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Zaubergriechen, Griechenzauber

  • Von Torsten Gaitzsch und Adrian Schulz
  • Lesedauer: 6 Min.

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In wenigen Tagen beginnen schon wieder die Berliner Filmfestspiele. Doch das seit einigen Jahren nach neuen Ausdrucksformen suchende jüngste griechische Kino ist dort, seiner wachsenden Bedeutung ungeachtet, unterrepräsentiert. Frühestens, nein: spätestens seit »The Killing of a Sacred Deer«, dem hochgelobten Geniestreich des Drastikers und Visionärs Yorgos Lanthimos (»The Lobster«) ist die Filmwelt im Hellenenfieber. Die sogenannte »Greek Weird Wave« (Bizarre Griechische Welle) bahnt sich ihren Weg durch den Okeanos des Mainstream-Cinemas. Torsten Gaitzsch und Adrian Schulz geben einen Überblick über die Highlights der kommenden Jahre.

The Human Balloon Dog

Giorgos Anafissuros, 2025

Weil ein dubioser kroatischer Enthaarungsmillionär nach und nach alle öffentlichen Einrichtungen aufkauft und einen neuen Schönheitskult etabliert, dem als reinste Schöpfung Gottes der Luftballon-Hund gilt, müssen sich die Bewohner künftig pro Tag zehn Haare mit einem rostigen Schraubenzieher ausreißen und aufessen. Damit soll Schluss sein, beschließt eine Gruppe militanter Männer und geht in den Untergrund. Von dort (Gullyschächte, Kellerfenster, Toilette von unterhalb da, wo der Popo ist) beschießen sie die Restgesellschaft mit Gewölleklumpen. Aus Angst davor, Bernd Eichinger oder Nico Hofmann könnten die Geschichte ihrer langsamen Zerspaltung in Flügel (Keule, Schenkel) und schlussendlichen Auflösung zu einem ARD-Historiendrama machen, geben sie jedoch bereits nach einigen Monaten auf und fügen sich dem Haarlos-Diktat. Zum Trost gesteht ihnen der inzwischen an Gelbsucht erkrankte Herrscher Zyklopen Zlatan den Erhalt der Pendlerpauschale auf Lebenszeit zu.

Special Effects: Dargestellt wird das Geschehen einzig durch die Bewegungen eines äußerst grobkörnig abgefilmten Speisekäfers aus der südossetischen Heimat des jungen, aufstrebenden Bildhelden Anafissuros, wo der Film auch gedreht wurde. »Ha! Südossetien liegt doch gar nicht in Griechenland«, werden Sie, liebe Leser, jetzt sagen – zurecht.

Medienecho: »Brisant, spannend, da geht es um uns alle!« (Bettina Schausten, »Christ und Welt«)

Bitten by my Own Shadow

Athina Rachel Tsangari, 2021

Vor dreißig Jahren hat die einst gefeierte Käsesommelière Vergine (stark: Melanie Griffith) ihre Tochter (auch stark: Hayden Käsepanettière) ins Heim gegeben – eine Entscheidung, die sie bitter bereut: Eine Verwaltungsgebühr von 100 Euro ist plötzlich nachzuzahlen. Um sich selbst zu kasteien, zieht sich Vergine als Magd auf den Biobauernhof der Siebentagsadventistin Paola (schwach: Karoline Herfurth) zurück und strickt rund um die Uhr an einem unendlich langen Schal. Erst nach einer Begegnung mit dem sympathisch proletarischen Glyphosatboten Kostas (durchgeknallt: Daniel Haas, aber das nur nebenbei) zeigt die Exilantin erstmals wieder so etwas wie Gefühle, wenn auch anfangs nur Ekel. Der treibende Score von Serj Tankian sorgt dafür, dass man die meisten Dialoge nur sehr schwer versteht.

Altersfreigabe: ab 12 (erste Hälfte) bzw. 18 (zweite Hälfte)

Medienecho: »Tüdelüdelü« (Daniel Haas, »Die Zeit«)

Wonderbra

Fagnada Bygnimidos, 2019

Ein älterer Filmregisseur aus Hollywood fährt mit der zehnten Klasse der Sankt-Ursula-Nonnenschule auf ein abgeschiedenes zypriotisches Landgut, um den jungen Frauen in diversen Gruppenarbeitsformationen die nackten Brüste mit frischer Molke einzureiben. Die Molke erzeugt er dabei ständig neu mithilfe einer seltsamen Apparatur aus alten Glühbirnen, Clownsnasen und Miniatur-Eisenbahnschienen. Weil ihnen das irgendwie bekannt – zu bekannt – vorkommt, schlafen die jungen Frauen jedoch ständig ein und müssen (unter Zuhilfenahme einiger weiterer bekannter Gesichter aus Film und Fernsehen – Senta Berger, Margot Käßmann, Eko Fresh u.v.m.) durch sadistische, aber auch irritierend lustige Folterpraktiken wie Arsch-Luftballon-Pupsen, Zu-Tode-Lachen, Nippelnoppel, Kacke-Kacke-Kuchen, Pisseschütteln oder irgendwas mit Brust wachgehalten werden. Im Zentrum steht die Frage: Wie groß ist die Brust einer Fünfzehnjährigen im Verhältnis zur Erdrotation?

