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Von Spaßbremsen umzingelt

Dieter Kosslick, noch bis 2019 Festivaldirektor der Berlinale, scheint ein wenig die Lust verloren zu haben

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Der Gute-Laune-Onkel Kosslick wirkt zuversichtlich: Der Kampf geht weiter.
Der Gute-Laune-Onkel Kosslick wirkt zuversichtlich: Der Kampf geht weiter.

Als vor einigen Jahren bei den Filmfestspielen in Cannes mehrere Frauen abgewiesen wurden, als sie mit flachen Schuhen statt mit High Heels den für prominente Gäste ausgelegten Roten Teppich betreten wollten, kam es zu einiger Empörung in der Öffentlichkeit. Man musste damals annehmen, dass die Festivalleitung in Cannes - sagen wir es mal vorsichtig - recht altbackene Vorstellungen davon hegt, was Männer und Frauen und andere Geschlechter in der Öffentlichkeit bzw. auf Galas zu tragen haben.

In Anspielung darauf sagte Dieter Kosslick, der scheidende Festivalleiter der Berliner Filmfestspiele, dessen Vertrag nächstes Jahr ausläuft, kürzlich auf der Berlinale-Pressekonferenz: »Wir werden keine Frau zurückweisen, die flache Schuhe trägt, und keinen Mann, der High Heels trägt.« So etwas wie einen »Dresscode«, also eine implizite Kleidungsvorschrift, habe es auf der Berlinale »noch nie« gegeben. Zumindest das ist beruhigend.

Was jedoch das Thema MeToo und die in jüngerer Zeit in der Film-, Fernseh- und Theaterbranche bekannt gewordenen sexuellen Belästigungen und Übergriffe angeht, sprach Kosslick von einer speziell für Opfer solcher Übergriffe eingerichteten Beratungsstelle, die es dieses Jahr auf der Berlinale gebe. Nur formulierte der Festivalleiter den Sinn dieses Beratungsangebots derart wurschtig und hemdsärmelig, dass man sich als Zuhörer nur schwer des Eindrucks erwehren konnte, dass der Mann entweder kein besonders eloquenter Formulierungskünstler ist oder sich mit dem Thema nicht die Spur auseinandergesetzt hat. Oder beides: »Und dann gibt es auch noch so eine Hotline. Wenn sich jemand nicht gut fühlt, Mann oder Frau, dann kann man da hingehen und sagen: ›Pass mal auf, dieses ist passiert - und wir möchten, dass ihr dem nachgeht!‹«

Als Kosslick danach gefragt wurde, wie er sich bei seiner vorletzten Berlinale fühle, antwortete er: »Gut.« Und teilte obendrein gleich danach mit, wie die Berliner Filmfestspiele künftig, nach seinem Abgang, aussehen werden: »Der Humor wird reduziert werden. Man wird nicht mehr so viele Witze reißen, denn die Spaßbremsen möchten das ja nicht.«

Der Berlinale-Direktor, »als Mister Gute Laune bekannt« (»taz«), scheint sich auch selbst als großen Spaßvogel zu betrachten, dabei machte er beim Aussprechen dieser Sätze eher den Eindruck einer beleidigten Leberwurst, die an ihrem Direktorenstuhl klebt. Kosslick ist jetzt seit 17 Jahren verantwortlicher Festivalleiter. In einem Gespräch mit der »Welt« sagte der französische Filmkritiker Serge Toubiana: »Das ist zu lang. Filmfestivaldirektoren, das ist noch ein feudales System.« In der »Zeit« war über Kosslick zu lesen: »Der 69-Jährige hat es versäumt, von sich aus einen Termin für einen ehrenvollen Abgang zu nennen.«

Spätestens seit im November vergangenen Jahres 79 Regisseurinnen und Regisseure in einem offenen Brief anmahnten, die Berlinale müsse »programmatisch erneuert und entschlackt« werden, steht der im baden-württembergischen Pforzheim geborene, in der Filmbranche vernetzte Funktionär und Manager in der Kritik. Zwar habe er die Besucherzahlen signifikant erhöht, indem er das Festival zu einer Art erfolgreicher Stadtmarketing-Veranstaltung umfunktioniert hat, allerdings sei unter seiner Leitung eine gewisse Beliebigkeit bei der Zusammenstellung des Programms zu erkennen, so wurde wiederholt moniert. Desweiteren habe er die Sektionen (Wettbewerb, Panorama, Forum, Retrospektive usw.) vermehrt, statt für mehr Klarheit und Übersichtlichkeit zu sorgen. Ein Beispiel ist etwa die fragwürdige Reihe »Kulinarisches Kino«, wo auch dieses Jahr wieder an mehreren Abenden jene, die möchten, sich zum Preis von 95 Euro pro Person einen Film über Weinanbau oder die kubanische Küche (Zitat aus dem Programmheft: »Nun verändert sich der kommunistische Staat nach und nach«) ansehen können, »inklusive Menü, Wasser und Wein« im angeschlossenen Restaurant mit Edelkoch, versteht sich. Kosslick ist aber auch Philosoph, nicht nur Feinschmecker: »Das Essen dient nicht nur dem Erhalt des Körpers, es ist zudem auch ein Sinnbild für die Beziehung zwischen Leben und Tod.«

Eine andere wiederholt geäußerte Kritik ist die, dass für viele Berlinale-Besucher oft nicht ersichtlich ist, warum und nach welchen Kriterien bestimmte Filme jeweils den einzelnen Sektionen zugeteilt werden: Statt der Filme junger förderungswürdiger Talente werden im Wettbewerb oft gefällige Mainstreamproduktionen gezeigt, künstlerisch Mutiges oder Originelles wird dagegen häufig im Forum oder in der Jugendfilmsektion Generation versteckt.

Kosslick scheint aufgrund der anhaltenden Kritik mittlerweile ein wenig die Lust verloren zu haben. Als ihm am Ende der Berlinale-Pressekonferenz die Frage gestellt wurde, ob die heute beginnenden Filmfestspiele »politisch« sein würden, verneinte er zunächst, um schließlich kurz danach folgende Bemerkung hinterherzuschieben: »Das ist die 68. Berlinale. Ich bin auch 68. Es geht viel um ’68.« Kosslick ist tatsächlich 69 Jahre alt, aber das spielt angesichts einer solch kryptisch anmutenden Äußerung ja nun auch keine Rolle mehr.

Als Antwort auf die Frage des Senders Deutsche Welle, worauf er sich am meisten freue, sagte er neulich in einem Interview die rundum schönen Sätze: »Wenn ich am Roten Teppich aus dem Auto steige und ich die Fotografen und diese gute Stimmung sehe, die in der Stadt herrscht. Wenn sich alle freuen auf die vielen unterschiedlichen Filme.« Na, dann.

Eine wichtige Innovation immerhin gibt es dieses Jahr: Zum ersten mal in der Geschichte der Berlinale wird das Festival mit einem Animationsfilm eröffnet. Der Film »Isle of Dogs« von Wes Anderson (»Moonrise Kingdom«, »Grand Budapest Hotel«), der in einem Japan der Zukunft spielt, verspricht, ein extrem skurriles, verschrobenes und formal avanciertes Stück Kino zu sein. Andersons melancholisch-komische, nicht selten ins Surreale lappende Filme sind rasch an ihrer eigenwilligen Ästhetik zu erkennen, die von den Kostümen über die Dekors bis zu den Kameraperspektiven die Handschrift des Regisseurs trägt. Nur so viel: Die Hauptfiguren sind Stoffhunde.

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