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Rohe Kunst zerschluchtet die Figuren

Plastiken, Radierungen und Übermalungen von Sabina Grzimek in der Galerie Pankow

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Sie zieht einen sofort in den Bann: die groß gesehene, vom Boden weg strebende Plastik »Wolodja und Koschka« (Bronze, 2018, 1. Guss). Daumen drückend hat die Bildhauerinnenhand in die Materie gegriffen, die Figur zerschluchtet, Gelenkpfannen eingeprägt, Knorpel herausgequetscht, ein Tongebilde rasch emporgefingert, naturhafte Patzen geknetet, die Formen steil in die Höhe rhythmisiert: Und so steht der Emporwachsende vor uns da.

Das hat mehr mit l’art brut, »roher Kunst«, als mit figuraler Kunst zu tun. Doch ist nichts Zerteiltes an dieser Plastik, sie ist aus einem Guss, aus einem Griff. Das haben alle Plastiken von Sabina Grzimek gemeinsam: eine fließende Beweglichkeit, eine bestürzende Augenblicklichkeit, Raumverbundenheit und rhythmischen Abwechslungsreichtum. Sie findet bei jeder Figur bald den »Drehpunkt«, aus dem heraus - wie aus einem elastischen Gelenk - Bewegung, Aktion, Leben möglich wird und erwächst.

Sabina Grzimek hat eine enorme Beobachtungsgabe, bestimmte Bewegungen gerade in der Zehntelsekunde zu erfassen, wenn sie besonders charakteristisch sind. Der sich bewegend Stehende, die sich drehend Sitzende, auch der hellwach - mit gespitzten Ohren - liegende Hund »Che« (Bronze, 2018, 1. Guss) drehen sich aus dem klassischen Koordinatensystem heraus, sie kippen aus der traditionellen Raumvorstellung.

Das kanonische Liegen, Sitzen und Stehen ist vollkommen aufgegeben. Die ganz einfachen Körperbewegungen werden drohend deutlich, schmerzhaft genau, sie werden plastisch definiert. Bei »Che, sitzend« (2018, 1. Guss) schauen Eisengestänge unter der Bronzehaut hervor und vermitteln etwas von der inneren Brüchigkeit, aber auch Härte. Wenn eine Bildhauerin derart Ernst macht mit den Beziehungen und das Gleichgewicht immer betont, indem sie es stört, dann ist es auch völlig gleichgültig, ob sie nun figurativ oder nonfigurativ arbeitet.

Somatisch gegensätzlich zeigen sich ihre Terrakotta-Kleinplastiken, nervöse Figuren, sie bauen sich auf, brüchig, zuckend, fahrig, mit einem Reichtum an Deformierungen, die immer wieder zerschleißen. Eine Körperlichkeit, optisch gebrochen, in einer höchst modernen, hochgradigen Sensibilität. Und es scheint so, als füge sich das Ensemble dieser grotesk bemalten Figuren wie zu einem makabren Totentanz zusammen.

Den Hauptteil der Ausstellung machen aber Radierungen und Übermalungen aus fünf Jahrzehnten aus. Diese Blätter und Blättchen haben wenig vom Charakter sonstiger Bildhauergraphik. Sie sind keine Werkskizzen, sondern durchaus selbstständige Improvisationen: ein Formeinfall bis ins Einzelne und Verästelte der Problemstellung ausgesponnen, die vielen Möglichkeiten durchprobiert, wie Form an Form sich verändert. Die sanften Stimmungen bei so unterschiedlichen Motiven wie »Ohne Titel (Figuren in der Landschaft lagernd)« (1963, Radierung, Wasserfarbe) oder »Meine Füße« (2014, Radierung, Kaltnadel, Aquarell, Deckfarbe) waren dafür anregende Mittel.

Es gibt Vogel-Studien, freche Spatzen, misstrauisch äugende Amseln, pickende Stare, alle eindringlich erfasst, aber auch Schafe, Kühe, Pferde auf der Weide, die Katze mit ihren Jungen, der Hund »Che«, sich voller Lebenslust wälzend und im Tod. Aber auch Landschaften der Berliner Umgebung in unterschiedlichen Jahreszeiten, der Garten der Künstlerin, Ausblicke aus dem Fenster ihres Ateliers in die Marienburger Straße, Kinder in der Krippe, eine allegorische Darstellung der verschiedenen Lebensalter, Personen, die der Künstlerin nahestehen, Porträts von Künstler- und Dichterkollegen, Einblicke in Jazzkonzerte, ein Pianist in voller Konzentration am - unsichtbaren - Flügel (gerade die suchende, bekenntnisartige Intensität ihrer Porträts ist hervorzuheben), Befindlichkeiten, Glücksmomente und schwermütige Erinnerungen. Blätter, die in einer Situation stehen, aus der sie ihren Sinn beziehen.

Sie suggerieren durchaus Alltagsrealität, das Erlebnis des Flüchtigen, aber überleuchtet, herausgehoben. Der aufreibende Kontrast etwa zwischen sensibler, nervöser oder auch heftig zeichnerischer Gestik mit dem kühl kalkulierenden Grundriss der Komposition offenbart die besondere Dimension dieser Arbeiten: Spontaneität, Übermalung, Überzeichnung, Durchdringung, Überschneidung, Transparenz, Duktus bilden das Formgerüst.

Die Künstlerin zeichnet nicht ab, sie reagiert, sie ist eine Beobachterin, die sich verliert und wieder zurechtfindet, die auf ungeordnet erscheinende Zusammenhänge diszipliniert, auf Geordnete impulsiv-gegenläufig antwortet. »Unordnung ist die Wonne der Phantasie« steht in Spiegelschrift am unteren Rand einer Radierung. Diese Arbeiten komprimieren eine Fülle von Erfahrungen, Verständigungen über das eigene Ich und deren Beziehung zur Welt. Sie wirken wie Aufsichten auf ein Gelände, das, wie von ungefähr, intuitiv erkundet und mittels eindringlicher Zeichen markiert und definiert wird. Man könnte auch von einem vexierhaften Auftauchen der gegenständlichen Motive sprechen - von halluzinatorischen Figurenbildern. Sabina Grzimek lässt Gestalten und Gesichter wie absichtslos aus dem Dunklen, Amorphen auftauchen und wieder verschwinden.

Nicht die Dinge selbst, nicht deren Projektion auf der Fläche sind das Thema der Zeichnerin, Radiererin und Malerin, sondern die Beziehung zu ihnen. Mit der sensiblen und gespannten Energie dieser Beziehung muss der Arbeitsprozess korrespondieren, um etwas von dem zu vermitteln, was wir in unserem Erleben als wirklich empfinden. Die Eingebungen kommen von innen, nicht von außen. Gestaltloses wird Gestalt, Erlebnis und Symbol fallen zusammen.

Es sind Bilder aus einer Zwischenwelt, Bilder an der Nahtstelle zwischen Schein und Sein. Sie begleiten den Fluss der Gedanken, Erinnerungen, Träume, Gefühle, Beobachtungen. Hier zeigen sich die Spuren ihrer Wege und ihrer Entwicklung, die Abdrücke ihrer wechselnden Befindlichkeiten, Stimmungen und Gefühle, gemischt mit aufflackernden Ideen und sich aufdrängenden Gestalten und Gegenständen der Alltagswelt und der Phantasie.

Es sind Arbeiten, die uns beleben und berühren, uns irritieren und doch seltsam anziehen.

»Sabina Grzimek: Aus den Zeiten. Radierungen und Übermalungen«, bis zum 1. April in der Galerie Pankow, Breite Straße 8, Pankow

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