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Vor der Abfahrt wird abgeholzt

Olympische Winterspiele sollen grüner werden, aber scheitern oft noch an dem Anspruch

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Es war ein groteskes Zusammentreffen. 2014 fand im derzeitigen Olympiaort Pyeongchang die COP 12 statt, eine UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt. 190 Vertragsstaaten bekannten sich dazu, den Verlust von Arten und Lebensräumen zu stoppen. Fast zeitgleich wurde die Piste für die Olympische Herrenabfahrt am Berg Gariwang bereitet, indem 58 000 Bäume abgeholzt wurden. Hunderte Jahre alte Mongolische Eichen und seltene Vorkommen der regionalen Birkenart Wangsasre verschwanden. Schutz seltener Arten? Abfahrt!

Dabei bemühen sich die Olympischen Winterspiele zunehmend um einen grünen Anstrich. Beispiel: zwei Goldmedaillen, die Biathletin Magdalena Neuner 2010 in Vancouver gewann und die - Schrott waren. Zumindest zu einem kleinen Teil: Sie enthielten exakt 1,52 Prozent Elektroschrott aus alten Computern und waren damit ein Symbol für verantwortungsvollen Umgang mit Umwelt und Ressourcen.

Den hatte man sich in Vancouver auch insgesamt vorgenommen. In den sieben Jahren seit Vergabe der Spiele seien 118 000 Tonnen CO2 verursacht worden - und also nur halb so viel wie bei den Spielen in Salt Lake City 2002 allein an 17 Wettkampftagen, schrieb das Organisationskomitee VANOC in einem Nachhaltigkeitsbericht, in dem von »klimaneutralen« Spielen die Rede war. Gelobt wurden energetisch optimierte Sportstätten, eine »grünen Fahrzeugflotte« oder eine »Zero Waste«-Strategie zur Vermeidung von Müll. Die Olympischen Ringe leuchteten im Februar 2010 denn auch tatsächlich oft in Grün.

Ohne Bekenntnis zu Umwelt und Nachhaltigkeit sind Olympische Spiele nicht mehr vorstellbar. 1994 erkannte das IOC die Umwelt offiziell als dritte Säule der Olympischen Bewegung an, neben Sport und Kultur. Später wurde die Olympische Charta um eine verbindliche Verpflichtung zu Nachhaltigkeit ergänzt. Bei den Winterspielen 1998 im japanischen Nagano schaffte es der Klimawandel zum ersten Mal in einen offiziellen IOC-Report. Es sei, stand dort, »besonders wichtig«, Winterspiele im Einklang mit der Natur auszurichten. Wie ernst gemeint der Anspruch ist - dazu gibt es geteilte Ansichten. Hans Jägemann, bis 2006 Abteilungsleiter für Umwelt und Sportstätten beim Deutschen Sportbund (DSB) und heute ehrenamtlich aktiv im BUND, hat miterlebt, wie Olympia sich für die Ökologie öffnete - und sagt: »Ich glaube nicht, dass das IOC wirklich viel davon verstanden hat.« Ein Indiz: Bis heute könne man nicht vom Gigantismus lassen, der sich in der Aufnahme immer neuer Sportarten zeigt. Bei den ersten Winterspielen 1924 wetteiferte man um 16 Goldmedaillen, in diesem Jahr sind es 102, erneut vier mehr als in Sotschi 2014, die dennoch als »Spiele im Einklang mit der Natur« beworben wurden.

Die vielen Wettbewerbe brauchen immer mehr Sportstätten, die indes, anders als bei Sommerspielen, nicht in Städten errichtet werden. Weil alpine Disziplinen steile Hänge verlangen und Langlaufloipen traditionell durch den Wald führen, baut man sie in der Regel in Gebirgsorte und enge Bergtäler. Dort drängen sich für die Dauer der Spiele Tausende Sportler und ein Vielfaches an Zuschauern, Journalisten und Offiziellen. Um sie schnell an die Wettkampforte zu bringen, werden oft Straßen durch ökologisch sensible Gebiete gebaut - so geschehen 2010 in Vancouver mit dem Sea-to-Sky-Highway und 2014 in Sotschi mit einer Straße am zuvor frei fließenden Flüsschen Mzyma.

Der Blick auf ökologische Auswirkungen tut gerade bei Winterspielen Not; schließlich stehen diese noch mehr als andere sportliche Großereignisse im Konflikt mit der Natur. Die Olympische Bewegung müsse sich daher Gedanken machen, wie das Bekenntnis zu Umwelt und Nachhaltigkeit glaubwürdiger umzusetzen ist, sagt Jägemann. Als ein Hauptproblem sieht er den Wechsel des Austragungsortes alle vier Jahre an, der immer wieder eine komplette Infrastruktur verlangt und Fragen der Nachnutzung aufwirft. »Ein Standort auf jedem Kontinent - das wäre eine Alternative«, sagt er. Winterspiele, wie sie derzeit stattfinden, hätten dagegen »keine Vorbildwirkung«. In Pyeongchang sieht mancher das genauso. »Während das IOC mit seinen Winterspielen prahlt, leiden die lokale Bevölkerung, der Wald sowie Pflanzen und Tiere unter der Beschädigung von Ökosystemen, Umweltverschmutzung und Geldverschwendung«, schrieb die Organisation Green Korea United, als 2014 am Mount Gariwang die Sägen knatterten. Dieser Fehler, fügte man hinzu, »wird alle vier Jahre in unterschiedlichen Ländern wiederholt«.

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