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Wie aus der Not eine Tugend wird

Im Staatsballett triumphiert der »Don Quixote« nach Víctor Ullate bei der Premiere

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Ende jubelt ein stehendes Auditorium in der Deutschen Oper den Beteiligten einer Premiere zu, die es nicht nur künstlerisch in sich hat. Erst in seinem vierten und letzten Jahr hat sich Intendant Nacho Duato durchgerungen, ein Juwel unter den Ballettklassikern neu einstudieren zu lassen: »Don Quixote«, der in Patrice Barts Version für die Lindenoper im Gedächtnis geblieben ist. Fast 25 Jahre danach widmet sich nun ein international ausgewiesener Connaisseur des klassischen wie des spanischen Tanzes dem Werk. Víctor Ullate, überhäuft mit Preisen, tanzte bei Maurice Béjart, ehe er in Madrid seine eigene Compagnie mit assoziierter Schule gründete und ein Meistermacher von Stars wurde.

Was er 1997 für das Ballet Víctor Ullate entworfen hatte, studierten seine Werkwahrer Eduardo Lao und Ana Noya jetzt dem Staatsballett ein. Viele Änderungen hat »Don Kichot« seit Marius Petipas Moskauer Uraufführung 1869 erfahren - von einer akademischen Fassung hin zu mehr dramatischem Geschehen. Knapp 150 Jahre nach Petipa orientiert sich Ullate klar am spanischen Kolorit der Geschichte und gewinnt dem Ballett eine Tiefe ab, wo andere Lesarten lediglich in kitschiger Postkartenfolklore verharren.

Zwar konzentriert sich auch Ullate auf eine einzige Episode des Romans von Cervantes: Jener vom wunderlich ausziehenden Ritter, der Abenteuer sucht und doch »nur« die Wirtstochter Kitri vor der Zwangshochzeit mit dem eitlen Camacho rettet und hinein in die Arme des so armen wie pfiffigen Barbiers Basil führt. Der Choreograf teilt aber die Handlung in drei Akte und einen Prolog, greift auf Petipa und dessen späteren Revisor Alexander Gorski zurück und ordnet auch die Musik des Originals neu. Was Ludwig Minkus, gern geschmähter Hofkomponist des Zaren, an tanzbarer, melodienreicher Musik dafür erfunden hat - Walzer, Galopps, Polkas, spanische Rhythmen - bereichern hier Flamencogitarre und mehrfach auch nur »palmas«, jenes verhaltene Klatschen in die Hände. Aus dem Bild von konstruierten Theater-»Zigeunern« werden so »gitanos« im Klang der jahrhundertealten Tradition. Welchen Einsatz das klassisch geschulten Tänzern abverlangt, lässt sich ahnen: »Endlos«, sagt Ullate im Pausengespräch, »haben wir allein das korrekte Spiel mit den Fächern geübt«.

Alles war für eine glanzvolle Premiere vorbereitet, auch die Ausstattung der italienischen Stardesignerin Roberta Guidi di Bagno und die Lichtregie des Marco Filibeck. Doch dann flutete Wasser die Bühne und setzte einen Großteil der Bühnentechnik außer Gefecht. Dass der Abend dennoch gerettet werden konnte, ist dem Einfall des Teams zu danken, mit Projektionen Atmosphäre zu schaffen, wo Dekorationen nicht einsetzbar, Verwandlungen nicht möglich sind und geplante Lichteffekte spärlicher ausfallen müssen. Im Spannungsfeld zwischen Ambition und Realität ist der neue »Don Quixote« beim Staatsballett zu würdigen, zumal noch am Premierentag Elena Pris zusätzlich den Part einer verletzten Kollegin übernommen hat.

Schon den Prolog versieht Ullate mit Spiel: Der spleenige Don versinkt in Ritterromantik, erhält vom Knappen Sancho Pansa Schild, Helm, Lanze und Glanzrüstung und zieht hehren Zielen entgegen. Auf einem Dorfplatz in La Mancha, Häuser zu beiden Seiten, gemalte Windmühlen in fern hügeliger Landschaft, gerät er in den Liebeswirbel von Kitri und Basil, dem der reiche Camacho zum Widersacher wird. Die vollen drei Stunden bleibt der Edelmann, den Federico Spallitta durch überlegt präzises Rollenprofil vom gängigen Ruch des Tölpels erlöst, zugange und führt am Ende gar die Liebenden mit zusammen. Bis dahin hat er ein witziges Scharmützel mit Quixote zu bestehen, den Rishat Yulbarisov als liebenswerten Träumer gibt, und mehrfach den fröhlichen Sancho Pansa des Vladislav Marinov zu beschützen.

Im Feldlager der gitanos, wohin das Liebespaar geflüchtet ist, wohnen Kitri und Basil Tanz voll latenter Spannung bei, leisen Momenten im turbulenten Geschehen. Einen Doppel-Pas de deux enthält dieses perfekt durchkomponierte Bild, eine den Don verwirrende Theatereinlage, seinen gewittrigen Kampf gegen Windmühlen und das Traumbild im Zauberwald der Dryaden. Bis sich schmissig im dritten Akt der Liebeswirrwarr löst, Don nächsten Abenteuern entgegenschreitet.

Dass der Abend ein Fest des Tanzes werden kann, verdankt sich besonders den Protagonistinnen. Polina Semionova, von Auftrittsapplaus befeuert, ist eine bravouröse Kitri, vom Schulterzucken der widerspenstigen Tochter bis in ihre rekordverdächtigen Balancen. Im Grand pas de deux wachsen sie und Marian Walters Basil zu Weltklasse auf. Bei Elisa Carrillo Cabreras Mercedes funkelt nicht nur das silbrige Volantkleid; Elena Pris besticht gepartnert vom souveränen Arshak Ghalumyan, als ätherisches Oberhaupt der Dryaden. Spontaner Liebling des Saales wurde aber der brillante Cupido des Murilo de Oliveira, quicklebendig und blitzsauber. Vielleicht komplettiert bald das volle Bühnenbild die geschmackvollen Kostüme in gedämpften Farben, das musikantisch aufspielende Orchester unter Robert Reimer und den Gute-Laune-Tanz in diesem eindeutigen Erfolg des Staatsballetts.

Aufführungen am 22. Februar, 4. und 15. März in der Deutschen Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg

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