Werbung

Gefährliche Cocktails

Auch internationale Konzerne produzieren nicht zugelassene Antibiotika-Präparate in Indien und verschärfen dort die Resistenzprobleme

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

In Indien werden Antibiotika-Cocktails illegal produziert und vertrieben. Dabei verlässt man sich nicht auf einzelne Wirkstoffe, sondern gleich zwei oder sogar mehr verschiedene Antibiotika befinden sich in einer einzigen Tablette. Dieses Vorgehen hat gravierende Folgen.

Die gemischten Präparate sind in Indien im Trend: Von den insgesamt 204 im Handel befindlichen Antibiotika sind mehr als die Hälfte, nämlich 118, derartige Kombinationspräparate. Statt auf einen einzigen Wirkstoff zu vertrauen, wird in Indien ein Drittel aller Patienten mit solchen Wirkstoff-Cocktails behandelt. Von diesen Kombinationspräparaten sind nur fünf in Europa oder den USA als Medikament zugelassen. Zu diesem Ergebnis kommt jetzt eine Studie der klinischen Pharmakologin Patricia McGettigan und ihrer Kollegen von der Queen Mary University of London. Sie wurde aktuell in der Fachzeitschrift »British Journal of Clinical Pharmacology« publiziert und hat untersucht, wie viele und welche Antibiotikapräparate von 2007 bis 2012 in Indien verkauft wurden und wie viele davon die Zulassungsvorschriften Indiens, der USA oder Europas erfüllen.

Medikamente, deren Patente abgelaufen sind, bringen den Pharmakonzernen keine großen Gewinne mehr ein. Als Generika können sie von anderen Herstellern produziert und billiger verkauft werden. Um sie immer günstiger herzustellen, haben westliche Unternehmen die Wirkstoffproduktion nach Asien verlagert. Doch genau das könnte ein Grund dafür sein, warum gerade in Indien resistente Erreger vermehrt auftauchen. Denn hier fehlt schlicht die Kontrolle über den Verkauf und auch die Herstellung der Medikamente. So kommen die Präparate-Cocktails in den Umlauf, weil Patienten sich von ihnen eine bessere Wirkung erhoffen.

Von den 118 angebotenen Kombinationspräparaten genügen 64 Prozent nicht einmal nationalen Zulassungsbestimmungen, so die aktuelle Studie. Allein 53 davon werden von multinationalen Konzernen produziert. Die Forscher sind schockiert: »Wie erklären diese Konzerne die Tatsache, dass sie in Indien massenhaft Produkte verkaufen, die in ihrem eigenen Land nicht zugelassen wären und teilweise selbst in Indien nicht den Vorschriften genügen?«

Mit der Produktion beginnt auch die nicht überwachte Einnahme der Kombipräparate. »Der freie Verkauf unkontrollierter, nicht zugelassener Antibiotika unterminiert alle Bemühungen, die grassierende Ausbreitung von Resistenzen einzudämmen«, betont McGettigan. Viele dieser Mittel enthielten ungünstige Wirkstoffkombinationen, die Resistenzen weiter verschärfen könnten.

Mehr als 300 Millionen Einheiten solcher illegalen Medikamente wurden laut Studie in den Jahren 2011 und 2012 an Patienten abgegeben. Dabei zählen die Autoren einen Blister (Tablettenverpackung, bei der Pillen einzeln entnommen werden können), eine Flasche oder eine Injektion als eine Einheit. In keinem Land der Welt würden die Menschen so viele Antibiotika einnehmen wie in Indien, schreiben die Autoren. Mehr als 2,58 Milliarden Einheiten waren es 2011 und 2012. Das sind 26 Prozent mehr als in den Jahren 2007 und 2008. Der Verbrauch von Kombinationspräparaten stieg in diesem Zeitraum sogar um 38 Prozent. Heute gehört Indien zu den Ländern mit den höchsten Antibiotika-Resistenzenraten.

Gefürchtet ist seit einigen Jahren das Enzym NDM-1, benannt nach der Stadt, in der es 2009 entdeckt wurde: Neu-Delhi (M-1 für Metallo-Betalaktamase 1). Gegen Bakterien, die dieses Enzym bilden können, gibt es laut dem Berliner Robert-Koch-Institut nur noch zwei wirksame Antibiotika.

Diese Entwicklung ist nicht nur gefährlich für die Menschen in Indien selbst. Der weltweite Reiseverkehr führt zu einer Verteilung multiresistenter Bakterien über den gesamten Globus. NDM-1 hat längst in anderen Ländern Einzug gehalten. 700 000 Menschen fallen jedes Jahr antibiotikaresistenten Krankheitserregern zum Opfer, so die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen