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Der touchy Taxifahrer

Wie schnell eine nächtliche Taxifahrt mit einem unbekannten Grapscher die Angst in den Magen treibt

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Gehe nachts nicht alleine durch den Park! Laufe nicht durch unbelebte Straßen! Betritt keinen U-Bahn-Wagen, in dem ein einzelner Mann sitzt. Ruf an, wenn du zu Hause bist. Oder nimm am besten einfach ein Taxi – ich gebe dir auch das Geld, das ist am sichersten.

Welche Frau ist nicht mit diesen gut gemeinten mütterlichen Ratschlägen – oder eher: Warnungen – aufgewachsen? Als ich abends alleine am Strand einer Mittelmeer-Stadt unterwegs bin und mehrfach von Männern auf der Promenade angemacht werde, beschließe ich also, ein Taxi zurück zum Hostel zu nehmen.

Ich steige ein, das Taxi fährt los – und etwas stimmt nicht. Der Fahrer sieht mich mit dem an, was man wohl ein süffisantes Lächeln nennt. Irgendwie alarmierend. »Du hast dir das beste Taxi der ganzen Stadt ausgesucht, meinen Glückwunsch«, sagte er, und stellt die Beleuchtung an. Oh nein. Ein Disko-Taxi. Um unsere Köpfe herum blinkt eine Leuchtröhre, blau, grün und rot. Die Frontscheibe ist zugeklebt mit Delfinen, Schmetterlingen, Hündchen, Kätzchen und Kaninchen – sie alle glitzern unter der Leuchtröhre und kurz habe ich den Eindruck, sie würden sich vom Glas lösen und auf mich zukommen. »Das hier ist eigentlich gar kein Taxi, es ist ein Flugzeug!«, ruft der Fahrer – und schaut mich erwartungsvoll an. Pause. »Ach ja?« »Ja, schau, mit Touch-Pad und allem!« Er tatscht auf seinem Bildschirm herum, Kamera nach hinten, Musik, Dancefloor-Techno.

»Es ist ein touch-Taxi. Weißt du, I like to touch things.« Wieder dieses Lächeln. »I like to touch eeeverythiiing, honey.« Flapp. Mit einem Rutsch landet mein Herz in meinem Magen. Ich schlucke. Und schaue aus dem Fenster. Unbekannte Hochhäuser, leere Straßen, wir halten vor einer roten Ampel. Niemand zu sehen. Wo sind wir eigentlich? Sind wir auf dem Weg zum Hostel? Vielleicht fahren wir auch aus der Stadt raus? Sind die Türen wohl verschlossen? Soll ich rausspringen?

»Woher kommst du?«, fragt der Fahrer. Sag nicht Deutschland!, ruft eine Stimme in meinem Kopf. »Polen.« »Polen?« Er scheint enttäuscht. »Woher aus Polen?« »Stettin.« »Ah.« Pause. Vielleicht hat er das Interesse verloren? Ich mustere ihn aus dem Augenwinkel. Doppelkinn, dicker Bauch, der hat Gewicht. Sicher nicht leicht, ihn abzuwehren. Man könnte ihm in die Augen stechen.

»Und was machst du so, honey?« Er legt seine Hand auf meinen Oberschenkel. »Ich bin Lehrerin.« »Wir könnten noch etwas trinken gehen, Frau Lehrerin.« »Ich bin verheiratet.« »Na und? Ich war auch verheiratet. Verheiratet, was heißt das schon? Zack, und man ist wieder geschieden.« Was soll man darauf antworten? »Ich habe zwei Kinder«, sage ich. »Ich habe auch zwei Kinder!«, strahlt er jetzt – und nimmt seine Hand weg. Bingo. Kinder sind die Hoffnung der Welt, denke ich. »Wie alt?« »Sechs und zehn Jahre!« »Schön.«

Seine Stimme klingt jetzt normal, beruhigend normal. Ungeschmiert. Ich atme tief durch, um etwas Platz in meinen Magen zu bekommen. Mein Herz befreit sich und rutscht wieder hoch an seinen Platz.

Rebecca Solnit erzählt in ihrem Buch »Wenn Männer mir die Welt erklären« von einem befreundeten Dozenten, der in seinem Seminar die Studentinnen dazu aufforderte, von ihren Vorsichtsmaßnahmen zu erzählen. Gegen Vergewaltigung. Die Studentinnen zählten auf: Die Straßenseite wechseln, nachts nicht allein den Fahrstuhl benutzen, den Schlüssel in der Handtasche bereit halten (einerseits als Waffe, andererseits, um nicht lange vor der Haustür suchen zu müssen), eine Trillerpfeife einstecken, die Haustür schnell hinter sich zuziehen, damit niemand einen Fuß dazwischen stecken und unbemerkt hinter ihr reinhuschen kann. Den männlichen Studenten stand der Mund offen, berichtete Solnits Bekannter. Eine Welt, von der sie nie gehört hatten, und mit der sie doch Seite an Seite lebten.

»Ich liebe meinen Job, Frau Lehrerin«, sagt der Taxifahrer. »Man lernt ganz schnell hübsche Frauen kennen.« Draußen erkenne ich die Häuser des Viertels, in dem ich untergekommen bin. Er hält an. Mit wackelnden Knien klettere ich aus dem Taxi und merke erst jetzt, dass ich meine Finger tief in meine Tasche gegraben habe. »Na dann noch eine erfolgreiche Arbeitsnacht«, sage ich, nicht ohne Zynismus. In meinem Zimmer rufe ich meine Freundin an. »Ich bin gut angekommen.«

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Mein Ausbruch aus Saudi-Arabien, mein Weg in die Freiheit »Ich verließ meine Familie und meine Heimat, weil ich nicht mehr an Gott glaube...
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