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  • Kultur
  • Flüchtigkeit und Niedergang

Die Lehre der Futterrüben

Ein Wolkenbuch als Versuch über die Flüchtigkeit.

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 8 Min.

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Das ist die allgemeine Lage: Die Gedanken springen, die Bilder flackern, die Szenen huschen, die Zusammenhänge gehen enttäuscht auseinander, die Zeiten haben keine Zeit mehr, das Flüchtige thront, die Biografien splittern. Über allem der tiefhängende graue Himmel der Sorge. Die Beunruhigungen über die Welt nehmen zu, wie sie in jeder Epoche zunahmen; irgendwie jedoch scheint es gegenwärtig einen Wettbewerb zu geben, wer nun der intensivste Mahner und der hellsichtig-trübsinnigste Warner vor den Niedergängen sei. Aber verdammt, kein Spruch hat doch recht ohne Widerspruch. Nicht nur immer auf die Zeit nach dem Gewitter warten! Gibt es Schönheit nicht auch mitten unter der Regenwolke? Wenn dir die Dinge über den Kopf wachsen - nimm den Weg drunter durch. Zum Staunen ist das Leben jederzeit.

Es scheint die Tragik des verkanteten Gemüts zu sein: Just Menschen, die sich als kritische Geister verstehen, haben so selten eine freudige, genießende Ausstrahlung. Auf diese Weise wirkt Opposition, wirkt gesellschaftlicher Widerpart zwar ausdauernd fleißig, grabend, nachstoßend, aber kaum lebensfroh. Es ist bitter, wenn die immerwährende kritische Haltung am Pflichtgeschirr und mit verkniffenen Augen durch die Farben der Welt galoppieren muss. Jetzt gibt es ein Buch, das in besonderer Weise Hilfe zur Selbsthilfe sein kann: Wie öffne ich mich dem Wunderbaren, dem Faszinierenden? Inmitten Krise, Krieg, Kapitalismus und anderen Katastrophen - solchen, die sind, und solchen, die bei aller Klarsicht doch nur blinder Reflex sind, weil wir unser durchschütteltes Empfinden mal wieder unangemessen, ja ungebührlich auf die Welt hochrechnen.

Der Ratschlag ist denkbar einfach: nach oben schauen. Ovid bezeichnete dies als wesentliche Achsbewegung des aufrechten Ganges. Nachzulesen in »Wolkendienst - Figuren des Flüchtigen«. So heißt der Band des Literaturprofessors Klaus Reichert. Es ist ein Buch über Himmel und Erde, also Oben und Unten. Wolken! Der Mythos dieser Wässrigkeit über unseren Köpfen gründet sich auf eine schlichte, aber grandiose Wahrheit: Noch nie gab es ein Wolkenbild, das sich wiederholte - ewiger Wandel, laufender Wechsel, ununterbrochenes Vergehen. Also auch: Werden.

Collagiert sind Tagebücher über Wolkenszenerien, mythische Betrachtungen, Dichterzitate, Bildbeschreibungen in Museen, meteorologische Protokolle, Prosagedichte, musikalische Assoziationen (Debussy, Ligeti, Schönberg, Wagner), Malerporträts (Tizian, C.G. Carus, John Constable, Caspar David Friedrich, William Turner, die Fotografin Barbara Klemm), aphoristische, meditative Splitter. Reichert bleibt schreibend und sammelnd sehr konkret an den molekularen Wänden und Fetzen und Bändern da oben, doch sieht er kosmischen Nebel in allem, was uns umgibt, in allem, was uns selber ausmacht. Wolken, diese auflösungsfreudigsten aller Meisterwerke, bilden zugleich jene Spezies, die uns überleben wird. So wie in Brechts Lied über Marie A. jene kleine weiße Wolke »sehr weit oben« stärker in Erinnerung bleibt als das Gesicht des Weibes im Gras. Täusche sich kein Prophet, kein Politiker, kein Propagandist in dem, was von seinen Phrasen in den Gedächtnissen bleibt.

