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Thomas Mann bangte um seine Villa

»Das Wintermärchen« - Ralf Höller lässt Schriftsteller über die Münchner Räterepublik berichten

  • Von Werner Abel
  • Lesedauer: 6 Min.

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Nein, ein Programm hatten sie nicht, die Intellektuellen, die Schriftsteller und Philosophen, denen im Spätherbst 1918 und im Frühjahr 1919 plötzlich die Macht in die Hände gefallen ist. Was sie bestimmte und einte, war die entschiedene Ablehnung des mörderischen, menschenverschlingenden Weltkriegs, in den einige am Anfang noch mit patriotischer Begeisterung gezogen waren. Den autoritären Strukturen des kaiserlichen Deutschlands mit seinem als schmachvoll empfundenen sorgsam gepflegten Untertanengeist setzten sie die freie Assoziation entgegen, gebildet aus Individuen, die Lew Tolstois »geläuterte Seelen« in sich trugen und nach einem Menschenbild geformt waren, das sich von Pjotr Kropotkins »gegenseitiger Hilfe im Menschen- und Tierreich« herleitete. So begeisternd ihre Ansichten auch heute noch klingen mögen, so fantastisch waren sie.

Als das deutsche Kaiserreich mit dem für Deutschland verlorenen Krieg zusammenbrach und Ludwig III., der bayerische König, am 7. November 1918 abtreten musste, lag die Macht auch in Bayern auf der Straße. Schon einen Tag später rief Kurt Eisner, Mitglied der 1916 aus Protest gegen den imperialistischen Krieg und die »Burgfriedenspolitik« der SPD gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD), den »Freistaat« Bayern aus. Eisner, als Schriftsteller und Journalist auch über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt, war ein begeisternder Redner mit der Eignung zum Volkstribun. Die sich ad hoc gebildeten Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte wählten eine aus USPD und SPD bestehende Revolutionsregierung mit ihm als Ministerpräsidenten. Eine reale Macht indes hatte er nie, auch wenn ihn die in Bayern gegründeten Arbeiter- und Soldatenräte mal mehr, mal weniger unterstützten.

Nichts deutete drauf hin, mehr als eine demokratische Republik erreichen zu wollen, die Eigentumsverhältnisse blieben ebenso unangetastet wie der Beamtenapparat oder die Presse. Und trotzdem machte die Reaktion in Einheit mit dem Mehrheitssozialisten (MSPD), auch aus dem fernen Berlin, Front gegen Eisner. Seine jüdische Herkunft wurde ebenso thematisiert wie die Angst geschürt vor der »bolschewistischen Gefahr«, die man seit einem Jahr aus Russland heraufziehen sah. Als Eisner dann noch Dokumente des Außenministeriums veröffentlichte, die Deutschlands Mitschuld am Ausbruch des Weltkriegs bewiesen, war das Maß voll.

Die für den 12. Februar 1919 festgesetzten Wahlen verlor Eisners USPD mit nur 2,5 Prozent der Stimmen krachend. Als er am 21. Februar mit seiner Abdankungsrede in der Tasche auf dem Weg ins Parlament war, wurde er von dem jungen rechtsradikalen Grafen Arco auf Valley durch mehrere Schüsse ermordet. Arco, der selbst eine jüdische Mutter hatte, war zuvor die Aufnahme in die reaktionäre und antisemitische Thule-Gesellschaft verwehrt worden.

In dem nun entstandenen Machtvakuum wählte der Landtag eine Minderheitsregierung unter dem rechten Sozialdemokraten Johannes Hoffmann. Am 7. April aber schlug die Stunde der Intellektuellen mit der Ausrufung des Zentralrats der Bayerischen Republik, dem zunächst Ernst Niekisch vorstand. Hoffmann wich mit der Regierung nach Bamberg aus. Nach dem Rücktritt von Niekisch übernahm nun Ernst Toller den Vorsitz, ihm zur Seite standen Gustav Landauer und Erich Mühsam. Wie man die errungene Macht festigte, wusste eigentlich keiner von ihnen. Grund auch für die Mitglieder der noch jungen KPD, sich nicht an der Räterepublik zu beteiligen.

1933, am Tag der Bücherverbrennung, schrieb Ernst Toller selbstkritisch resümierend, dass die Revolutionäre, »über Thesen und Parolen den Willen des Menschen und seine Entscheidungen vergaßen« und die Schriftsteller, »die ein verstiegenes Bild des kämpfenden Arbeiters schufen«, sogleich »verzagten, wenn sie dem wirklichen Arbeiter begegneten, mit seiner Schwäche und seiner Stärke«. Sein Buch »Eine Jugend in Deutschland«, in dem er von der Räte-Zeit erzählte, widmete Toller übrigens seinem Neffen Harry, der sich 1928, mit achtzehn Jahren, erschossen hat. Toller selbst nahm sich, verzweifelt über die inkonsequente Haltung der westlichen Demokratien und deren Verrat an der Spanischen Republik, für die er sich so leidenschaftlich engagiert hatte, am 22. Mai 1939 in New York das Leben.

Doch zurück zur Münchner Räterepublik: Am 13./14. April 1919 konnte ein Putschversuch noch vereitelt werden, nun schon unter der Beteiligung der Kommunisten Eugen Leviné, Max Levien und des jungen Matrosen Rudolf Egelhofer, der eine Rote Armee aufzubauen versuchte. Die Kommunisten wussten aus den russischen Erfahrungen, dass Revolutionäre konsequent handeln müssen. Auch Lenin telegrafierte in diesem Sinne. Aber die Konsequenzen wurden zu spät gezogen.

Die Bamberger Regierung schickte Truppen nach München, Freikorps formierten sich, schon mit dem Hakenkreuz auf dem Stahlhelm. Berlin verkündete die Reichsexekutive und Gustav Noske, der sozialdemokratische Reichswehrminister, ließ die Reichswehr Richtung München marschieren. Die Räte-Bewegung ging im weißen Terror unter, der etwa 2000 Menschen das Leben kostete. Der Menschenfreund Landauer wurde viehisch ermordet, Toller kam mit einer Zuchthausstrafe davon, Egelhofer und Leviné wurden hingerichtet. In seiner berühmten Rede vor Gericht nannte Leviné bekanntlich die Kommunisten »Tote auf Urlaub« .

Ralf Höller schreibt die Geschichte der Räterepublik aus der Sicht der Träumer und Weltverbesserer ebenso wie aus der der Zweifler und Gegner. So entstand eine äußerst spannende und nachdenklich stimmende Collage aus Tagebüchern und Erinnerungen. Die subjektiven Sichten verleihen Authentizität, vermittels derer der Leser zum Miterlebenden wird. Sie kommen alle zu Wort: Außer dem Pazifisten Toller, der kurze Zeit Oberbefehlshaber der rätetreuen Truppen war, auch Thomas Mann, hin- und hergerissen zwischen Sympathie und Ablehnung, durchgehend besorgt um seine Villa, für die er vorsorglich bezüglich potenzieller Plünderer 200 Reichsmark »Schutzgeld« zurückgelegt hatte, und der dann erleichtert aufatmete, als das sozialistische Experiment beendet war. Zu Wort kommen Rainer Maria Rilke mit seiner ursprünglichen Begeisterung, die in Resignation und Rückzug in die Literatur umschlug, sowie Oskar Maria Graf, der immer einem guten Tropfen zugeneigt war und ausgehalten wurde von einer Gönnerin, die um sein Talent wusste; er sprühte vor Ideen, die gut gemeint waren, aber unverstanden blieben. Ret Marut, der mit seiner anarchistischen Zeitschrift »Ziegelbrenner« die Räte-Idee propagierte und der später als B. Traven Weltliteratur schreiben sollte, lässt Höller ebenso sprechen. Und viele, viele andere mehr. Einer sollte noch genannt werden. Zu den Großen der deutschen Literatur gehört er nicht, aber sein »Revolutionstagebuch« widerspiegelt, wie die Bürgerlichen diese Revolution sahen und empfanden. Höller ist zu danken, dass er an Josef Hofmiller erinnert.

Hellsichtige haben zeitig darauf verwiesen, welche unheilvolle Saat da aus der Niederlage in München aufgehen wird. Während der Rätezeit kannte kaum jemand den blassen Rekonvaleszenten, der ziellos in München umherlief und sich in einen Bataillonsrat wählen ließ. Mit dem Ende der Räterepublik kam seine große Stunde, er wurde V-Mann im Reichswehrkommando und beschloss nach erfolgreichen Denunziationen früherer Kameraden, animiert von seinen antikommunistischen und antisemitischen Gönnern, Politiker zu werden. Knappe vierzehn Jahre später war Adolf Hitler Reichskanzler.

Ralf Höller: Das Wintermärchen. Schriftsteller erzählen die Bayerische Revolution und die Münchner Räterepublik 1918/1919. Edition TIAMAT, 320 S., geb., 20 €.

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