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Bewegt vom politischen Diskurs

Im Hebbel am Ufer beginnt die 6. »Biennale Tanzausbildung« - mit Gastspielen auch aus Iran und Ägypten

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Anfang stand eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes, den Tanz zu fördern. In diesem Rahmen gründeten Vertreter der staatlichen Tanzstudiengänge 2007 die »Ausbildungskonferenz Tanz« als Arbeitsgemeinschaft und Interessenvertretung rund um die Tanzausbildung.

Das hatte bald praktische Konsequenzen: Schon 2008 fand in Berlin die erste »Biennale Tanzausbildung« statt. Sie gab in Vorstellungen einen Überblick darüber, was an den Ausbildungsstätten für klassischen oder zeitgenössischen Tanz geleistet wird, und bot denen, die in der Abgeschiedenheit ihrer Einrichtung wirken, Gelegenheit zu Gedankenaustausch und gegenseitigem Kennenlernen. Einher gingen Präsentationen mit Workshops und Lectures.

Viel hat sich seither am Bauprinzip nicht verändert, wenn nun an acht Tagen die sechste »Biennale Tanzausbildung« startet, wieder in Berlin, wieder im Hebbel am Ufer als Auftrittsort. Und doch gibt es Neues. Das Hochschulübergreifende Zentrum Tanz als Veranstalter hat das Treffen unter das Motto »Dancing in the Street. Was bewegt Tanz?« gestellt und fragt nach den gesellschaftspolitischen Themen, die den Tanz beschäftigen und sich in ihm spiegeln.

Über 100 Studierende aus acht deutschen und, als Ausweitung, fünf internationalen Ausbildungsstätten nehmen an der als Arbeitsplattform ausgeschriebenen Biennale teil. Ziel sind Austausch und Vernetzung zwischen Lernenden, Lehrenden und geladenen Künstlern, nicht nur auf ästhetisch-künstlerischer Ebene. In Zeiten sich zuspitzender politischer Verhältnisse darf der Tanz nicht abseits stehen, denkt man an Proteste auch von Tänzern gegen staatliche Willkür, in Iran, in der Türkei, in Russland.

Tanz hat sich auch schon vorher am politischen Diskurs beteiligt, wie Kurt Jooss 1932 mit seinem »Grünen Tisch« in ästhetisch hoher Verdichtung bewiesen hat. Inwieweit die Beiträge der Schulen nun Stellung zu dem Motto beziehen, wird man sehen.

Denn Herzstück der Biennale und das, was von ihr nach außen wirkt, bleiben die beiden Abendprogramme im HAU. Auch wenn diesmal die Ballettschule Hamburg und die John-Cranko-Schule Stuttgart nicht teilnehmen können, bietet sich den Zuschauern ein repräsentativer Eindruck vom Leistungsstand und Engagement der Ausbildungsstätten. Viele haben Fremdchoreografen gebeten, für die Studierenden zu kreieren. So schufen Ihsan Rustem für die Palucca-Hochschule für Tanz in Dresden »Cupid’s Gun«, was wie ein Widerspruch in sich klingt. Sidi Larbi Cherkaoui & Damien Jalet lieferten für die Folkwang Universität der Künste Essen »Extract from Frame(d)« zu. Die Akademie des Tanzes an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim schickt gleich vier kurze Choreografien, eine mit dem passenden Titel »Protest«. Die Staatliche Ballettschule Berlin zeigt einen Ausschnitt aus »FAR« von Wayne McGregor.

Befragt zum diesjährigen Motto der Biennale, sagt Ralf Stabel, Direktor der Staatlichen Ballettschule, gerade im Tanz bestehe die »Gefahr«, dass das ästhetisch Schöne politische Aussagen, wie den Umgang miteinander, scheinbar in den Hintergrund treten lasse: »Tanz ist jedoch immer ein Spiegel seiner Zeit. So wie unser Stück ›FAR‹, das vieles zeigt, was uns heute Angst macht, Bindungsunfähigkeit, Verantwortungslosigkeit. Und wir sind Beteiligte am Ort des Tanzgeschehens und schauen den Schattenseiten unseres Fortschritts zu.« Als Tanz unserer Zeit und in unserer Zeit könne »FAR« uns beeinflussen und wieder zurückwirken auf die Gesellschaft. Was den Nutzen der Biennale betrifft, sagt Stabel, es sei der Politik endlich aufgefallen, wie beispielhaft international die Studiengänge Tanz seien und dass Leistung und Kreativität zählen: »Auch die teilnehmenden Institutionen reden nun trotz einer gewissen Konkurrenzlage mehr und offener miteinander.«

Besonders spannend dürfte die Begegnung mit den ausländischen Gästen sein. Das erst seit 2010 bestehende Invisible Center of Contemporary Dance aus Teheran existiert als Dennoch in einem Land mit tanz- und körperfeindlicher Staatsreligion. Auch das 2012 formierte Cairo Contemporary Dance Center mit seiner dreijähriger Ausbildung, einzigartig in dieser Region, muss sich seinen Platz noch erkämpfen. Auf 20 Jahre erfolgreichen Wirkens kann die École des Sables nahe Dakar im Senegal zurückblicken. Die beiden Studios, eines mit namensgebendem Sandboden, das andere mit Parkett, stehen für die Spannweite der Ausbildung. Die University of the Arts School of Dance Philadelphia funktioniert nach dem Modus einer Tanzhochschule, P.A.R.T.S. Brüssel schließlich, gegründet von Anne Teresa De Keersmaeker mit dem Schwerpunkt auf Körperbewusstsein und einem künstlerisch breiten Studium zählt mittlerweile zu den renommiertesten und begehrtesten Ausbildungsplätzen weltweit. Wie viel jeder von jedem lernen kann, darin besteht die Chance auch dieser sechsten »Biennale Tanzausbildung«.

Am 26. und 27.2., jeweils ab 19 Uhr, im HAU1, Hallesches Ufer 32, Kreuzberg.

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