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Krieg im Dunstkreis von Gauland

»Finks Krieg« von Martin Walser: eine moderne Kohlhaas-Geschichte, basierend auf einem authentischen Fall

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Gut zwanzig Jahre ist es her, da machte ein Roman von Martin Walser in der Öffentlichkeit Furore, der mittlerweile in der literarischen Versenkung verschwunden ist. Aber »Finks Krieg«, so heißt das Buch, ist es wert, wieder ans Tageslicht geholt zu werden.

Walser thematisierte in seiner modernen Kohlhaas-Variante authentische Vorgänge aus der hessischen Staatskanzlei im Jahr 1988. Der damalige Chef der Kanzlei, Alexander Gauland (CDU), entließ den leitenden Ministerialrat Rudolf Wirtz (SPD) unter dem Vorwand, dass es Beschwerden über ihn gegeben habe, und besetzte dessen Posten mit einem eigenen Mann.

In Martin Walsers Roman trägt der Ministerialrat Wirtz den Namen Stefan Fink, und Gauland heißt Tronenburg - unverkennbarer Bezug auf Heinrich von Kleists Novelle »Michael Kohlhaas«, in der Kohlhaas seinen Kampf gegen das ihm widerfahrene Unrecht auf der Burg des Junkers Wenzel von Tronka ausficht.

Nach einer verlorenen Wahl wird ein Beamter ausgetauscht - ein scheinbar ganz normaler Filz-Vorgang im alltäglichen Politikleben. Doch nicht für den Beamten Fink, der sich zu wehren beginnt, weil er sich insofern ungerecht behandelt sieht, als der Staatssekretär als Begründung der Umsetzung unter Eid Beschwerden über den Beamten Fink angeführt hatte, die es definitiv nicht gab. Also Meineid. Also Prozess gegen den Staatssekretär. David gegen Goliath. Ein Prozess um die Wiederherstellung der Ehre des Beamten Fink.

Aber selbst die eigenen Parteigenossen unterstützen Fink nur, solange sie selbst in der Opposition sind. Mittlerweile wieder an der Macht - Finks Krieg dauert insgesamt sechs Jahre -, ist der Prozess für die eigene Partei nicht mehr interessant. Man bietet ihm den Maulkorb an: Er könne auf seinen alten Posten zurück, wenn er »die Sache« endlich ruhen lasse. Auch Finks Freunde und Verwandte schütteln nur gutmeinend den Kopf: Muss das denn sein? Das führt doch zu nichts!

Je mehr seiner Verbündeten in dem Kampf abspringen, desto verbissener kämpft Fink um sein Recht. Ein ursächlich löblicher Vorsatz - um Wiederherstellung von Recht und Ehre zu kämpfen und nicht klein beizugeben - kippt nach und nach in sein Gegenteil um. Auch dem Leser, anfänglich durchaus voller Sympathie für Fink, geht dessen Pedanterie auf die Nerven. Hat der Mann, Familienvater zweier erwachsener Kinder, keine anderen Sorgen? Immerhin steht er nach wie vor in Lohn und Brot, verdient kein schlechtes Geld.

Fink aber ist völlig besessen von seinem Kampf, fährt immer neue Geschütze auf, spannt die politische Opposition ein, eröffnet eine zweite Front mithilfe der Presse (und er verwendet tatsächlich immer mehr Kriegsvokabular!), er sammelt, kopiert und verteilt alles über seinen Prozess; über 80 Ordner füllen die Unterlagen bereits. Und je aussichtsloser sein Kampf erscheint, desto ausfälliger wird Fink gegenüber seinen Gegnern - was ihm im nächsten Moment bitter aufstößt, weil er weiß, dass zu viel Polemik nur schadet.

Der Ich-Erzähler Fink distanziert sich immer häufiger vom Beamten Fink, der immer nur Polemikschaum produziert. Eine literarische Spaltungsgeschichte. Walser springt von der ersten zur dritten Person und zurück. Kleinbürgerliche Schizophrenie. Nicht der Inhalt des Prozesses, nicht die förmlichen Streitereien, nicht die juristischen Spitzfindigkeiten, nein: Diese Spaltungsgeschichte ist das eigentlich Spannende an diesem Roman. Der Ausgang des Prozesses wird immer uninteressanter, weil ein Kampf zwischen dem Beamten Fink und dem Menschen Fink begonnen hat.

Ausgangspunkt dieser Spaltungsgeschichte, daran sei heute, mehr als zwanzig Jahre nach »Finks Krieg«, erinnert, war der Staatssekretär Tronkenburg alias Alexander Gauland, der bereit war, in seiner Politikkarriere über Leichen zu gehen. Finks Schicksal geht auf seine Kappe, so wie seinerzeit Wenzel von Tronka Schuld am sinnlos besessenen Kohlhaas-Kampf trug. Daran sei heute erinnert, da Alexander Gauland, nun nicht mehr CDU-Mitglied, sein Unwesen wieder in der Öffentlichkeit treibt.

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