Bio heißt eben nicht heile Ökowelt

Warum das Klischee von der Landidylle für eine ganze Branche auf Dauer gefährlich werden kann

  • Klaus Tscharnke
  • Lesedauer: 4 Min.

Nürnberg. Ein hutzeliges Bauernhaus inmitten sattgrüner Hügellandschaft mit Mohnblumen und sich im Wind wiegenden Grashalmen – selbst für die Werbeanzeige für »Bami Goreng nach indonesischer Art« muss inzwischen das Bild von der heilen deutschen Biowelt herhalten. Der Bioprodukt-Vertreiber Ökoland, der das Fertiggericht aktuell im Sortiment hat, ist freilich nicht das einzige Unternehmen, das gerne mit Naturidylle seine Bioprodukte bewirbt. Auch auf der am Mittwoch beginnenden Naturkostmesse Biofach vermitteln Werbebroschüren gerne das Klischee.

Kein Wunder, dass viele Kunden mit dem Begriff »Bio« romantisierende Vorstellungen von kleinbäuerlicher Landwirtschaft mit glücklichen Kühen auf grünen Weiden verbinden – ein Bild, so stellte unlängst das Branchen-Fachblatt »Biohandel« klar, das inzwischen mit der Wirklichkeit kaum mehr etwas zu tun habe. Trotzdem würden nach einer Umfrage des Blattes Bioladen-Betreiber immer wieder damit in Kundengesprächen konfrontiert – ein Problem für die Branche.

Denn Branchen-Experten haben inzwischen gemerkt: Mit der wachsenden Präsenz von Bio-Produkten in Supermärkten und den Discountern droht womöglich eine Entzauberung des verzerrten Bio-Images – mit schwer absehbaren Folgen für das Geschäft. Zu denen, die sich dafür aussprechen, bei Verbrauchern beim Begriff »Bio« für mehr Transparenz zu sorgen, gehört etwa der Agraringenieur Stephan Illi aus Prien am Chiemsee. Illi, der heute als freiberuflicher Berater und Projektentwickler arbeitet, war sieben Jahre lang geschäftsführender Vorstand beim Bioerzeugerverband Demeter.

»Bio ist eine gute Grundlage. Es schafft bei Lebensmitteln Sicherheit durch hohe Standards. Und es steht ein strenges Kontrollsystem dahinter«, sagt Illi. Ob aber die Produkte aus der eigenen Region stammen oder aus China, sie zu fairen wirtschaftlichen Bedingen produziert würden und der Erzeuger für landwirtschaftliche Vielfalt statt für Einfalt stehe, darüber sage das Label überhaupt nichts aus. »Bio ist viel besser als die konventionelle Landwirtschaft, aber es ist nicht die heile Welt.«

Selbst bei Vertretern des Naturkosthandels wirkt daher gelegentlich desillusionierend, wenn Illi bei Fachhandelstreffen über die Situation auf den Bio-Höfen berichtet. Bisher bekommt der Kunde nach seiner Einschätzung die Entwicklungen, denen auch der ökologische Landbau infolge des Preisdrucks unterliegt, durch die verbreiteten Heile-Welt-Bilder kaum mit. So gingen viele Verbraucher davon aus, dass Bio-Kühe 150 Tage im Jahr auf der Weide stehen. Tatsächlich aber haben nach Illis Schätzung bis zu 50 Prozent des Bio-Milchviehs gar keinen Weidegang. Immerhin bekommen sie Grünfutter statt Silage in den Trögen und haben Auslauf auf befestigtem Boden im Freien.

Der auf vielen Biolandwirten lastende Druck, immer größer zu werden und immer wirtschaftlicher zu produzieren, hängt nach Einschätzung von Branchenexperten auch mit der wachsenden Bio-Nachfrage von Supermärkten zusammen. »Wenn ich bei einem Discounter ein billiges Bio-Brötchen kaufen kann, dann müssen auch die Rohstoffe günstig gewesen sein. Und die bekomme ich nur, wenn ich keinen Wert darauf lege, die Herkunft der Bio-Rohstoffe exakt zurückverfolgen zu können«, sagt etwa der Fachjournalist Leo Frühschütz aus Sulzberg/Allgäu.

Für Bernd Nagel-Held, der im ostwestfälischen Lemgo seit 30 Jahren eine Biomühle betreibt, sieht zudem in den immer komplexeren Lieferketten etwa von Getreide ein Problem. Denn die Fälle, in denen ein Bäcker sein Mehl aus dem Nachbarort bezog, seien selten geworden. Die auch von Supermärkten ausgelöste große Nachfrage nach Bio-Getreide führe inzwischen etwa zu Weizen-Importen aus Osteuropa und Kasachstan. »Die Ware wird damit anonymer und die Anonymität ist der Freund des Betrugs«, ist Nagel-Held überzeugt, der selbst 1999 einen großen Betrug mit vermeintlichem Bio-Getreide aus Thüringen aufgedeckt hat.

Um Betrügern das Handwerk zu legen, die konventionell erzeugtes Getreide auf verschlungenen Wegen zu teurem Bio-Getreide umdeklarieren, fordert er regelmäßige Stichprobenkontrollen. Dabei sollte nicht nur die Rückstandsfreiheit des Korns, sondern der Erzeugungsprozesse in Gänze auf biologische Bewirtschaftung untersucht werden, betont er.

Einschätzungen von Branchenexperten, deutsche Kontrollbehörden gingen Verdachtsmomenten auf Biobetrug nicht konsequent nach, weist die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) zurück. So würden staatlich zertifizierte private Biokontrollstellen die Einhaltung der EU-Rechtsvorschriften für den Öko-Landbau überwachen. Importierte Bioerzeugnisse gelangten nur nach strengen Zollkontrollen in die EU. Die dabei überprüften Kontrollbescheinigungen für die Öko-Ware erlaube seit Herbst 2017 eine Rückverfolgbarkeit der Lieferung. Für Bio-Importe aus Osteuropa, Kasachstan und Russland sei das Kontrollsystem am Jahresanfang 2018 sogar noch einmal verschärft worden. dpa/nd

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