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Ein mehrdeutiges Jahr

Weder Endpunkt, noch Neubeginn - der Historiker Detlef Siegfried untersucht in »1968« die vielschichtigen Prozesse der Revolte

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Das unruhige 1968 liegt nun schon 50 Jahre zurück, und erneut schlägt die Stunde seines Jubiläums: Der in Kopenhagen lehrende Historiker Detlef Siegfried nimmt sich nun in einer Abhandlung dieses Jahres an, in dem auch heute noch Vergangenheitsdeutungen, Gegenwartsinteressen und Zukunftserwartungen ausgekämpft werden und dem er zurecht einen hohen Symbolgehalt zumisst.

Dabei ist der mit der besagten Jahreszahl gewählte Buchtitel falsch, was von Siegfried auch als eine »Unschärfeformel« kritisiert wird, da sich in dem Jahr Entwicklungen spiegelten, »die bereits lange zuvor begannen, weit darüber hinaus ausstrahlten und mehrdeutiger waren, als das Label vermuten lasst.« Treffender wäre hier die Verwendung des französischen Begriffes »les années 68« gewesen, - die 68er-Jahre - der die Ereignisse wie die auch heute noch schillernden Tumulte im Plural fasst. Eben dem kommt die Darstellung von Siegfried auch in ganz vorzüglicher Weise nach, in dem er »68« in einen weiteren zeitlichen Kontext stellt, der von etwa 1958 bis 1973 reicht - die Phase, in der das sogenannte Wirtschaftswunder zur vollen Blüte reifte.

Siegfried erteilt bisherigen Interpretationen, die »68« wahlweise als einen Endpunkt oder Neubeginn, als einen ultimativen Schlussstrich markieren, nach der dann wahlweise eine blumige Fundamentalliberalisierung oder ein Absturz in den Terrorismus erfolgt sein soll, eine energische Absage.

»68« sei auch keine »spezifisch deutsche Geschichte« gewesen, urteilt er bestimmt - und erörtert in seiner Darstellung ausführlich die Rolle der BRD in ihren internationalen Bezugsrahmen und hier besonders die Bedeutung und Ambivalenzen des neuen Internationalismus zwischen der ersten und dritten Welt. Gegen eine zu sehr auf die Konfrontation zwischen Bewegung und Staat zentrierte politische Geschichte hebt der Verfasser in seiner Interpretation wesentlich die kulturellen Umbrüche hervor, die sich in der 1960er und 70er-Dekade vollzogen.

Unter Parolen wie »Die Fantasie an die Macht!« wurden von einer beträchtlichen Minderheit unter den Heranwachsenden die herrschenden moralischen Werte negiert, weil sie, so Johannes Agnoli, aufgehört hatten, das soziale Leben zu tragen und bestimmen können. »Sie waren nicht länger glaubhaft.« Siegfried widmet hier den vielfältigen Aspekten der Dissidenz in Gestalt von Gammlern, Kommunarden, alternativen Rucksacktouristen, Musikfreaks, experimentierfreudigen SexulrevolutionärInnen und lesewütigen Theoriejunkies in der sich nach »68« deutlich herausbildenden Gegenkultur das Maß an Aufmerksamkeit, das sie schon lange verdient haben.

Siegfried entscheidet sich dafür, dass alles unter dem Begriff der »Jugendrevolte« zu fassen, Er wolle damit »die wichtigste Intention der Akteure« aufgreifen, und gerade das Impulsive, um gegen das Bestehende aufzubegehren, hervorheben. Zugleich räumt er aber selbst ein, dass die Revoltierenden mit ihren Absichten und ihrer jeweiligen Praxis zentral »gegen Staat und Macht« eingestellt gewesen seien.

Doch der hier viel näher liegende Begriff der »antiautoritären Revolte« unterschlage aus seiner Sicht »das an die Stelle alter oftmals neue Autoritäten gesetzt wurden.« Da ist dem Verfasser zunächst zuzustimmen, denn es ist ja auch wahr, dass das Konterfei von Rosa Luxemburg im Februar 1968 beim internationalen Kongress gegen den Vietnamkrieg durch die Straßen West-Berlins getragen wurde. Gleichwohl kann diese Begründung, den Protest, die Revolte und die Gegenkultur der 60er und 70er Jahre nicht unter dem Begriff der antiautoritären Revolte zu fassen, auch deshalb nicht überzeugen, weil sie heute einer entpolitisierten Deutung der 68er-Jahre Vorschub leistet.

Ob nun »Jugendrevolte« hin oder stetiger »gesellschaftlicher Wandel« her: Ein globaler Umsturz lag doch im Frühjahr des Jahres 1968 - nach der Tet-Offensive des Vietcong, nach der Ermordung von Martin Luther King, wo drei Blocks vom verbarrikadierten Weißen Haus entfernt Washington brannte, die Unruhen nach den Schüssen auf Rudi Dutschke und dem Pariser Mai, in dem Charles de Gaulle für mehrere Tage spurlos verschwand - in der Luft. Diese Möglichkeit des Umsturzes macht es auch heute noch so interessant, frei nach Chris Marker - »Rot ist die blaue Luft!« - sich mit der in den 68er-Jahren historisch wirksam aufgesprungenen Dialektik von Kontinuität und Bruch auseinanderzusetzen.

Auf jeden Fall stellt die Abhandlung Versuchen, die Intentionen und Praxen der Revolte entweder im neokonservativen Geist zu exorzieren wie es Götz Aly probiert hat, oder völlig begriffslos nach nirgendwohin zu exterritorialisieren, wie es in den Texten von Wolfgang Kraushaar deprimierend nachzulesen steht, dorthin, wohin sie gehören: In den Schatten.

Siegfried schreibt implizit eine Geschichte des Erfolges dessen was mit den 68er-Jahren heute verknüpft wird. Das tut er außerordentlich gut begründet und bereichert so unser Wissen über die vielfältigen Wirkungen, Kapriolen wie Verstrickungen der gesellschaftspolitischen Fundamentalopposition in der BRD in den 60er und 70er Jahren.

Detlef Siegfried: 1968: Protest, Revolte, Gegenkultur. Reclam. 299 S., geb., 28 Euro.

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