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Kassenlos im Krieg der Plattformen

Nina Scholz erklärt, warum die Entwicklung des ersten Amazon-Go-Stores nicht visionär, sondern gefährlich ist

  • Von Nina Scholz
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Bilder gingen um die Welt: An einem Sonntag im Januar standen die Menschen vor einem Supermarkt in Seattle Schlange. An diesem Tag wurde hier der erste Amazon-Supermarkt eröffnet: Amazon-Go, ein teilautomatisierter, App-gesteuerter Markt des Online-Versandhändlers, der revolutionär daher kommt, aber am Ende nur die Kassiererin durch eine App ersetzt. Für Amazon entfallen einige Kosten für Arbeitskräfte und durch die gesammelten Daten fällt es dem Unternehmen leichter, den Warenfluss zu steuern. Für den Kunden entfällt der Gang zur Kasse. Ladendiebstähle werden verunmöglicht, weil die Ware schon vorher durch die App gespeichert wird.

Auch wenn manche immer noch alles begeistert, was Technologieunternehmen als fortschrittlich verkaufen, und sie dafür sogar in der Kälte ausharren, sieht eine wirklich visionäre Errungenschaft anders aus. Trotzdem lohnt es sich, beim Amazon-Go-Supermarkt sehr genau hinzuschauen. Es wird immer offensichtlicher, dass Amazons Zeiten als Online-Versandhändler der Vergangenheit angehören. Natürlich verdient der Konzern mit dem Versand weiter Geld. Doch ist er längst in vielen anderen Branchen tätig - und das sehr erfolgreich.

Das Unternehmen wurde als Online-Buchhandel 1994 von Jeff Bezos in einer Garage in Seattle gegründet. Der Grund war wohl mehr betriebswirtschaftliches Kalkül als visionäre Genie-Leistung. In der Tech-Branche herrschte damals Goldgräberstimmung und Bezos suchte eine Nische, von der er sich ökonomischen Erfolg versprach. Und er sollte Recht behalten. Er weitete das Repertoire bald auf Elektronikgeräte und andere Produkte aus. Amazon ist heute der größte Konkurrent des stationären Einzelhandels und der Grund, warum immer weniger Buchläden geschäftsfähig sind.

Dass Amazon den stationären Handel jetzt nicht nur durch den Versand unter Druck setzt, sondern durch eigene Stores ersetzt - erst durch eigene Buchläden, jetzt durch Supermärkte - macht seine Gefährlichkeit aus. Den Konkurrenten Whole Foods, selber Marktführer im hochpreisigen Biosegment, hat Amazon erst kürzlich aufgekauft. Dazu gehört nun auch der Go-Supermarkt, ein weiterer Baustein im Monopolgebilde von Amazon. Menschen bezahlen hier doppelt: mit ihrem Geld und mit ihren Daten. Gerade diese sind elementar für Tech-Unternehmen wie Amazon. Sie sind das Rohöl, mit dem sie ihre Vormachtstellung sichern. Wer die meisten Daten hat, weiß nicht nur vieles über seine Kunden, das diese früher nicht preisgegeben hätten, sondern kann auch vorhersagen, wo Bedürfnisse entstehen - und diese entsprechend steuern.

Bei einem genaueren Blick wird schnell klar: Amazon funktioniert dabei nicht wie ein herkömmliches Unternehmen, das etwas produziert oder verkauft. Amazon ist eine Plattform, deswegen wird diese neue Entwicklungsstufe des digitalen Kapitalismus auch »Plattform Ökonomie« genannt. Im Kleinen funktioniert das so, dass Amazon keine gebrauchten Bücher verkauft, sondern daran verdient, zwischen den Buchhändlern und Käufern zu vermitteln. Diese Plattformen werden durch den Netzwerkeffekt - verkürzt: alle nutzen die Plattform, die auch alle anderen nutzen - zu Monopolen. Es gibt verschiedene digitale Plattformen, die bekanntesten sind Facebook, Uber, Apple, die in verschiedenen Segmenten miteinander um die Vormachtstellung konkurrieren. Hauptsegmente sind dabei Künstliche Intelligenz und Mobilität.

Es ist noch nicht absehbar, wie diese Konkurrenzverhältnisse sich weiter entwickeln. Der britische Wissenschaftler Nick Scrincek warnt in seinem Buch »Platform Capitalism« aber insbesondere vor Amazon, dem er in einem prognostizierten »Krieg der Plattformen« die besten Sieges- und Überlebenschancen einräumt. Auch weil Amazon im Gegensatz zu den anderen beiden großen Plattformen Google und Facebook nicht im limitierten Anzeigengeschäft ist, sondern sich schon früh im Cloud-Segment einen Platz verschafft hat. Amazon »verleiht« also digitale Services an andere Unternehmen, ein robustes Geschäft, nicht zuletzt weil Amazon die Preise bestimmen und auch hier seine Monopolstellung weiter ausbauen kann.

Die Eröffnung des Supermarktes in Seattle ist also keine gute Nachricht. Hier wird keine technologische Vision verwirklicht, sondern eine dystopische Gegenwart, mit der wir uns dringend auseinander- und gegen die wir uns noch dringender zur Wehr setzen müssen.

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