängste und friesisch-französische Identitäten - und die Frage: Wo kommen Sie denn her?

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»Und wo kommen Sie her?« Ich starre mein Gegenüber an. Normalerweise lüge ich ein bisschen, wenn mir diese Frage gestellt wird. Der Einfachheit halber. Ich sage: »aus Berlin«, oder »aus Wilhelmshaven«, und mein Gegenüber nickt zufrieden, stellt noch einige Fragen zur Nordsee oder ob ich es nachts in Berlin gefährlich finde, und man geht zum üblichen Smalltalk über. Aber diesmal ist es anders. Diesmal bin ich in Freiburg, wo ich meine Kindheit verbrachte; hier habe ich die Welt kennengelernt, die Straßenpflaster lösen in meinem Bauch ein kindliches Kribbeln aus, habe ich darauf doch laufen gelernt und so manches Mal die kleinen Steinchen meinem Gesicht gefährlich nahe kommen sehen.

Mein Gegenüber kommt auch nicht aus Freiburg, er kommt aus Osnabrück und wohnt seit fünf Jahren hier. Buchhalter, verbeamtet. Als ich hungrig in die spanische Tapas-Bar stolpere, ist der Platz neben ihm an der Bar der letzte freie. »Natürlich kann sich die junge Dame gerne hierher setzen«, sage er zur Bedienung, mit einem schnellen Blick mustere ich ihn: Würde er mir lästig werden? Würde er mich fragen, was ich so alleine in der Bar mache? Würde er mir zu nahe rücken? Müsste ich jede Sekunde aufpassen, dass seine Hand nicht auf meinem Oberschenkel landet? Nein, entscheide ich, der sieht ok aus, und setze mich neben ihn. Ich sollte Recht behalten.

Nun haben wir bereits über die AfD gesprochen, ich weiß nicht, warum ich selbst mit wildfremden Menschen innerhalb weniger Minuten bei diesem Thema lande. »Was machen Sie?«, diese Frage kommt meist noch vor »Wo kommen Sie her?«, und wenn ich »Journalistin« sage, »bei einer linken Zeitung«, dann landet man eben sofort bei der AfD. Hufeisenmodelle im Kopf, schätze ich. Mein Gegenüber empfindet die AfD als demokratische Bereicherung. »Es gibt nunmal einige Leute, die so denken«, sagt er, er sagt nicht: »die weniger Flüchtlinge in Deutschland haben wollen«, er sagt nicht: »die lieber zum traditionellen Geschlechtermodell zurückkehren wollen«, er sagt: »die so denken«. »Und wenn viele nun mal so denken, dann ist es doch nur richtig, wenn diese Meinung in den Parlamenten vertreten wird, finden Sie nicht?«

Wir diskutieren über Ängste. Darüber, ob Ängste durch Politik verschoben oder hervorgebracht werden können, oder ob sie unverrückbare Ängste individueller Menschen sind, auf die die Politik reagieren muss. Mein Gegenüber hat auch Angst. »Wenn es so weitergeht«, sagt er, »stehen uns große kulturelle Veränderungen bevor. Dazu habe ich keine Lust.« Ich frage ihn, welche Kultur er denn fürchte. »Nehmen wir Shisha-Bars«, sagt er. »Die mag ich nicht. Ich fühle mich dort einfach nicht wohl, und Sie müssen mir doch beipflichten, dass dort eine sehr männliche Atmosphäre herrscht.« »Patriarchal«, ergänze ich in meinem Kopf, ich nicke, »ich weiß, was Sie meinen.« »Naja, ich will einfach nicht, dass noch mehr Shisha-Bars aufmachen, dann würde ich mich in Freiburg nicht mehr so wohl fühlen, dann würde ich mich in meiner eigenen Stadt fremd fühlen.« Ich stelle mir vor, wie auf dem Freiburger Martinstor nicht mehr das goldene »M« von McDonald's prangt, sondern arabische Schriftzeichen.

»Fühlen Sie sich denn in Cafés wohl, die nur glutenfreie Kuchen anbieten, und Latte Macchiatos mit laktosefreier Milch?«, frage ich. Er schüttelt den Kopf. »Oh Gott, nein, wie nervig, dieser neue Nahrungsmittelwahn! Früher hat noch jeder einen anständigen Kuchen vertragen.« »Und in Metal-Bars, Rocker-Kneipen, fühlen Sie sich dort wohl?« Er schüttelt den Kopf, weniger vehement, er merkt wohl, worauf ich hinaus will. »Nein«, sagt er schwach. Ich hole zum Schlag aus. »Und wieso haben Sie dann mehr Angst vor Shisha-Bars als vor Glutenfrei-Cafés oder Rocker-Kneipen?« »Ich sehe, worauf Sie hinauswollen«, sagt er. »Aber wenn verschiedene Kulturen auf engstem Raum leben, ist das nun mal schwierig.« Ich muss lachen, haben wir vorher doch darüber diskutiert, wie schwer es für Norddeutsche – er kommt aus Osnabrück – ist, sich in Süddeutschland zu integrieren. So haben wir das natürlich nicht genannt, »wohl zu fühlen«, haben wir gesagt.

Er merkt es auch, er lacht ebenfalls. Und dann die Frage: »Wo kommen Sie denn her?« Ich entscheide mich dazu, ehrlich zu antworten. »Ich habe hier meine Kindheit verbracht, deshalb bin ich gerade hier«, sage ich. »Ah, dann sind Sie hier geboren?« »Nein. In Berlin.« »Aber hier zur Schule gegangen.« - »Nein. Zur Schule gegangen bin ich an der Nordsee, in Wilhelmshaven. Aber hier war ich im Kindergarten.« »Und jetzt wohnen Sie in Berlin?« »Ja, dort habe ich studiert.« »Also kommen Sie aus verschiedenen Teilen Deutschlands«, fasst er zusammen. »Deutschland ist Ihre Heimat.« »Nein«, sage ich, »nicht ganz. Meine Mutter kommt aus Frankreich.« »Woher aus Frankreich?« Und wieder wird es kompliziert. In Südfrankreich geboren. Als Baby mit der Familie nach Tunesien, auf einem Bauernhof aufgewachsen, als Tochter einer Kolonialfamilie. Im Algerienkrieg zurück nach Frankreich. In der französischen Provinz in die Grundschule gegangen. In Paris Abitur gemacht, dann Studium, dann Deutschland.

»Und der Vater?« Ich lache. Das ist einfach. »Der ist Friese.« »Es ist nicht einfach, mit Ihnen über Heimat, kulturelle Identität und Angst vor Fremdheit zu sprechen«, sagt er und hebt seine Glas mit spanischem Crianza. »Prost!«

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