Der Meteorologe Luke Howard hat 1802 jene Wolken-Grundtypologie begründet, die noch heute gilt: Cirrus, Cumulus, Stratus, Nimbus. Goethe schrieb ihm ein Gedicht: »Howards Ehrengedächtnis«. Wir sehen Wolken, notiert Reichert, »sehen ihre Formen, die seit 1802 einen Namen tragen, sehen ihre Gestalten, ›von keinen Müttern geboren‹ (William Turner), wissen von ihrer Zusammensetzung und ihrem aberwitzigen Gewicht. Es ist alles ›da‹, wenn du hinschaust, mehr gibt’s nicht, aber wenn du wieder hinschaust, ist nichts mehr da.« Vom Winde verweht. Der Wind, der die Wolken vertreibt, so wird im Buch die libanesisch-amerikanische Dichterin Etel Adan zitiert - er verstößt gegen die zweifelhafte, vergeblich Primärfunktion des Verstandes: Permanenz zu sichern. Manche Wolken freilich, schreibt Reichert, »ziehen so stolz über die Abgründe dahin, als wären sie zu ewiger Hoffnung verdammt.«

»Wolkendienst« - der Titel folgt dem Kunstkritiker John Ruskin, der im 19. Jahrhundert mit dem Begriff »service of clouds« die moderne Landschaftsmalerei charakterisierte. Das Buch staunt. Was heißt das: staunen können? Es ist Schöpfung, denn es ist mitten im Endlichen, das wir nicht überwinden können, die Geburt einer - Dauer. Die entsteht, indem wir in einem Moment etwas entdecken, das folgenden Momenten Kraft oder Anmut oder Anbindung gibt. Dauer ist Geborgensein - aber in einer fortwährenden Unstetigkeit der Wahrnehmung. Und das Erschauern just vor Wolken (Dunkel, Masse, Geschwindigkeit, Formenfülle, die Gemäldeangebote: das tizianisch Schamlose, das Aufgetürmte, das Alternde, das Wollige, das Rastlose, das Geklumpte und Zerlumpte) - es ist ein Impuls für Furcht und Freude, es führt von »Verwunderung bis zur Bestürzung«, wie es bei Petrarca heißt.

Verwunderung ist ein Ausdruck von Glaubensfähigkeit: Glaube in eine Zeitrechnung, die nicht Sekunden summiert, sondern Erleben. Es ist ein Atemholen in den Dingen, die ihre eigene Sprache in uns bilden. Reicherts Wolkenschau erzählt Götter- und Gottesgeschichte, die zu allen Zeiten die Menschen begleitete. »Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in der Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit« (Lukas 21, 25-27). Solches lesen wir und wollen uns nicht lösen von Schönheits- oder Schreckbildern - die der armselige Rationalist leider nur immer rein meteorologisch deuten würde. So, wie er in Adolph Menzels weiß-grauem Gemälde »Ungemachtes Bett« gewiss keinen grauen Wolkenberg erblickte - jeder sieht eben nur das, wozu er begabt ist.

Kunst, Mythos - das ist die Antwort auf all das, was uns die Natur nur momentan wahrzunehmen erlaubt. Der ästhetische Blick bestärkt jene Zuversicht, welche die Natur bietet. Es ist die illusorische Zuversicht, eine spezielle Art der Übereinstimmung leben zu dürfen. Der Wolkenhimmel über einem See zum Beispiel stimmt immer mit dem See überein. Beide haben alles voneinander. Farben, Grenzen, Stimmungen. Wie schön wäre es, wenn man sich auch als Mensch allem anpassen könnte - aber ohne dass dies Anpassung hieße. »Nichts Bestimmtes sein zu müssen. Das wäre Harmonie.« Sagt Martin Walser. Es wäre Gesundheit. Aber statt dessen muss man dauernd so tun, als wäre man der und der und das und das. Und genau daran stirbt man.

In jeden neuen Tag treten wir mit Beschädigungen: Unsere Neugier ist allzu oft, sicherheitshalber, auf Festungsboden gebaut. Wir bilden uns beim Blick auf die Welt zu leichtfertig ein, wir seien der Motor, der auch noch das Gesetz der Bewegung kenne. Richtung und Ziel sowieso. Dabei wissen wir doch tief im Innern um die Driften, die uns schwindeln machen, wir wissen um die Kippen und Klippen, auf denen alles stand und weiter steht. Und zwar sehr brüchig. Dies Wissen fördert - zum Glück - die Hingabe an Melancholien und Rauschbilder auch des Dunklen. Dies Wissen fördert den Willen, uns etwa Shakespeare zu nähern oder Beckett. Großartige Wolkendichter. Sie sagen uns: Keine Wahrheit kommt ohne Apathie aus - nach wie vor blicken wir mitunter zum Himmel, als fänden wir so den Schlüssel zu dem, was sich über uns zusammenbraut. Die Vorstellung von höherer, richtender Gewalt in den Wolken, notiert Reichert, »steckt trotz aller Wissenschaft als etwas Unabgegoltenes noch immer in uns, wenn wir zum Himmel schauen.«

