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Der Schrotthändler wollte die Panzerfaustköpfe nicht

Sachsen-Anhalt: 2017 wurden Kampfmittelbeseitiger zu 301 Fundstellen gerufen - die Gefahr durch Blindgänger wächst, sagen Experten

  • Von Jessica Hanack, Magdeburg
  • Lesedauer: 3 Min.

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Ob beim Pilze sammeln, bei Bauarbeiten oder beim Pflügen auf dem Feld: Noch immer stoßen jedes Jahr Hunderte Menschen in Sachsen-Anhalt auf alte Kampfmittel. 2017 gab es 301 solcher Fundstellen, zu denen der Kampfmittelbeseitigungsdienst gerufen wurde. Im Jahr davor waren es 299. Die Zahl der jährlichen Fundstellen sei seit einigen Jahren relativ konstant, sagte Torsten Kresse, Einsatzleiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes. »Das wird nicht weniger.« Vor allem im Bereich der Großstädte und rund um damals kriegswichtige Industriebetriebe gebe es viele Blindgänger.

Deutlich abgenommen hat dagegen die Masse der Fundmunition. Insgesamt seien im vergangenen Jahr 21 Tonnen entdeckt worden, so Kresse. 2016 waren es landesweit 94 Tonnen, 2015 sogar noch 141 Tonnen. »Die Zahl schwankt jährlich sehr stark«, erklärte er. »Das hängt davon ab, wie viele Baumaßnahmen und Beräumungen auf Truppenübungsplätzen es gibt.« Auch das Wetter habe Einfluss. In einem trockenen Sommer mit Niedrigwasser werde zum Beispiel viel Munition in der Elbe entdeckt.

Die Gefahr durch Blindgänger nimmt allerdings mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht ab, sondern eher zu. Die Zünder seien oft zu fragil und mürbe, als dass ein Transport möglich sei, sagte Kresse. Funde müssten daher immer häufiger gleich vor Ort gesprengt werden. Auch das Risiko von Selbstentzündungen steige. Die Hülle der Kampfmittel sei über die Jahre dünner geworden, die Sicherheitseinrichtungen hätten sich oft so zersetzt, »dass da nicht mehr viel vorhanden ist«, sagte Kresse. An der Funktionalität der Zünder ändere das nichts. »Langzeitzünder können sich auch nach 70 Jahren noch selbst in Gang setzen.«

Dass bei den Funden im Land in den vergangenen Jahren niemand verletzt wurde, sei in einigen Fällen großes Glück, sagte Kresse. Zum Beispiel in der Gemeinde Leuna im Sommer 2017. Ein Bauer traf beim Pflügen direkt den Kopf einer Bombe - an der Stelle, an der sich oftmals der Zünder befindet. »Zum Glück hatte die Bombe einen Heckzünder, sonst wäre sie mit hoher Wahrscheinlichkeit explodiert«, sagte Kresse. Die Bombe musste später auf dem Feld entschärft werden.

2017 wurden laut Kresse 15 Bomben in Sachsen-Anhalt gefunden, sechs davon mit einer Masse von über 50 Kilogramm. Bei deren Entschärfungen komme für die Kampfmittelbeseitiger ein weiteres, wachsendes Problem hinzu, das auch viele Rettungskräfte mittlerweile kennen: Menschen, die das Geschehen filmen wollen. »Bei Bombenentschärfungen gibt es das sehr, sehr oft. Die Neugier ist groß«, sagte Kresse. Und die Gefahr, auch beim Finden von Kampfmitteln, werde von vielen Menschen unterschätzt.

So etwa bei einem Fall im vergangenen Mai in Quedlinburg. Bei einer Aufräumaktion in einer Gartenanlage landeten in einem Container für Metallschrott auch zwei Panzerfaustköpfe. Der Container wurde später von einem Schrotthändler abgeholt, der die Munition entdeckte - und den Verantwortlichen der Gartensparte aufforderte, sie wieder abzuholen. Der tat genau das und brachte die Panzerfaustköpfe in seinem Auto zur Polizei. Zum Glück aller Beteiligten handelte es sich bei dem Fund nur um Übungsmunition.

Auch für dieses Jahr geht Kresse wieder von einer ähnlich hohen Zahl an Fundstellen wie in den Vorjahren aus. »Wir rechnen damit, dass auch die Bombenzahl mit kleinen Abweichungen konstant bleibt«, so der Einsatzleiter. Vernichtet werden die Funde in einem Zerlegebetrieb in der Altmark. Dessen Lager seien laut Kresse noch relativ voll. Deshalb ist die Menge an entsorgter Munition auch deutlich höher als die der gefundenen. 2017 waren es 492 Tonnen.

Im benachbarten Thüringen wurden 2017 rund 91 Tonnen Munition und anderer Kampfmittel gefunden und entsorgt, in Sachsen wurden 132 Tonnen Bomben und Munition geborgen beziehungsweise gesprengt. Brandenburg meldete 280 Tonnen an Kampfmittelfunden. Gesamtzahlen aus Mecklenburg-Vorpommern sollen erst Ende Februar vorliegen. dpa/nd

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