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Von Identitätsfragen und Katzenpullis

Der Hipsterfilm »Feierabendbier« von Ben Brummer in der Sektion »Perspektive deutsches Kino«

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Es gibt ihn in jeder Stadt, diesen einen Typen hinter der Bar, der Drinks nicht verkauft, der da nicht steht, weil er Geld braucht, sondern weil er in dem Laden zu leben scheint. Weil er der Laden ist. Ausgewaschene schwarze Jeans, festgewachsene Kippe auf halb acht, Schnürschuhe, abgelatscht, schwarzes T-Shirt, ein frivol drapierter Fetzen, ein Statement. »Laber mich nicht voll, ich hab zu tun«, springt einem mit jeder seiner Gesten entgegen. So ein Typ ist Magnus (Tilman Strauß), Protagonist in Ben Brummers Debütfilm »Feierabendbier«, der in der Sektion »Perspektive Deutsches Kino« am vergangenen Wochenende auf der Berlinale Premiere feierte und am 15. März deutschlandweit startet. Ein Hipsterfilm, der mit allem auffährt, was die Subkultur zu bieten hat: lakonische Sprüche, spleenige Charaktere, Selbstzweifel, Retro-Statussymbole, Heidegger-Zitate und Weltschmerz, der sich als stinknormaler Konservatismus entpuppt.

Magnus gehört die Münchner Bar »Feierabendbier«, die von lediglich zwei Stammkunden lebt. Manfred (Christian Tramitz), der einfach sitzen geblieben ist, als der Besitzer wechselte und der immer das Gleiche bestellt (Rüscherl - ein in Berlin auch als Futschi bekanntes Cola-Weinbrand-Gemisch), dafür aber bei jedem Besuch einen neuen abgrundtief hässlichen Pullover mit Katzen im Weltraum präsentiert. Und Dimi (Johann Jürgens), KfZ-Mechaniker und Philosophiestudent, Magnus’ bester Freund.

Was Magnus und Manfred verbindet, ist ihre Passivität dem gegenüber, was sich Existenz nennt. Der eine ist dafür da, den Lebensinhalt (Rüscherl) in den anderen hineinzukippen, mehr nicht. Dimis Sexsucht, die er im Swingerclub auslebt, wirkt dagegen erfrischend lebensbejahend.

Was den Film schließlich antreibt, ist Magnus’ Objektfetisch, der seine neurotische Strahlkraft so richtig entfaltet, als ihm sein Mercedes-Youngtimer aus den 80er Jahren vor der Kneipe geklaut wird und er sich auf die obsessive Suche nach seinem Wagen begibt. Der Mercedes ist Symbol für alles, was es in der Welt noch festzuhalten gilt, nachdem Magnus’ Beziehung zu seiner Freundin gescheitert ist. Auch der Kontakt zum gemeinsamen Sohn ist abgebrochen, weil es Magnus zu albern ist, mit dem neuen Freund der Ex um dessen Aufmerksamkeit zu buhlen. Puh. So ist das für Männer Mitte 30, die ihre emotionale Komplettimprägnierung für einen schützenswerten Habitus halten, damit die Welt da draußen ihnen nie wieder weh tun kann. Wenn Magnus selbst einen trinkt, dann ist das kein verabscheuungswürdiger Gin Tonic oder Moscow Mule, Gesöff der Masse, sondern Sezerac. Distinktion auf Berlin-Mitte-Niveau. Auf Augenhöhe begegnet Magnus nur Vivian (Julia Dietze), ebenso am Leben gescheiterte Designerin, gerade frisch getrennt aus New York zurückgekehrt. Wenigstens ist sie nicht zu stolz, mit ihren Wunden hausieren zu gehen. Das zieht Magnus an, der so wirkt, als würde er nie wieder den Hauch eines Gefühls zulassen wollen.

Die Figurenkonstellation im Film ist einfach zu durchschauen, denn alle treten nur deshalb in Erscheinung, um Magnus aus seinem Eiskeller zu befreien. Ein Mann, der mit seiner Vaterrolle überfordert ist, und sich schließlich aufgibt, weil ihm letztendlich eine heute so wichtige Identität fehlt. Wer sich im Job nicht mehr tot machen will, weil sich die Erkenntnis verbreitet hat, dass Arbeit keinen Sinn stiftet, der muss sich selbst woanders suchen. Das ist Magnus’ großes Problem. Freundin und Kind weg, Sex interessiert ihn nicht, Ersatzzuneigung gewährt er nur seinem Auto, über dessen Armaturenbrett er so zärtlich streicht wie über den Rücken einer Frau. Es ist das einzige, was ihm bleibt, keine Fragen stellt oder Entwicklung von ihm einfordert.

Der eigentliche Held des Films ist schließlich Dimi, ein echter Freund, der nicht daran interessiert ist, sich gemeinsam mit anderen im eigenen Ego zu suhlen oder aus dem Leben einen Wettkampf um Aufstieg und Status zu machen. Er sieht, was das Problem ist, will, dass Magnus wächst, sich aus seinem gemütlich eingerichteten Selbstmitleid befreit und mal wieder etwas Tollkühnes wagt. Sich zu verlieben zum Beispiel.

Am Ende setzt »Feierabendbier« auf einen friedlichen, artigen Lebensentwurf als Heilung. Damit ist Ben Brummer ein lakonisches Porträt der herrschenden Zustände gelungen.

Ab 15. März im Kino

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