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St. Georg hisst die rote Flagge

Vor 100 Jahren: Der Matrosenaufstand von Cattaro.

  • Von Horst Diere
  • Lesedauer: 5 Min.

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Kotor oder Cattaro, wie die Stadt italienisch noch häufig genannt wird, ist heute mit seiner fast 30 Kilometer ins Inland hineinreichenden Bucht, der Boka Kotorska, die meist besuchte Tourismusregion Montenegros. Gelegen am südlichsten Ende der einstigen k.u.k.-Monarchie Österreich-Ungarn, war diese Adria-Bucht nach Pola (Pula) auf der Halbinsel lstrien im Norden der zweite österreichisch-ungarische Hauptflottenstützpunkt.

Im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs lagen etwa 40 Einheiten der k.u.k.-Kriegsmarine in der Bucht von Cattaro, die ständiger Standort der Kreuzerflottille mit dem Panzerkreuzer »Sankt Georg« (7300 Tonnen, 629 Mann) als Flaggschiff war. Insgesamt über 6000 Marineure, wie man hier die Matrosen nannte, dienten und litten an Bord der Schiffe unterschiedlichen Typs und Alters. Hinzu kamen deutsche Unterseeboote, die in Pola und Cattaro als »Deutsche U-Flottille Mittelmeer« stationiert waren.

Die Mannschaften der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine gehörten den verschiedensten Nationalitäten des habsburgischen Vielvölkerstaates an. Sie setzten sich aus 31,3 Prozent Kroaten, 20 Prozent Ungarn, 16,3 Prozent Deutschösterreichern, 14,4 Prozent Italienern, 10,6 Prozent Tschechen, 2,8 Prozent Slowenen u. a. zusammen. Diese Proportionen spiegelten sich auch in der Zusammensetzung der Mannschaften auf den schon lange untätig in der Bucht liegenden Schiffen wider.

Längst waren die Matrosen des Krieges müde. Katastrophal und menschenunwürdig waren die Verhältnisse an Bord. Vor allem die sich ständig verschlechternde Verpflegung der Mannschaften im Unterschied zur reichlichen Versorgung der Offiziere, Schikanen der Vorgesetzten, drakonische Strafen sowie seit Jahren ausfallender Urlaub erzeugten zunehmende Erbitterung.

Unter dem Eindruck der im Dezember 1917 begonnenen Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk und der Mitte Januar 1918 von Wiener-Neustadt ausgehenden Massenstreiks in den großen Industriezentren der Doppelmonarchie, wobei sich in Pola die dortigen Matrosen mit den streikenden Arsenalarbeitern solidarisierten, verband sich die brodelnde Unzufriedenheit auch bei den Matrosen von Cattaro und den Arbeitern in den Marinewerkstätten der Bucht mit dem Verlangen nach Beendigung des Krieges und einem schnellen Frieden. Dafür wollte man, wie im Verlaufe des Januar unter den politisch aktivsten Matrosen meist beim Landgang und bei geheimen Treffen in den kleinen Gasthäusern am Ufer der Bucht verabredet, am 1. Februar 1918 gemeinsam demonstrieren. Vom Admiralsschiff »St. Georg« sollte das Signal für die geplante Friedenskundgebung ausgehen. So wollten es die zum Handeln entschlossensten Matrosen, unter denen der Bootsmannsmaat Franz Rasch hervortrat, ein aus dem mährischen Troppau (heute: Opava) stammender Sozialdemokrat.

Am 1. Februar 1918, exakt um die Mittagsstunde, dröhnte aus einem Geschütz der »St. Georg« ein blinder Schuss über das Wasser der Bucht. Und am Signalmast stieg die rote Flagge auf. Die Matrosen der meisten Schiffe folgten diesem Beispiel. Nahezu unblutig vollzog sich die Entwaffnung und Festsetzung der Offiziere in ihren Kabinen. Spontan entstanden Matrosenausschüsse, die jeweils zwei Vertreter in den sich bildenden Zentralen Matrosenrat auf der »St. Georg« entsandten.

Franz Rasch hatte sich nach Beginn der sich zum Aufstand entwickelnden Kundgebung sofort auf die »St. Georg« begeben. Er hatte die Grundzüge für ein Memorandum vorbereitet, in dem der Matrosenrat unter der Überschrift »Was wir wollen« die Forderungen der Matrosen zusammenfasste. An der Spitze stand die sofortige Aufnahme allgemeiner Friedensverhandlungen auf der Grundlage des russischen Vorschlags eines Friedens ohne Annexionen und Kontributionen. Weitere politische Forderungen waren vor allem die Annahme des 14-Punkte-Programms des amerikanischen Präsidenten Wilson, das Selbstbestimmungsrecht aller Nationen, demokratische Regierungen für Österreich und Ungarn sowie das Recht der Matrosen auf die Wahl von Vertrauensleuten. Ein zweiter Teil dieser Forderungsliste bezog sich auf die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen.

Die Antwort des Kriegshafenkommandanten von Gussek am 2. Februar war ein Ultimatum mit der Forderung nach sofortiger Entfernung der roten Flagge und Wiederherstellung der Befehlsgewalt der Offiziere, andernfalls drohe die Beschießung durch die Küstenforts und sämtliche Landbatterien. Der Matrosenrat lehnte ab. Gussek verlängerte das Ultimatum bis zum 3. Februar, zehn Uhr, um Zeit für die Vorbereitungen zur Niederwerfung der Erhebung zu gewinnen. Dazu brauchte man vor allem die zu Hilfe gerufene 3. Division der Schlachtflotte aus Pola. Die drei 10 600 Tonnen-Schlachtschiffe und einige Torpedoboote mit ausgesuchten Mannschaften trafen in den frühen Morgenstunden des 3. Februar an der Mündung der Bucht ein.

Während ihre Gegner handelten, warteten die von der Außenwelt isolierten Matrosen ab, der Zentrale Matrosenrat erschöpfte sich in fruchtlosen Debatten. Telegramme, vor allem an den Vorstand der Sozialdemokratischen Partei in Wien, hatte die Landstation nicht weitergeleitet. Unentschlossenheit, politische Unerfahrenheit und Vertrauensseligkeit machten es den großzügig behandelten Offizieren leicht, viele Matrosen mit demagogischen Argumenten zu verwirren und zu verunsichern.

Bereits am 2. Februar nachmittags scherten die ersten Schiffe aus, holten die rote Flagge ein und passierten die Linie der deutschen U-Boote, welche die innere Bucht abgesperrt hatten. Zwischen dieser Linie und den in die äußere Bucht eingelaufenen Schlachtschiffen - bedroht zudem von den Geschützen an Land - vollzog sich bis zum Vormittag des 3. Februar das Ende der knapp drei Tage zuvor so hoffnungsvoll begonnenen Erhebung. Als letztes Schiff strich die »St. Georg« die rote Flagge.

Binnen weniger Stunden wurden über 800 Matrosen verhaftet und in den Kasematten der Festungen und Forts eingekerkert. 40 von ihnen wurden vor ein Standgericht gestellt. Auf der Grundlage einer skrupellos konstruierten Anklage wurden in einem willkürlich geführten Prozess als »Rädelsführer« und wegen »Empörung« zum Tode verurteilt: Franz Rasch, Anton Grabar, Jerko Sissgorić und Mate Berničević. Am 11. Februar, sechs Uhr früh, starben sie an der Friedhofsmauer von Skaljari bei Cattaro unter den Kugeln des Exekutionskommandos. Es dauerte noch bis zum endgültigen Zusammenbruch der k.u.k.-Monarchie im Oktober/November 1918, bis die letzten der eingekerkerten Matrosen von Cattero freikamen.

Friedrich Wolf hat den aufständischen Matrosen in seinem 1930 uraufgeführten Schauspiel »Die Matrosen von Cattaro« ein bewegendes literarisches Denkmal gesetzt. In Kotor erinnern im dritten Stock des Seefahrtsmuseums Bilder und Dokumente, Schiffsmodelle und einige Sachzeugen an den Matrosenaufstand gegen den Krieg und für den Frieden.

Wird der seit 2006 unabhängige Staat Montenegro, der seit dem 5. Juni 2017 als 29. und derzeit jüngstes Mitglied der NATO angehört, diese Erinnerung bewahren?

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