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Immun-Booster S-Bahn

Eine S-Bahnfahrt im Winter mit verschnupften Pendlern trainiert das Immunsystem.

  • Von Iris Rapoport, Boston und Berlin
  • Lesedauer: 3 Min.
Gefühlt fällt in Berlin jede zweite S-Bahn aus. Hat das Warten ein Ende, klingen Husten und Schniefen im Zug fast wie ein Dankeschoral. Und in dichteste Kugelpackung gedrängt ahnt man - nur Küsse verbreiten Bazillen und Viren noch effizienter.

Zum Glück wacht da unser fast perfektes Immunsystem! Andernfalls würde die Fahrgäste wohl unvermeidlich bald siech darniederliegen. So aber trotzen wir den Fährnissen des Nahverkehrs. Im Schnitt ereilen uns Erkältungen nur etwa vier Mal im Jahr.

»Getrennt marschieren, gemeinsam schlagen« gilt für die Immunabwehr im besten Sinne. Eine schnelle Eingreiftruppe ist ständig auf Wacht. Die ist uns angeboren. Sie wird aus Fresszellen (dem mengenmäßig größten Teil unserer weißen Blutzellen) rekrutiert. Und auch aus vielen in der Leber gebildeten und ans Blut gelieferten Proteinen. Gemeinsam spüren sie unsere unsichtbaren Feinde mit einem genetisch festgelegten Arsenal von Rezeptoren auf. Die erkennen unspezifische Merkmale, die den unterschiedlichsten Erregern gemein sind. Die Erreger werden gebunden und anschließend zerstört. Oft werden sie im wahrsten Sinne des Wortes gleich aufgefressen.

Scheitert das angeborene, unspezifische Immunsystem, dann überfluten die Eindringlinge den Körper. Sie infizieren Zellen und vermehren sich. Wir werden krank. Nun sind die Spezialeinheiten der spezifischen Immunabwehr gefragt. Auch die bestehen aus Zellen und freien Proteinen. Diese Elitetruppen lernen innerhalb von nur fünf Tagen, die individuellen Merkmale eines Erregers - etwa die eines Schnupfenvirus - schnell und irrtumsfrei zu erkennen. Dazu werden neue Gene geschaffen, die es ermöglichen, Rezeptoren zu produzieren, die den Erreger an seinen ganz spezifischen Merkmalen erkennen.

Der Kampf gegen freie Erreger obliegt den B-Lymphozyten (im Knochenmark gereifte weiße Blutzellen). Die nehmen zunächst mit einem bereits vorhandenen, halbwegs passenden Rezeptor ein Virus auf. Wenn sich so eine Zelle nun teilt, verändert sich ihr Erbgut. Dabei entsteht das Gen für den benötigten, hochspezifischen Rezeptor. Der bekommt einen neuen Namen: Er wird Antikörper genannt. Keine Chance mehr für lästige Schnupfenviren. Sie werden von den Antikörpern aufgespürt, neutralisiert und der unspezifischen Abwehr zur endgültigen Beseitigung ausgeliefert.

Auf ähnliche Weise werden die Rezeptoren von cytotoxischen T-Lymphozyten (im Thymus gereifte weiße Blutzellen) optimiert. Die durchkämmen die Gewebe nach infizierten Zellen, die sich durch Bruchstücke von Virusprotein an ihrer Oberfläche zu erkennen geben. Daran heften sich die cytotoxischen T-Lymphozyten und zerstören die befallenen Zellen.

Die spezifische Abwehr vergisst nichts! Gedächtniszellen unterstützen im Bedarfsfall die schnelle Truppe sofort - wir bleiben gesund. Impfen wirkt ähnlich. Ein Jammer, dass das gegen die leicht veränderlichen Schnupfenviren nicht möglich ist.

Trotzdem wird jetzt alles besser. Nein, nicht bei der S- Bahn. Aber mit den umherschwirrenden Erregern. Auf deren Verringerung ist im Frühling Verlass.

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