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Überleben ohne auszuhalten

»Verlorene«, das Kinodebüt von Felix Hassenfratz, in der Sektion »Perspektive deutsches Kino«

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Erst, wenn Maria (Maria Dragus) die Pedale der Orgel ganz nach unten drückt, sich die Luft durch die Pfeifen schiebt und im Zusammenspiel eine Wand aus Klängen ins Kirchenschiff niederschlägt, dann ist sie frei. Sie atmet Bach. Der Raum um sie herum löst sich auf. Maria ist erst 18, lebt aber das Leben einer von Verantwortung erdrückten Erwachsenen. Seit dem Tod der Mutter ist sie zum Ersatzvorbild geworden. Beschützerin der kleinen Schwester und geliebte Tochter des Vaters Johann (Clemens Schick), angesehener Zimmermann eines kleines badischen Dorfes im Kraichgau. Im krassen Kontrast zu Maria steht Hannah (Anna Bachmann), die die Schnauze voll hat vom Dorfkorsett und dem Heiligenschein ihrer Schwester, die so perfekt die Rolle der Mutter eingenommen hat. Hannah geht auf Partys, färbt sich die Haare, trägt knallbunte T-Shirts und zu viel Kajal.

Ganz zaghaft wird deutlich, dass die normalen Abgrenzungsversuche unter Geschwistern nur eine Randerzählung in Felix Hassenfratz’ beklemmendem Kinodebüt »Verlorene« sind. Dafür ist die enorme Kraft, mit der Maria versucht, die Familie zusammenzuhalten, in der Erzählung zu dominant. Langsam nähert sich der Zuschauer zusammen mit Hannah dem, was in der Mitte des Films Gewissheit wird: Das zentrale Thema des Films ist der Missbrauch und die abscheuliche gewaltlose körperliche Nähe des Vaters, die Maria zum Schweigen und letztendlich zum Durchhalten zwingt.

Der Film seziert vielschichtig, welches System hinter denen steht, die Missbrauch ausüben. Maria Dragus schafft es, die ganze Tragödie in einen Blick zum Boden zu legen, während der Vater beim Abendbrot das Tischgebet spricht. Die ganze Autorität des Vaters, die Demut einfordert, steckt in dieser Tischszene. Wie Clemens Schick als Johann die Gabel in seinen immensen Zimmermannsklauen hält und damit das Sauerkraut malträtiert, das er mit dem Kiefer so fest kaut, als müsste er rohes Fleisch hinunterschlingen. Dann würgt er mit einem knappen »Jetzt essen wir, es wird schon ganz kalt« jedes Gespräch am Tisch ab und es ist klar, wem im Ort man wohl glauben würde.

Dynamik entwickelt sich, als Valentin (Enno Trebs), ein Zimmermann auf der Walz, in Johanns Betrieb eine zeitweilige Anstellung findet. Maria verliebt sich in ihn, kann aber weder Gefühle noch Nähe zulassen. Natürlich fragt er sie, als er von ihr zurückgewiesen wird, was los ist. Wie schon gegenüber Hannah sagt sie nichts. Angst und Scham machen einsam. Maria tut alles, um ihre kleine Schwester zu beschützen, und gibt im Zweifel sogar ihre eigenen Zukunftsträume auf.

In nüchternen, fast sterilen Bildern eines aufgeräumten Haushalts und Arbeitsplatzes erzählt Hassenfratz, der auch das Drehbuch geschrieben hat, vom Ungeheuerlichen, das stark kontrastiert mit der Welt aus religiösen Ritualen, harter Arbeit und scheinbar normalem Familienleben. Rückzugsort für Maria wird die Kirchenorgel, die, sobald sie erklingt, ihrem Gesicht und ihrem Körper etwas von dem Schmerz und der Last nimmt.

Der Film zeigt im Zusammenspiel der Schwestern, dass eine Zeit angebrochen ist, in der Aushalten und Schweigen nicht länger die wohlwollenden Komplizen von Demütigung und Misshandlung sind.

Am 20. Februar um 12.30 Uhr im Colosseum und um 20 Uhr im Cinemaxx

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