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Entlassen, also gerettet

Theater der Zeit: »Kostümbild« - Handwerk, Kunst und Zeitgeschichte

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Dass etwas im Anzuge ist, deutet auf Bedrohungen hin, die sich mit Anleihen aus dem textilen Vokabular wahrlich nur - verkleiden. Wie ja auch jener Binsensatz, die Haut sei einem näher als das Hemd, auf die Assoziationsreizung durch Stoff und Faser verweist. Ganz zu schweigen von Gottfried Kellers Kleidern, die Leute machen, oder jenen eingebildeten Umhüllungen des entblößten Kaisers beim Märchenerzähler Andersen. In Reflexionen und Rezensionen zum Theater freilich fristet das Kostüm ein oftmals ungerecht missachtetes Dasein. Regie und Darstellung dominieren, das Bühnenbild wird im kärglichsten Falle wenigstens erwähnt - aber das Kostüm? Jacke scheint oft genug wie Hose zu sein - das ist sie, die traurige nackte Wahrheit. Oder noch schlimmer: Shakespeare wird mit Schlips erdrosselt; Jeans dürfen behaupten, dass Schiller einen knackigen Arsch hat; die Antike ist eine Nebenstelle der Fashion Week.

Nein!, sagt dieses Buch, Kostüm ist mehr als die Kleiderkammer jenes Dünnsinns, der nur immer Hier und Heute kennt. In der verdienstvollen Reihe »Lektionen«, die »Theater der Zeit« in Partnerschaft mit der Universität der Künste Berlin herausgibt, erschien schon vor einiger Zeit »Kostümbild« von Florence von Gerkan und Nicole Gronemeyer. Sowohl Titel wie Reihenkennung betonen Sachlichkeit und Wissenschaftlichkeit. Ein profundes Gründlichsein bildet also den Kern dieser Publikation. Aber der Kern keimte, er stieß gleichsam durchs fachbezogen trockene Erdreich, spross ins Luftige, trieb Zweige und erfüllt ganz und gar Goethes so schönes wie schiefes Bild: »Grün ist des Lebens goldner Baum.«

Also: Dieses Buch ist mit seinen Ratgeberteilen für Ausbildung und Beruf, mit seinen Lehrbeispielen (»Wie man Professor wird oder Ein Doppelleben« von Reinhard von der Thannen), mit seinen theater- und handwerksgeschichtlichen Exkursen (etwa von Julia Burde), mit seinen theaterpraktischen Analysen (»Produktionsstrukturen im Kostümbild« von Kattrin Michel oder »Vernetzungen von Theorie und Praxis« von Miriam Dreysse) ein Fundus an Erforschung und Erfahrung. Zugleich aber ist es in zahlreichen Interviews mit Renommierten Erzählung, Lebensbild, Leidenschaftszeugnis.

Moidele Bickel - sie starb 2016 - erzählt von Übertragungen alltäglicher Kleidungen in die Kunst, sie betreibt am Anfang der Kostümfindung, etwa bei Tschechow, »eine Ethnologie der nächsten Umgebung«. Blick in Modezeitschriften? Wäre zu wenig, denn »die Straße erfindet immer noch etwas dazwischen«. Die Kostümbildnerin arbeitete mit Peter Stein, Patrice Chéreau, Luc Bondy, Michael Haneke (»Das weiße Band«). Von Isabelle Huppert weiß sie: »Eine manische Schauspielerin«, die »leider fast immer allein spielt, ihr Partner existiert für sie kaum, es ist ein bisschen gefährlich, aber wunderbar.«

Barbara Baum war Kostümbildnerin bei Fassbinder, bei Kubrick, bei Schlöndorff, für Faye Dunaway, Maryl Streep. Filmgeschichte wird lebendig, »ich denke immer in Stoffen, bei außergewöhnlichen Stoffen bekomme ich sogar Gänsehaut.« Johannes Schütz - sehr oft ein Partner von Jürgen Gosch - sieht ein Theater der Zukunft, »das sich auch wieder für kulturelle Zusammenhängen aus der Geschichte der Menschheit interessiert. Diese werden nicht nachvollziehbar, wenn alle auf der Bühne in Anzügen herumrennen.« Damit ist angesprochen, was die Arbeit an Kostümbildern hinaushebt ins Zeitdiagnostische: Wir leben abgetrennt von Überlieferung, von Bindungen an Gewesenes. Auch Victoria Behr, Bildnerin bei Herbert Fritsch, plädiert für das Sichtbarmachen des Fremden. »Ich glaube, ich habe noch nie ein blaues Kleid gemacht oder ein ganz rotes.« Bei der Farbauswahl ist sie »gerne eine Spur daneben, weil die Figuren oft krank und blass sind.«

Eine Fotostrecke dokumentiert, nein: erzählt anhand von Thomas Ostermeiers »Richard III.« an der Berliner Schaubühne, mit Lars Eidinger in der Titelrolle, die Entwicklung der Kostüme von den ersten Ansätzen bis in laufende Vorstellungen hinein. Und immer weiten sich die Gespräche über Ausbildung, über Werden und Wachsen im Beruf zu gesellschaftlichen Momentaufnahmen. So erinnert sich Martin Rupprecht an sein Praktikum 1956 beim »wunderbaren« DEFA-Szenografen Alfred Hirschmeier. Eines Tages sagte der: »Rupprecht, heute um elf Uhr wird die Nationale Volksarmee beschlossen, und ich möchte Sie da nicht als zwangsverpflichteten Soldaten sehen. Ich mach Ihnen jetzt einen Krach, ich entlasse Sie, ich schmeiß Sie raus. Hier haben sie eine Adresse, das war mein Lehrer, da gehen Sie hin.« So erlebte Rupprecht eine Rettung - und kam nach Westberlin. Und in die Welt.

Die Kostümbildnerin rosalie spricht vom »Alphabet der Schönheit«, mit dem Kunst sich ausdrücke. Dieses Buch offenbart auf kluge, sinnliche Weise, wie dieses Alphabet den Spielenden des Theaters gewissermaßen auf den Leib geschneidert sein kann. Wer dieses Buch gelesen hat, wird anders als bislang auf eine bevölkerte Bühne schauen.

Florence von Gerkan, Nicole Gronemeyer (Hrsg.): Lektionen - Kostümbild. Verlag Theater der Zeit, 344 S., Klappenbroschur, 19,50 €.

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