Es gibt nach wie vor Ahnungen, schreibt Reichert und erinnert daran, »dass der ungläubige Joyce bei Gewitter unter einen Tisch kroch«. Es gibt eine bis heute wirkende kosmische Angst, die von Wolken entweder abgedämmt oder aber weitergeleitet wird. Gewiss, einen Weltuntergang wird es nie geben. Aber natürlich wird die Erde untergehen - die wir in selbstverständlicher Arroganz mit Welt gleichsetzen. Manche dunkle Wolke lässt die Alpträume erwachen, Reichert beschreibt vulkanische »Katastrophenwolken« (Skaptár-jökull, Tambora, Krakatau, Eyjafjallajökull), als seien sie Vorboten: Die Erde wird verschwinden und die Kraft, die das bewerkstelligt, wird sich nicht darum scheren, dass auf diesem Planeten vielleicht gerade - endlich! - die gerechteste Ordnung aller Zeiten errichtet wurde. Das hält keine Supernova davon ab, zu bersten. Keine Eiszeit, sich vorwärts zu schieben. Keinen Asteroiden, treffsicher zu sein. Und der Sonne geht auch mal die Hitzepuste aus. So sind die Aussichten. Für morgen oder vielleicht erst für die Zeit in Milliarden Jahren.

Das Buch des langjährigen Präsidenten der Akademie für Sprache und Dichtung ruft ins Bewusstsein: Jene Katastrophen, die wir auslösen können, sind nur zu stoppen durch das Erschrecken über die Katastrophe, die wir selber sind. Und dennoch bleibt der Band ein leichtköpfiges Traktat gegen diese drückende Pflicht zur Arbeit, zu der Kunst gern genötigt wird. Die Kunst und die vermeintliche Lebenskunst. Erkenntnisarbeit. Trauerarbeit, Bewältigungsarbeit - immer muss alles »Arbeit« sein. Im ewigen Streit um Wirklichkeitsflucht und Wirklichkeitsdienst der Kunst könnten Gesinnungstoren also fragen: Wie lässt sich angesichts des bestehenden Weltübels das luxurierende Unternehmen einer Kunst rechtfertigen, die einfach nur Wolken malt?

Reichert beschwört mit der geradezu monotonen Konzentration auf Wolken eine Hoffnung: Kunst möge, just in diesen Zeiten, nicht allzu grob zur Dienstverpflichtung am Großprojekt der Weltrettung befohlen werden. Es ist doch etwas an und in der Kunst, wodurch sie über das bloß Sozial- und Realitätssüchtige hinausgeht. Sie will den anderen Zustand, vielleicht eben auch die Weltfremdheit. Für jenes schöne Ereignis, wie es an einer Stelle des Buches heißt, dass sich der Verstand in die Welt verliebt. Für dieses Ziel spielt unser Denken und Fühlen mit allen Elementen des Wirklichen. Spielt den Zuträger für Bejahungsenergien - denn: Es lebe die kleine Atempause, die wir Jetzige sind, in jenem ewigen Lauf der Dinge zwischen Vorleben und Nachleben. »Wer möchte nicht im Leben bleiben?«, heißt es im DEFA-Film »Sie nannten ihn Amigo«, im Lied von Wera Küchenmeister und Kurt Schwaen. Wie das zu bewerkstelligen sei? In dieser Sache ist Natur oft fühliger als der Mensch. Klaus Reichert erinnert an die noch immer bestehende Korrespondenz zwischen unten und oben, »wie sie ,im Anfang' war«: Zu erfahren etwa bei den Futterüben. Die legen ihre starren Blätterstengel lang vor dem Gewitter in die Ackerfurchen, damit der Sturm sie nicht brechen kann. Lebenskunst, um nicht plötzlich aus allen Wolken zu fallen.

Klaus Reichert: Wolkendienst - Figuren des Flüchtigen. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main. 248 S., geb., 26 €.

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