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Angst vor Kastration

Die vermeintliche Zensur von Künstlern durch die Opfer sexueller Gewalt ist keine. Sie ist eine Verschwörungstheorie.

  • Von Paula Irmschler
  • Lesedauer: 2 Min.

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Im Feuilleton der »Zeit« schrieb Hanno Rauterberg unlängst über Konsequenzen, die sich aus der metoo-Debatte ergeben. Sein Problem damit: Künstler würden zuhauf boykottiert, ausgeschlossen, gemieden, »ausradiert«, erführen den »Tod bei lebendigem Leibe«.

Hysterische Typen, die ihre Felle davonschwimmen sehen - so alt, so langweilig. Interessant ist, was er noch sagt, was auf den Punkt bringt, woran offenbar wirklich viele glauben: »Immer wieder wurden große Künstler zu Verbrechern - und es störte niemanden.« Nun, es störte jemanden - und zwar die Betroffenen. Das reichte nur bisher nicht. Jetzt stört es noch ein paar mehr. Früher hatten diese Frauen keine Öffentlichkeit, keine Unterstützung zu erwarten. Heute schon.

Die Angst von Künstlern und ihren Liebhabern vor Kastration ist real. Über das Gedicht von Gomringer, das von der Alice-Salomon-Hochschule entfernt wurde, weil es ausgesprochen schlecht ist, wurde viel, zu viel geschrieben und gemeint. Freundeskreise zerbrachen am Tresen, man sprach von Zensur, das Dritte Reich stünde um die Ecke und so weiter. Doch: Wenn Gemälde begründet abgenommen werden, wenn Kunstwerke ersetzt oder kritisiert werden, ist das noch keine Zensur. Es steht nicht unter Strafe, die Werke anderswo zu veröffentlichen, die Künstler werden nicht verurteilt. Es gibt eben eine sich wandelnde Öffentlichkeit, die heute Sachen anders beäugt, für Diskriminierung sensibler ist als vor ein paar Jahrzehnten, die anderes gut findet, sich entwickelt.

Ob man sich noch dies oder jenes anschauen, auf ein Konzert von XY gehen, ob man noch flirten darf - dahinter steckt immer die Imagination einer verschwörerischen Gruppe, die plötzlich Verbote erlassen habe, die einem bisher so Geiles nun verbiete. Entwarnung: Vieles, außer eben strafrechtlich Relevantes, ist weiterhin erlaubt. Es muss nur nicht jeder Mensch gut finden oder abbilden.

Regisseur Sebastian Schipper bringt es im Interview mit Spiegel-Online auf den Punkt: »Es geht nicht darum, dass jetzt keine Fehler mehr gemacht werden dürfen. Es geht darum, dass Übergriffe und schlechtes Benehmen als Fehler benannt werden - und dass die betreffenden Leute Verantwortung übernehmen.« Jeder darf selbst entscheiden, ob er einem übergriffigen Schauspieler in einem Film zusehen mag, ob er rassistischen, antisemitischen, sexistischen Musikern Geld via Konzerte zukommen lassen will.

Es sind individuelle Entscheidungen, es gibt keine Boykottaufforderungen. Viel zu oft wird Kritik und Verbot verwechselt, wo es um Auseinandersetzung geht. Das Positive an metoo ist, dass es in seiner Fülle weggeht von ausschließlichem Fingerzeigen hin zu einem generellen Reden über sexuelle Gewalt und Misogynie in Abhängigkeitsverhältnissen. Deswegen sollten wir unbedingt weitermachen.

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