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Der nächste Tiefpunkt für Hamburg

Nach dem 0:1 im Nordderby beim SV Werder Bremen taumelt der HSV Richtung 2. Liga

  • Von Frank Hellmann, Bremen
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Kopf wippte nervös hin und her, die Stimme klang brüchig und das Gesicht wirkte gezeichnet: Wenn es eines Beleges bedurfte, wie bedrohlich und gleichzeitig betrüblich die Lage beim Hamburger SV seit diesem Wochenende geworden ist, musste man nach dem 0:1 im Nordderby beim SV Werder nur Heribert Bruchhagen zusehen und zuhören, der sich schweren Schrittes von Interview zu Interview schleppte. »Das war ein Rückschlag. Ob es ein entscheidender Rückschlag ist, das vermag ich nicht zu beurteilen«, sagte der HSV-Vorstandschef und fügte irgendwann noch an: »Von Resignation rechts und links des Weges ist kein Platz.«

Und doch gibt der 69-Jährige selbst ein trauriges Bild ab: Da hat einer den Zug der Zeit verpasst. Und der gebürtige Ostwestfale sollte wissen, dass die von ihm beschworene »Resthoffnung« nur greift, wenn am kommenden Samstag im Heimspiel gegen den FSV Mainz 05 ein Sieg gelingt. Wie aber dieses falsch zusammengestellte und offensiv komplett harmlose Ensemble nach elf sieglosen Spielen ein Erfolgserlebnis verbuchen soll, ist ein völliges Rätsel.

Mit dem »nicht völlig unverdienten Sieg«, wie Werders Trainer Florian Kohfeldt punktgenau formulierte, hat sich der Rivale aus Bremen auf neun Punkte vom HSV gelöst - die Relegation ist schon fast das Höchste des Gefühle für den taumelnden Klub, der definitiv am nächsten Tiefpunkt angelangt ist. Beinahe symbolisch für den Abgesang sah das späte unglückliche Eigentor von Rick van Drongelen (86.) aus, als der Verteidiger die Kugel beim Klärungsversuch auf der Linie - hart bedrängt vom eingewechselten Bremer Stürmer Ishak Belfodil - ins eigene Netz schaufelte. Bruchhagen war derjenige, der nach zig Zeitlupen erkannt haben sollte, dass Belfodil beim Schuss von Aaron Johansson im Abseits gestanden habe.

»Was sind das für Leute, die da in der Videozentrale in Köln sitzen? Jeder, der ein bisschen Fußball gespielt hat, der sieht, dass es Abseits ist«, schimpfte der Boss. »Dann haben die eben nicht Fußball gespielt und sind bewusst Schiedsrichter geworden, weil sie dort besser aufgehoben sind. Da kannst du tausend Linien ziehen, das ist Abseits.« Erstaunlicherweise sprach sein Trainer Bernd Hollerbach jedoch von »gleicher Höhe« - und im selben Atemzug auch von einer »Fehlentscheidung«. Der 48-Jährige beklagte ein »klares Foul« an seinem niederländischen Abwehrspieler, was allerdings eine einseitige Sicht auf den Schlüsselmoment gab.

Schiedsrichter Felix Zwayer, der Rücksprache mit dem Videoassistenten Günter Perl hielt, rechtfertigte seine Entscheidung: »Wenn alle Gelehrten darüber streiten, dann ist es keine Situation, die klar und eindeutig ist.« Vielleicht hätten die sogenannten kalibrierten Linien helfen können, deren Einführung sich in einem derart durchleuchteten Betrieb wie der Fußball-Bundesliga hoffentlich nicht so lange hinauszögert wie die Eröffnung des Berliner Flughafens.

Dem Referee aus der Hauptstadt gebührte hauptsächlich ein Sonderlob, weil es den einen oder anderen Kollegen gegeben hätte, der diese spielerisch armselige Begegnung womöglich gar nicht so weit hätte laufen lassen. Denn unter dem Dach der Westkurve des Bremer Weserstadions, dem Refugium der Gästeanhänger, veranstalteten Chaoten ein brandgefährliches Feuerwerk, als habe ein ganzer Hamburger Stadtteil Silvester verpasst. Da wurden nicht nur Böller gezündet und Bengalos abgebrannt, sondern auch mit Raketen und Leuchtspurmunition geschossen - eine davon schlug auf dem Spielfeld neben dem Ex-Bremer Aaron Hunt ein, übrigens noch der beste HSV-Spieler. Zwayer negierte allerdings die Vermutung, er habe gänzlich abbrechen wollen. Das Abbrennen von Pyrotechnik habe »überhandgenommen«, deswegen hätte er zweimal unterbrochen. »Am Ende ist es dann doch glimpflich abgegangen.«

Aber: Muss erst ein Profi auf dem Platz getroffen oder ein Unbeteiligter auf den Rängen verletzt werden, damit Besinnung einkehrt? Bei diesem Thema wirkte Bruchhagen ebenfalls tief betroffen. »Das sind keine HSV-Fans, das sind Fußballzerstörer.« Resignation schwang in den Worten des Vorstandschefs mit. Da scheint einer zu spüren, dass der Imageverlust dieses stolzen Vereins - vor 35 Jahren immerhin Europapokalsieger der Landesmeister - auf allen Ebenen kaum mehr aufzuhalten ist.

Es gibt immer mehr Menschen selbst mit HSV-Vergangenheit, die dem darbenden Dino nach elf Spielen ohne Sieg endlich eine Strafversetzung in die Zweite Liga wünschen. Der amtierende Vorstandschef, so viel steht nach der Präsidentenwahl von Bernd Hoffmann fest, wird diesen Neuanfang trotz laufenden Vertrags bis 2019 nicht mehr gestalten. Vermutlich wird es Bruchhagen auch selbst als Erlösung begreifen.

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