Werbung

Gefrorene Finger, kühler Kopf

Laura Dahlmeier gewinnt auch die olympische Verfolgung. Benedikt Doll holt Bronze

  • Von Oliver Kern, Pyeongchang
  • Lesedauer: 4 Min.

Laura Dahlmeier schickt sich an, die Königin der Olympischen Winterspiele von Pyeongchang zu werden. Nachdem die Biathletin aus Garmisch-Partenkirchen am Samstag bereits Gold im Sprint gewonnen hatte, ließ sie zwei Tage später den nächsten Sieg folgen. Und erneut hatte sie bei kalten und windigen Bedingungen im Alpensia Stadion die besten Nerven am Schießstand.

Dahlmeier war mit mehr als 20 Sekunden Vorsprung ins Rennen gegangen, doch nach dem zweiten Schießen, bei dem sich die Deutsche ihren bisher einzigen Schießfehler dieser Olympischen Spiele leistete, hatte die wie entfesselt laufende Slowakin Anastasia Kuzmina ihren Startrückstand von fast einer Minute komplett aufgeholt. Es folgte eine Demonstration der Stärke und der Ruhe. Dahlmeier schoss bei den folgenden beiden Stehendschießen zwar jeweils langsamer als die Doppelolympiasiegerin von 2010 und 2014, aber dafür fehlerfrei. Kuzmina hingegen musste insgesamt noch drei Mal in die Strafrunde. »Der Schlüssel zum Erfolg war wieder das gute Schießen«, verriet sie später ihre Taktik. »Bei den schweren Bedingungen habe ich mir lieber mal etwas mehr Zeit gelassen. Dafür bin ich belohnt worden.«

So konnte sich Dahlmeier auf der Zielgeraden sogar in Ruhe eine deutsche Fahne zum Jubeln schnappen, eine offenbar gar nicht so einfache Angelegenheit, da ihr inzwischen die Finger gefroren waren. »Beim Schießen hatte ich es zum Glück noch gut im Griff, aber dann wurden die Finger eiskalt. Erst im Ziel sind sie wieder aufgetaut, und das waren unheimliche Schmerzen. Das war mindestens so anstrengend wie der Kampf auf der Strecke«, sagte die 24-Jährige, die auf dem besten Weg ist, ihre phänomenalen WM-Leistungen aus dem vergangenen Jahr zu wiederholen. In Hochfilzen hatte sie 2017 in sechs Rennen fünf Titel geholt und eine Silbermedaille dazu. Im Verfolgungswettbewerb am Montag habe sie sich jedoch schwer getan und nicht die Laufform aus dem Sprint erreicht, »aber das ist okay«. Das lässt sich leicht sagen mit dem zweiten Olympiasieg in der Tasche. Das Double aus Sprint und Verfolgung war vor ihr bei Olympia nur dem überragenden Norweger Ole Einar Björndalen gelungen.

Wie in Hochfilzen, als sie gleich mehrfach nach ihren Erfolgen Kreislaufprobleme bekam, wirkte Dahlmeier sehr erschöpft. »Ich bin richtig kaputt. Aber irgendwie werde ich es bestimmt wieder schaffen, mich zu regenerieren. Das ist mir letztes Jahr auch gelungen.« Deswegen müssten aber noch lange nicht automatisch ähnlich viele Medaillen folgen. Auch bei den anderen Rennen müsse wieder alles perfekt passen. »Nur dann ist eine Medaille möglich. Und alle, die hier noch keine Medaille gewonnen haben, werden heiß sein, das zu ändern«, sagte Dahlmeier.

Das gilt auch für Gegnerinnen, die schon Edelmetall gewonnen haben, allen voran Anastasia Kuzmina, die ältere Schwester des russischen Biathleten Anton Schipulin, der vom Internationalen Olympischen Komitee kein Startrecht erhielt. Und das, obwohl bislang keinerlei Dopingvorwurf gegen ihn bekannt geworden ist. »Ich vermisse meinen Bruder. Es tut mir so leid für ihn, was passiert ist«, sagte die 33-Jährige nun. »Ich hatte bis zuletzt gehofft, dass er hier teilnehmen kann. Als es nicht klappte, war er vor meinem Abflug nach Korea der letzte, der mir Glück gewünscht hat. Er sagte: ›Du musst zwei Medaillen gewinnen: eine für dich und eine für mich‹. Ich will jetzt also noch eine Medaille für meine Familie holen.«

Auch im Verfolgungsrennen der Männer war mit Sprintolympiasieger Arnd Peiffer ein deutscher Athlet als führender in die Loipe gegangen, doch die Konkurrenz kam ihm im Laufe eines spannenden Rennens immer näher. Zwischenzeitlich hatten sogar alle vier deutschen Athleten Chancen auf den Sieg, doch den holte sich letztlich der Weltcupführende Martin Fourcade aus Frankreich.

Benedikt Doll schaffte es immerhin, dass auch im vierten Biathlonrennen eine deutsche Medaille gefeiert werden konnte. »Ich mache jetzt seit 20 Jahren Biathlon, und nun ist ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen«, sagte der in Oberhof trainierende Schwarzwälder. Auch er war vor einem Jahr in Hochfilzen Weltmeister geworden. Doll konnte danach im Weltcup diese Leistung nicht wiederholen, weshalb er schon zu zweifeln begann. »Aus dem Bauch heraus würde ich deswegen sagen, dass mir Olympiabronze noch etwas mehr wert ist als der WM-Titel.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln