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Von der Leere

Zwei Dokumentationen

  • Von Arne Kellermann
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die kapitalistische Produktion überschwemmt die Welt mit einem Strom von Waren, und in dieser Bewegung ersaufen die Menschen in der Leere ihrer Ohnmacht. Zwei dokumentarisch angelegte Filme widmen sich nun auf unterschiedliche Art dieser Problematik.

Der Film »Interchange« zeigt endlosen Verkehr und bringt so die kapitalistische Überproduktion selbst zur Sprache. Über 62 Minuten wird eine Bundesstraßenkreuzung in einem Vorort von Montreal und die trostlose Dynamik an ihr abfotografiert. Man sieht Riesentransporter, die mit ohrenbetäubendem Lärm vorbeiziehen, das unendliche Fließen und Stoppen von PKWs und Bussen, die irgendjemanden irgendwohin transportieren, doch taucht kein Leben auf, das jener Bewegung etwas entgegenzusetzen hätte. Beklemmend wird das dadurch, dass die gegenwärtige Ausweglosigkeit filmisch in keiner Weise aufgebrochen wird: Endlos wirkende Szenen, die von einer fixierten Kamera aufgenommen wurden, reihen sich aneinander, nicht einmal der Ort wird benannt. Der Film zeichnet etwas von dem besinnungslosen Treiben auf, das sonst im blinden Fleck alltäglicher Wahrnehmung liegt. Dargestellte Trost- und Ausweglosigkeit könnte Anlass bieten innezuhalten, aber auch das wird den Menschen nicht mehr gegönnt: Zwischen die Bilder des Verkehrs werden Kurzaufnahmen von denjenigen gesetzt, die diesen unwirtlichen Landstrich bewohnen. Der Film interessiert sich für Menschen nur als Teil einer bewegten Landschaftsmalerei.

Der Filmessay »Obscuro Barroco« setzt am anderen Extrem an: Die Menschen sind hier keine Farbtupfer in der Landschaft, sondern stehen im Fokus der Kamera. Anhand eines Porträts Luana Muniz’, einer Ikone des queeren Lebens Rio de Janeiros, geht der Film dem Verhältnis von Transsexualität, Verkleidung und Rausch im Karneval nach. Er zeigt farbenprächtig die Traumwelt gelingender Selbstauflösung und -umformung in der Gegenwart, die vom Zerfallen der brasilianischen Gesellschaft kaum Notiz nimmt. Mit Zitaten aus Clarice Lispectors Schrift »Aqua Viva« arbeitend, gibt sich der Film der Welt Muniz’ hin und richtet dabei den Blick auf die scheinbar grenzenlose Transformation von Körpern. Die von Muniz eingesprochenen Worte Lispectors lassen den Körper- und Farbenreigen als Nonplusultra menschlichen Lebens erscheinen und ästhetisieren dabei noch den Kampf um Befreiung. Dass Muniz selbst einige Tage nach Beendigung der Dreharbeiten verstorben ist, gibt dem ganzen Film dann noch eine Aura, die die Leere umso weniger gewahr werden lässt.

Setzt »Interchange« der Überflutung der Menschen durch kapitalistische Warenströme keinen Widerstand entgegen, sondern degradiert sie noch mal zu Objekten des Voyeurismus, so feiert »Obscuro Barroco« die Konzentration auf den Körper als Kompensation für die trotzige Ohnmacht der Schwachen, die auf keine Solidarität zählen können. Süß - im besten Sinne des Wortes - ist der Film aber immerhin darin, dass er das absurde Theater des widerständigen Strömens zu seinem Recht kommen lässt. Sehenswert sind die Darstellungen der Ausweglosigkeit der Menschen in beiden Filmen; gelungen ist sie bei keinem.

»Obscuro Barroco«, 23.2., 16 Uhr, (Zoo Palast 2), 24.2., 17.45 Uhr (CineStar 3)

»Interchange«, 24.2., 22 Uhr (CineStar 8)

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