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Ansichten des Lebens im Spiel

Die Ausstellung »Max Beckmann. Welttheater« im Potsdamer Museum Barberini

  • Von Stefan Amzoll
  • Lesedauer: 7 Min.

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Das Potsdamer Museum Barberini, seit über einem Jahr in Betrieb, ist ein perfekter Bau, prächtig gelegen im Ensemble der wiederhergestellten Gebäude in der Humboldtstraße am Alten Markt. Die großzügigen Etagenhallen können mehrere Ausstellungen fassen. Derzeit läuft neben der neuen Max-Beckmann-Schau und der gleichzeitig eröffneten Klaus-Fußmann-Ausstellung »Menschen und Landschaften« noch bis zum 21. Mai die Präsentation »Die Galerie aus dem Palast der Republik«, die bereits viel Zuspruch gefunden hat.

Auch zu der am Wochenende eröffneten Beckmann-Ausstellung sollte es viele Menschen ziehen. Einzigartig diese Koproduktion zwischen dem Museum Barberini und der Kunsthalle Bremen, wo viele Beckmann-Produktionen lagern. Subsumiert unter dem Terminus »Welttheater« sei der Künstler in dieser Spannweite und Dichte noch nicht gewürdigt worden, so die Kuratorinnen Ortrud Westheime und Eva Fischer-Hausdorf während der Pressebesichtigung. Die Leihgaben stammen aus deutschen, britischen und US-amerikanischen Museen. Insgesamt 117 Arbeiten darf der Interessent besichtigen: Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, Illustrationen, Skulpturen, in Vitrinen Fotos und sonstiges Begleitmaterial.

Frühere Beckmann-Ausstellungen behandelten häufig Einzelaspekte, etwa die »Selbstbildnisse« oder das berühmte Gemälde »Die Nacht« mit der Hölle des Ersten Weltkriegs im Hintergrund, auch speziell die Druckgrafik. Barberini setzt indes ganz neue Akzente. Es lüftet die Schleier des aus vielerlei Einzelmomenten bestehenden »Welttheaters«, das dieser Maler (1884 - 1950) in Jahrzehnte währender Arbeit erschuf. Hundertfältige Ansichten des Lebens im Spiel und des Spiels im Leben darf der Betrachter anschauen. Tiefer einzudringen in den komplexen Bereich, ermöglichen zahlreiche Begleitprogramme der Ausstellung.

Weit gefasst und mannigfach abgestuft ist, was in den Hallen zu sehen ist. Voraussetzung dafür: Der Künstler ließ sich von vielerlei Erscheinungen in Kunst und Leben anstecken und mischte sich ein. Im Bilde war Beckmann darüber, was seinerzeit Kubismus, Futurismus und Surrealismus wie die neuen Medien Schallplatte, Radio, Film entwickelt hatten. Er selber galt erst als Neoimpressionist, dann als Expressionist, worauf sich das Originalgenie freilich nicht festlegen ließ, sondern stets eigene Wege ging, individuelle Stilarten ausbildete. Jener in den 20er Jahren aufkommenden Neuen Sachlichkeit ging Beckmann zeitweilig voran und prägte sie.

Alle Künste und Medien, ihre Materialien, Techniken und Wirkungsweisen, finden in Beckmanns Bilder- und Körperwelten ihren Widerschein. Die Ausstellung präsentiert entsprechendes Material unter verschiedenen Themenstellungen. Maskeraden und Rollenspiele kommen genauso in den Blick wie der Zirkus, das Varieté, Schaustellungen der Straßen und Plätze, nicht zuletzt schillernde Figuren in seinerzeitigen Staats- und Stadttheatern. Das Varieté als Teil der Unterhaltungskunst der »Golden Twenties« lockte, weil sich dort die Halbwelt umhertrieb und die Eleganz und Erotik der Tänzerinnen ins Auge stach.

Brennend Beckmanns Verlangen, Figuren und Milieus der Zirkuswelt zu bannen, das Dynamische, Verquere ihrer Künste herauszuarbeiten, neben den Lustbarkeiten auch die Gefahren anschaulich zu machen. Die Bildideen purzeln hier wie die Spaßmacher in der Manege. Kaum ein Motiv lässt er aus. »Der Löwenbändiger« in Farbe (1930) etwa zeigt Togare (Georg Kulovits), jenen seinerzeit international berühmten Dompteur. Beckmann sah ihn im Münchner »Circus Krone«, und sie begegneten einander sogar persönlich. »Das Trapez« (1923) zieht es vor, ein Knäuel Menschen an Seilen zu zeigen statt eine Schar erfolgssicherer Akrobaten. Die Angst abzustürzen, prägt ihre Körper und Gesichter. »Akrobat schön!« gibt es bei Beckmann nicht.

Das gesamte Kommunikationssystem dessen, was Theater umschreibt, kommt zum Sprechen. Von Aktionen der Bühne bis zu Reaktionen des Publikums. Nichts geht im Beckmann’schen System glatt über die Bühne. Figuren türmen sich, schlagen Purzelbäume, erschrecken und töten einander, lachen und weinen, schauen dem Betrachter so frech wie teilnahmslos ins Gesicht. Die Räume und Rahmen sind eng, die theatralischen Landschaften unwirtlich. Polierte barocke Bühnen erübrigen sich. Der Boden, worauf die Geister des »Welttheaters« tanzen, ist roh und rissig. Das Chaos hinter der Bühne akzentuieren kubistische und Dada-Elemente. Auf der Bühne drängen sich häufig die Mimen, kriegen kaum Luft, sie lassen Kraft, leiden. Das Ende der Kette, der Zuschauer in Parkett und Loge, kommt über die Karikatur kaum hinaus.

Puppen, Marionetten, Masken, Kostüme, Ausstattungen tummeln sich nur so in diesem Welttheater. Erstaunlich der weite Blick des Künstlers auf das Zeigen, die Darstellung, das mimetische Vergnügen. Jenes Virtuose, Närrische, Tragische, das die Bühne hat, und die eigene theatralische Natur auszustellen, gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen des grandiosen Malers. Leben ist ein Spiel, wie es bei Verdis »Falstaff« heißt. Bei Max Beckmann nimmt es zuweilen böseste Formen an. Fasst das Auge indes Schaustellungen des Jahrmarkts, so genügt es schon, werfen sich Weiber Äpfel zu, spielt ein Mädchen Hopse, schlägt ein Bub die Trommel oder tanzen Ulenspiegeltypen auf Seilen ohne Netz.

Auch Musik ist Teil des »Welttheaters«. Beckmanns Bilder - paradox - klingen. Bald die Hälfte der ausgestellten Arbeiten zeigt Musikinstrumente, offen oder versteckt: Geigen, Celli, Flöten, Hörner, Trompeten, Tuben, Trommeln, Klaviere, Flügel, Schifferklaviere, exotische wie Spielzeuginstrumente. Gelegentlich auch kleine Kapellen und singende Mäuler. In »Selbstbildnis als Clown« von 1921 - ein Ereignis, dies Bild anzuschauen - liegt eine gepunktete Signaltute auf den Knien, daneben Stab, Maske und Katze, während in »Selbstbildnis mit Horn« (1938) der Künstler am Trichter des Instruments haarscharf vorbeischaut. Im Caféhaus-Bild wird der Walzertakt, wenn nicht hörbar, so doch spürbar.

In »Pierrot und Maske« (1920) ragt zwischen den beiden der Hals eines Cellos hervor. Lustig die Nummer in »Kleines Varieté« (1933), wo der Akrobat auf dem Haupt des Cellisten kopfsteht, während zwei differente Damen zuschauen. Dutzende Beispiele ließen sich nennen. Beckmann weiß Dissonanzen und Rhythmen auch ohne Instrumente zu malen. Gemälde und Grafiken führen Arten von Kammermusik gleichsam mit. Im Barberini wäre dies eine zusätzliche Rubrik wert gewesen.

Zentral ist selbstredend der Darsteller. Hunderterlei Arrangements, Posen und Masken vollführt er in den Koordinaten dieses »Welttheaters«. Darsteller ist der Mann der Straße so sehr wie der antike Krösus. Das »Familienbild George« (1935), das den großen Schauspieler Heinrich George wie einen Fleischermeister mit Frau, zwei Kindern und schwarzem Hund in hierarchischer Ordnung zeigt, ist Beispiel hierfür. Typisch auch die Bildnisse des Schauspielers »N. M. Zeretelli« aus den 20er Jahren. In der einen, farbigen Arbeit strahlt das Trikot am Leib des Mimen eine furchterregende Bläue ab.

Beckmanns »Welttheater« überwältigt die Augen und restlichen Sinnesorgane regelrecht, so farbenreich ist es. Der erste Blick in die Weite der Hallen verrät das schon. Groß ausgestellt die monumentalen Triptychen »Akrobaten« (1939) und vor allem »Departure (Abfahrt)« (1932 - 1935), dessen Seitentafeln grausame Darstellungen enthalten. Beckmanns Reflexe auf Bühnen sind nicht fröhlich oder hell, sie sind zumeist düster, eine ihrer Grundfarben ist Schwarz-Braun. Die Bildwelt der Varietés und Zirkusmanegen offeriert demgegenüber öfters kräftige, bisweilen frohe Farben. Anders die »Zwei Schwarzen im Varieté«. Das Bild entstand im US-Exil ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Überlang die Arme und Hände der beiden Sitzenden. Betroffen glotzen sie den Betrachter an. Neben ihnen sichtbar das Profil eines Indianers mit spitzer Haube. Mindestens genauso ernst das »Familienbild« (1920), eine Studie, die es ermöglicht, verzweifelte, nachdenkliche, müde, gesenkte, geschlossene Augen anzuschauen.

Beckmann bemalt die Kleider und Gesichter seiner Darsteller, als wäre er ihr Kostüm- und Maskenbildner. Als Clown mit typischen Utensilien kommt er mehrmals selber vor. Auf Podesten halten Skulpturen extreme Körperlagen von Artistinnen und Artisten fest. Oft wirbeln in Bildern die Farben nach den Rhythmen verbogener, ineinander verschlungener Körpermassen. Dann ist der Kraftfluss entscheidend, das Tempo und Fortissimo der Gliedmaßen, viel weniger die Figur selbst. Charakteristisch ist in der Hinsicht auch der »Apachentanz« (1938). Der Apache (Zuhälter) schleudert den Körper des Mädchens um Hals und Schulter. Hier drängt schlechthin Dynamik nach vorn.

Was ist das, ein »Welttheater« von nur einem Maler? Des Rätsels Lösung ist, es sich im Museum Barberini anzuschauen.

»Max Beckmann. Welttheater«, bis zum 10. Juni im Museum Barberini, Alter Markt, Humboldtstr. 5 - 6, Potsdam.

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