Druiden im Drogenrausch

Die Sky-Serie »Britannia« ist ein bildgewaltiges Epos aus der Zeit der römischen Eroberung Englands

Wer historische Fiktion aufmerksam am Fernseher verfolgt, könnte einen ziemlich komischen Eindruck von der Weltgeschichte kriegen. Es gibt darin Nationalsozialismus ohne Nazis und Kommunismus ohne Gnade, es gibt ein Mittelalter ohne Dreck, die Kolonialzeit ohne Kolonialzeitopfer, und wenn die Nachkriegszeit inszeniert wird, gibt es daheim eigentlich nie Streit, geschweige denn Dresche für Frau und Kind wie seinerzeit üblich. Wovon es allerdings mehr als genug gibt, je weiter man die Zeitleiste Richtung Antike zurück reist, sind Sex und Gewalt. Viel Sex und viel Gewalt. Nicht selten viel zu viel von beidem.

Kein Wunder also, dass auch in der neuesten Serie über den Beginn unserer Zeitrechnung dauernd das Blut spritzt als käme es aus Hochdruckschläuchen, während andernorts gevögelt wird als gäb’s keinen Alltag. Sie heißt »Britannia«, handelt von der Eroberung Englands durch die Römer vor fast 2000 Jahren und spielt damit kurz nach dem Vorbild »Rome«. Bei HBO verwendeten die Bürger des Weltreichs ab 2005 so viel Zeit darauf, im Akkord gigantische Orgasmen zu produzieren, dass kaum noch Zeit für jene Art blutiger Intrigen blieb, die das zweite Standbein der 22 Teile bilden. Ähnlich ist es bei »Game of Thrones«. Schlachtenlärm und Bettgeräusche wechseln sich hier oft in so schneller Folge ab, dass man für den philosophischen Tiefgang zwischendrin manchmal kurz die Augen schließen muss.

Ungefähr in der Mitte beider Welterfolge des schauwertigen Historytainments ist nun »Britannia« zu verorten, die allererste Koproduktion des Pay-TV-Kanals Sky mit der Streamingkonkurrenz von Amazon. Es geht darin um den römischen Feldherr Aulus Plautius, der - glaubhaft machtbesessen verkörpert vom »Walking Dead«-Governor David Morrissey - im Jahr 43 versucht, das tief zerstrittene, aber brandgefährliche Land der Kelten zu besetzen. Bis die (abgesehen vom verbrieften Kaiser Vespasian) einzig real existierende Figur zum Gouverneur der Provinz aufsteigt, kriegt sie es allerdings mit einer Reihe Ureinwohner zu tun, denen man selbst als Aggressor besser nicht begegnet.

Es sind bizarre Schamanen wie Veran (Mackenzie Crook), rachsüchtige Teenager wie die Halbwaise Cait (Eleonor Worthington Cox), undurchsichtige Druiden wie der okkulte Divis (Nikolaj Lie Kaas), vor allem aber kämpferische Frauen wie die Stammesführerinnen Kerra (Kelly Reilly) und Antedia (Zoë Wanamaker). Während sie branchenüblich ein bisschen zu sauber, ein bisschen zu sexy, ein bisschen zu schön sind, darf der männliche Personalbestand dieser vorhygienischen Epoche entsprechend so verwahrlost sein, dass es förmlich aus dem Flatscreen stinkt. Und auch wenn alle Protagonisten kulturübergreifend ein sonderbar verständliches Oxfordenglisch reden, bleibt unterm Strich stets der Wille beider Produzententeams um James Richardon (Vertigo) und Pippa Harris (Neal Street) um größtmögliche Authentizität erkennbar.

Wie verbrieft all das ist, lässt sich nur mutmaßen. Über Englands keltische Kultur gibt es erst nach der römischen Besetzung akademisch belastbare Fakten. Zur Überbrückung der Wissenslücke haben sich die Autoren Jez und Tom Butterworth jedoch etwas einfallen lassen: »Britannia« ist ein einziger Drogenrausch, die Grenzen vom Wahn zur Wirklichkeit fließen unablässig. Im Meer visueller Effekte droht der Inhalt dabei zwar gelegentlich kurz abzusaufen. Doch die Bilder sind trotz allem Sex’n’Crime von so träumerischer Wucht, dass allein sie schon das Zuschauen rechtfertigen.

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