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Monströse Menschen

Das romantische Märchen »The Shape of Water« ist ein Film von berauschender Schönheit

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The Shape of Water: Monströse Menschen

Wer eine Abneigung gegen die Farbe Grün hat, insbesondere gegen deren intensivere Varianten, für die oder den ist dieser Film nichts. Grün ist das Wasser und das unterseeische Treiben. In Toilettensteingrün erstrahlen hier die Limettentorte auf den Tellern und das glibberige Gelatine-Parfait in den Glasschüsselchen, technicolorgrün schimmern die Kacheln oder die Reklameschilder im Bildhintergrund, grün sind die Putzfrauenkittel unserer Protagonistinnen, und in Aquariumsgrün sind die Kulissen und Räume ausgeleuchtet. Giftgrün leuchten auch die billigen Bonbons, die der Bösewicht zerbeißt, grün ist der Umschlag des Buches, das er in einer Szene in den Händen hält (»The Power of Positive Thinking«), und türkisgrün glänzt der Cadillac, den er sich anschafft. Die Farbe Grün komponiert in ihren unterschiedlichen Schattierungen die gesamte Bildwelt dieses Films.

In ihrer übertriebenen Künstlichkeit ist diese ganz den kursierenden Images der urbanen USA der 50er und 60er Jahre nachgebildete Kulissenwelt von berauschender Schönheit. Zu sehen - im Sinne von geradezu voyeuristisch genießen - gibt es hier viel, vor allem eine sich in der bewusst cleanen Bildästhetik sowie zahllosen Ausstattungsdetails des Films niederschlagende, endgültig verschwundene Vergangenheit, die sich in hedonistischem Konsum ebenso manifestierte wie im Glauben an die gesellschaftliche Erzählung vom für alle erreichbaren Wohlstand und Glück.

Wer früher Filme des Mexikaners Guillermo del Toro gesehen hat, etwa seinen Kakerlaken-Horrorthriller »Mimic« (1997) oder sein Action-Creature-Feature »Pacific Rim« (2013), weiß, dass der Mann einen ausgeprägten Stilwillen hat und sich auf Hommagen versteht, dass er die Trivial- und Populärkultur längst vergangener Zeiten liebt: Sein Actionfilm »Pacific Rim« etwa bediente sich erkennbar aus Cartoons, Videogames und Science-Fiction-Filmen der 80er Jahre und lässt eine nicht geringe Wertschätzung für diese teils bis heute aus dem bürgerlichen Kunstkanon verbannte Kultur erkennen.

Del Toros neues Werk, »The Shape of Water«, für 13 Oscars nominiert, ist nicht hundertprozentig einem bestimmten Genre zuzuordnen, denn es ist mehreres zugleich, vor allen Dingen ist es weit mehr als nur ein »Erbauungsfilm, der die Solidarität der Schwachen beschwört« (»Spiegel Online«). Es speist sich, wie viele Filme des Regisseurs, aus unterschiedlichsten Quellen. Es ist Creature Feature, romantisches Fantasymärchen, phantastische Liebesromanze, ein Film, der spielerisch und liebevoll die Kalter-Krieg-B-Pictures zitiert, vor allem anderen aber ist er eine Hommage: an die von keinerlei Unheil getrübte Cartoon- und Reklamewelt und an Hollywoods Heile-Welt-Musicals der 30er und 40er Jahre, an den Swing und Jazz von Benny Goodman und Cab Calloway, an die USA der 50er Jahre und ihr bonbonbuntes Gut-gegen-Böse-Popcorn-Kino und ihre ganz nach demselben Muster gestrickten (Böse Fremde gegen gute Einheimische) TV-Serien (»Bonanza«, »Twilight Zone«), insbesondere aber an die Monsterfilme des legendären Regisseurs Jack Arnold, dessen Filme als »die mythopoetische Beschreibung der amerikanischen Familie und ihrer Genesis« (Georg Seeßlen) gedeutet werden können.

Doch nicht nur um das Kino und seine die Realität gleichzeitig spiegelnden und abspaltenden Scheinwelten geht es hier, sondern ebenso um die - vor den sozialen Kämpfen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung - durch und durch reaktionäre USA der 50er und 60er und ihre Obsessionen: ihre Homophobie, ihren Antikommunismus, ihren Hass auf Normabweichler und gesellschaftliche Außenseiter und ihren Rassismus. Es geht auch um Liebe und Einsamkeit, Erotik und Sehnsucht, Finden und Verlieren.

Doch der Reihe nach: Im Mittelpunkt der Handlung von »The Shape of Water«, die Anfang der 60er Jahre spielt, also auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges angesiedelt ist, steht eine Art Kiemenmensch, der Kreatur aus Jack Arnolds Filmklassiker »Der Schrecken vom Amazonas« (1954) nicht ganz unähnlich. Das fremdartige Wesen wurde von einem reaktionären US-Offizier in eine Forschungseinrichtung des US-Militärs verschleppt, wo die halb menschlich, halb meerestierähnlich scheinende Kreatur gefoltert wird und ihre mögliche Verwendung für Kriegszwecke geprüft werden soll. Auch die Sowjets interessieren sich logischerweise für das mysteriöse Wasserwesen, und auch ihre Gründe sind nicht gerade die ehrenhaftesten, wie man sich denken kann. Die in der US-Forschungseinrichtung arbeitende stumme Putzfrau Elisa wird auf die eingesperrte und misshandelte fremdartige Kreatur aufmerksam, unternimmt während ihrer Arbeitszeit heimlich Versuche, mit ihr zu kommunizieren, verliebt sich schließlich in das zauberische Wesen und schmiedet Pläne, ihm das Leben zu retten.

Elisa und das Kiemenwesen: Beide sind allein und auf jeweils eigene Art ihrer Welt entrissen. Wo das sonderbare Wesen Kiemen hat, hat Elisa Narben am Hals, die ihr Stummsein markieren. Elisa, deswegen von ihrer Umgebung als Sonderling beäugt und diskriminiert, entdeckt in dem leidenden Kiemenwesen, dem es nicht möglich ist, sich der menschlichen Sprache zu bedienen, und das daher zum Schweigen bzw. zu einem für menschliche Ohren unverständlichen Schnattern verurteilt ist, ihr eigenes Schicksal wieder. Seinen Wert und seine Einzigartigkeit vermag sie zu erkennen, weil sie als Einzige in der Lage ist, das vermeintlich Andere als das Eigene zu sehen, im vermeintlich bösen Fremden das Menschliche. Das Monster, es ist keines, es ist unschuldig. Die Monster sind die Menschen, die es quälen.

»The Shape of Water«, USA 2017. Regie: Guillermo del Toro, Darsteller: Sally Hawkins, Michael Shannon, Doug Jones, 123 Min.

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