Gewinnspiel: Der Mann mit den meisten Zähnen gewinnt 500 000 Euro und jeder Anrufer mit etwas Glück einen Mazda CX5.

Medienecho: »Wieder einmal hat es der Altmeister geschafft.« (3sat, Kulturzeit)

Kakadu

Ektoras Lyzigos, 2019

In einem 300-Seelen-Dorf auf der Insel Naxos strandet ein Wal. Das noch lebende Tier zwingt die Bewohner, ihm in jeder Neumondnacht ein lebendes Kind zum Fraß vorzuwerfen, ansonsten werde die doppelte Buchführung abgeschafft. Was die Erwachsenen nicht ahnen: Die Töchter und Söhne des Dorfes gelangen durch ein Portal im Inneren des Wals in eine Parallelwelt, in der die Zeit tausendfach verlangsamt abläuft. Nur ein geächteter, vorbestrafter Heroinmischer kennt die Wahrheit.

Interpretation: Die Folgen von Meeresverschmutzung und Landflucht werden erstmals vor dem Hintergrund erzkatholischen Kadavergehorsams aufgezeigt; en passant lernen wir, wie ein veraltetes Betäubungsmittelrecht demokratiezersetzende Ephialtes-Figuren hervorbringt.

Medienecho: »Xenophanes meets Béla Tarr meets Breaking Bad. Nach der Pause bin ich aufgewacht.« (Verena Lueken, »FAZ«)

The Happy Sneezings in the Early Stages of Pneumonia

Andromedos Lavalos, 2020

Der demente Tretbootvermieter Leguanos Drusenkopfus begibt sich auf seine letzte Reise. Weil er infolge der Finanzkrise alle seine Tretboote an einen chinesischen Großinvestor abtreten musste, um mithilfe des im Gegenzug erhaltenen Billig-Babypulvers mühsam seine Kalorienzufuhr zu gewährleisten, bleibt ihm nichts anderes übrig, als den weiten Weg nach Tsagkarada-Südbahnhof schwimmend zurückzulegen, nur mit leeren Babypulverpackungen bekleidet. »Bin ich dann eigentlich noch ein Tretbootvermieter? Wenn ich doch überhaupt keine Tretboote mehr besitze?« So fragt er unaufhörlich (genauer gesagt: vier volle Stunden lang) und übersieht die sich häufenden Symptome einer schweren Lungenentzündung.

Plottwist: Aus der Vogelperspektive sehen wir, dass Drusenkopfus sich gar nicht, wie geglaubt, in der Ägäis, sondern an der Fake-Tretboot-Ablegestation des Seniorenpflegeheims des griechischen Reedereiverbands befindet. Im Hintergrund rollt Dr. Schäuble einen Hügel hinunter.

Medienecho: »Was ist los mit meiner Generation?« (Hannah Lühmann, »Die Welt«)

Eta Tau

Costa Cordalis, 1982

Der kleine Eliota stößt eines Nachts in der heimischen Garage auf ein eigenartiges Objekt, das er zunächst für eine überdimensionale Aubergine hält. Als er hineinbeißen möchte, fängt das Ding an zu sprechen. »Nach Haus telefonieren«, krächzt die offenbar außerirdische Kreatur. Eliota möchte helfen, doch gibt es noch keine faire EU-Roaminggesetzgebung, weswegen Ferngespräche nahezu unbezahlbar sind. Einen klärenden Briefwechsel später steht fest, dass das Auberginenwesen gar keine außerirdische Kreatur, sondern ein extrem aufwendiges Kunstwerk ist, das bis 2017 zur documenta 14 verschifft werden soll. Mit seinem fliegenden Fahrrad bringt der hilfsbereite Knabe das Exponat persönlich zu Adam Szymczyk, der ihn zum Dank »unsterblich« macht (Gipsüberzug).

Ergreifendste Szene: Als Michael Jackson fünf Minuten lang schamlos Schleichwerbung für Lila Pause macht.

Medienecho: »Wer dachte, die Achtzigerjahre-Huldigungswelle hätte mit ›Stranger Things‹, ›Es‹ und dem ›Goonies‹-Remake seinen Zenit erreicht, kennt die suizidale Überbietungslogik der internationalen Unterhaltungsindustrie aber schlecht, verfuckt noch eins. Trotzdem ist ›Eta Tau‹ Nostalgie pur, vor allem dank der kultig daherredenden Figuren, die permanent einander daran erinnern, dass sie sich in den Achtzigern befinden. Einzig der digital restaurierte Bill Cosby hat einen leicht faden Beigeschmack. Darauf eine Lila Pause. Mmmhh, Lila Pause …« (Linus Volkmann, »Pop/Rocky«)

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