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Gefangen in Erdogans Strategie

Blutigstes Wochenende für die türkische Armee seit Beginn des Feldzuges in Nordsyrien

  • Von Jan Keetman
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Samstag besuchte der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim einen lokalen Kongress der regierenden AKP. Von den Tribünen, auf denen reichlich Fahnen geschwenkt wurden, schallte es ihm entgegen: »Bring uns nach Afrin!« Darauf Yildirim: »Seid am Ausgang bereit, wir gehen.« Dabei grinste er über beide Ohren und nahm ein Glas Wasser. Am selben Tag waren bereits elf türkische Soldaten in Afrin gefallen. Wohl um zu demonstrieren, dass die Türkei die bislang höchsten Tagesverluste in Afrin nicht einfach hinnehmen würde, zeigte das Fernsehen in der Nacht Bilder von einem Konvoi mit Panzern und Geschützen auf der Fahrt in die Region. Ein paar Leute am Wegesrand klatschten und ein Kommentator verkündete, nun würden Kommandoeinheiten aus verschiedenen Teilen der Türkei verlegt.

Kritik an der Militäroperation ist selten. Der ehemalige Generalstabschef Ilker Basbug und der Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu haben Präsident Erdogan aufgefordert, sich mit dem syrischen Präsidenten Assad zu einigen, ohne ihn ließe sich die Grenzregion ohnehin nicht kontrollieren. Kurz darauf hat Erdogan seine verbalen Angriffe wiederholt und Assad vorgeworfen, er höre nicht auf zu töten. So heftig wird er nicht, wenn sunnitische Extremisten wie der Islamische Staat (IS) morden.

Der kurdische Politiker Dengir Mir Mehmet Firat, der einst Erdogans Stellvertreter war, nun aber für die prokurdische HDP im Parlament sitzt, prophezeit bereits das langfristige Scheitern des Eingreifens in Syrien. Afrin könnte das »Vietnam« der Türkei werden. Sollte es fallen, würde das auch nur der Kontrolle Südvietnams durch die USA entsprechen. Hinzu käme ein ganz spezielles Problem: Nach Afrin sollte Manbij erobert werden. Doch anders als Erdogan gehofft hat, machen die US-Truppen keine Anstalten, aus Manbij oder gar aus dem gesamten kurdisch kontrollierten Gebiet in Syrien abzuziehen. Der Streit mit der Türkei ist für Washington sicher nicht schön, aber ein Rückzug aus Syrien wäre auch ein Problem. Es gäbe keine Garantie, dass der IS nicht wieder erstarkt. Der Sieg über die Dschihadistenmiliz aber ist bisher der einzige große außenpolitische Erfolg der Republikaner. Außerdem würde ein zentrales Land im Nahen Osten völlig der Kontrolle Russlands und Irans überlassen.

Dass die USA bereit sind, die kurdische YPG und die von ihr dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) nicht nur gegen den IS zu unterstützen, haben sie in der Nacht zum 9. Februar demonstriert. Als Regierungstruppen SDF-Stellungen angriffen – vermutlich ging es um die Kontrolle von nahen Ölfeldern am Euphrat – schlug die US-Luftwaffe verlustreich zurück. Mit dem NATO-Verbündeten würden man wohl nicht in gleicher Weise verfahren. Doch ist auch kaum vorstellbar, dass die türkische Armee tatsächlich US-Soldaten tötet, wenn sie nicht freiwillig gehen. Mag sein, dass bei anstehenden diplomatischen Kontakten ein Kompromiss ausgehandelt wird. Aber viel sollte man in Ankara nicht erwarten.

Erdogan ist nun der Gefangene seiner eigenen Ankündigung, erst Afrin, dann Manbij und schließlich alle kurdischen Kantone bis zur irakischen Grenze zu erobern. Vielleicht geht es auch deshalb in Afrin so langsam voran. Die steigende Zahl türkischer Verluste spricht gegen die These einer bewussten Verlangsamung. Außerdem hat sich Erdogan zu sehr als Kriegsherr inszeniert. Es sollte, »so Gott will«, ein rascher Feldzug werden. Im Tarnanzug tauchte er hinter der Front auf und ließ sich in der Pilotenkabine eines Jets fotografieren. Nach all dem Propagandarummel braucht Erdogan nun auch Erfolge. Doch nach über drei Wochen wird noch immer um Dörfer an der Grenze gekämpft.

Die Mischung aus hochgerüsteter türkischer Armee und islamistischen Freischärlern ist wenig effektiv. Von der Schulter abgeschossene Raketenwaffen machen auch kleine Gruppen zu gefährlichen Gegnern – was die Türkei aus dem bisherigen Verlauf des Bürgerkrieges eigentlich hätte lernen können. Doch je länger sich der Kampf hinzieht, um so mehr wird Afrin ein Symbol für die Kurden über Landes- und Parteigrenzen hinaus. Der türkische Angriff in Afrin nähre den kurdischen Nationalismus, so Firat.

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