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Datenbanken statt Zeitungsabos

Berlins Bibliotheken besetzen weniger den physischen Raum und machen mehr online - mit zum Teil zweifelhaften Ergebnissen

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In der Stadtbibliothek am Kottbusser Tor in Kreuzberg ist gleich im Erdgeschoss ein kleiner Lesesaal. Neben den Auslagen mit über einem Dutzend Zeitschriften steht ein Zeitungsständer mit weiteren Publikationen. An Lokalmedien befinden sich da aber neben einigen Gratismagazinen nur noch die »Berliner Zeitung«, das Stadtmagazin »Tip« und das »Mieterecho«, die Zeitschrift der »Berliner Mietergemeinschaft«. Bis 2016 konnten hier noch drei lokale Tageszeitungen gelesen werden, doch dann kündigte die Bibliothek ihre Abos von »Tagesspiegel« und »Taz«.

»Im Grunde müsste man alle drei haben«, sagt Bibliotheksleiterin Birgit Braun, »aber das konnten wir uns auf gar keinen Fall leisten.« Sie fügt hinzu, dass es nicht nur eine Frage des Geldes gewesen sei. Der Etat ihrer Bibliothek berechne sich anhand der Ausleih- und Besucherzahlen. Tageszeitungen brächten aber keine solchen Zahlen, weil sie, anders als Zeitschriften, nicht verliehen werden. Zudem habe das Interesse an ihnen »sichtlich deutlich nachgelassen«, sagt Braun. »Deshalb die Überlegung: Können wir es uns leisten, sehr viel Geld für Dinge auszugeben, die uns keinerlei Zahlen bringen?«

Dass zwei Zeitungsabos »sehr viel Geld« kosten, und generell möglichst alle Medien »Zahlen bringen« müssen, mag seltsam anmuten. Doch in dieser Verfassung ist nun mal das Berliner Bibliothekswesen. Dieses Verständnis von Effizienz hat auch zu vielen Bibliotheksschließungen geführt.

Wie das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg mitteilt, gab es 1989 in Kreuzberg sieben städtische Bibliotheken, plus »ein Politisches Buchkabinett im Rathaus«. In Friedrichshain waren es elf. Heute hat Friedrichshain nur noch eine und Kreuzberg vier, wobei die Amerika-Gedenkbibliothek am Halleschen Tor eine Ausnahme-Erscheinung ist und die übrigen beiden Kreuzberger Bibliotheken bedeutend kleiner sind als die am Kottbusser Tor.

Bibliotheksschließungen gab es schon in den 1990ern, aber die Bezirksfusion 2001 hat zu weiteren geführt, erinnert sich Birgit Braun. Sie hatte davor in Friedrichshain noch einige der sogenannten Wohnzimmerbibliotheken kennengelernt: vollgestopfte Ladenlokale, in denen zwar viel Lesestoff, darunter auch Zeitungen, aber kein Platz zum Lesen gewesen sei, wie sie sich erinnert. Brauns eigener Standort am Kottbusser Tor, an dem sie seit 25 Jahren arbeitet, verlor durch die Bezirksfusion seinen Status als Bezirkshauptbibliothek, und somit Ressourcen.

Der heutige Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat also zwei Drittel seiner Bibliotheksstandorte verloren. In anderen Bezirken ist es ähnlich. Doch Birgit Braun will das nicht allzu sehr beklagen und verweist stattdessen auf einen Bedeutungswandel der Bibliotheken: »Es bewegt sich vom Bestand-Vorhalten weg. Es geht um Wissensvermittlung, egal mit welchen Medien.« Das ist gleichzeitig die zweite Rechtfertigung für das Streichen ihrer Zeitungsabos: Zeitungen können ja längst auch digital genutzt werden. Berlins Bibliotheken bieten immer mehr online an, darunter auch Zeitungsdatenbanken. Wer einen Bibliotheksausweis hat, kann sowohl an Bibliothekscomputern als auch von zu Hause aus auf diese Datenbanken zugreifen und tagesaktuelle Artikel lesen.

Ein Mitarbeiter Brauns führt die Datenbank »Pressreader« vor, die über 5000 Zeitungen und Zeitschriften aus etlichen Ländern im Angebot hat. Als er in der Bundesländer-Übersicht auf Berlin klickt, finden sich dort aber nur der »Tagesspiegel«, zwei (selbst ihm unbekannte und zum Teil veraltete) Gratiszeitschriften und ein konsumorientierter Stadtführer - also kaum relevante Lokalmedien. »nd« ist nur mit der bundesweiten Ausgabe vertreten.

Neben »Pressreader« gibt es die Datenbank »Genios«. Dort sind mehr Lokalmedien und auch einige bekannte bundesweite Medien tagesaktuell einsehbar. Aber bei »Genios« gibt es nur eine Schlagwortsuche. Dort kann also nicht durch eine ganze Ausgabe geblättert werden, wie bei »Pressreader«.

Neben »Pressreader« und »Genios« besteht sogar ein dritter Zugang zu aktuellen Medien: die Onleihe. Das Standard-Leihsystem für elektronische Medien funktioniert auch für Zeitungen und Zeitschriften. Wie bei Büchern und Hörbüchern kann ich hier die Publikation als Datei runterladen, die sich nach einem bestimmten Zeitraum selbst löscht. Von jeder Datei gibt es aber nur eine bestimmte Anzahl, abhängig davon, wie viele Lizenzen der Berliner Bibliotheksverband gekauft hat. Wir klicken auf die »Süddeutsche Zeitung«, doch wir kriegen kein Exemplar mehr zu sehen. »Voraussichtlich verfügbar ab morgen. Das Kontingent möglicher Ausleihen ist für heute aufgebraucht«, ist da zu lesen.

Kein Wunder: Von der »Süddeutschen Zeitung« hat der Berliner Bibliotheksverband nur 24 Lizenzen gekauft, die jeweils nur einmal pro Tag genutzt werden können. Einen Bibliotheksausweis haben aber rund 400 000 Menschen.

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