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Schüsse alltäglich wie Regen auf dem Gesicht

Antonio Ortuño erzählt die Geschichte einer spanischen Emigrantenfamilie

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Als die Anarchisten María und Yago mit ihren zwei Kindern Ende der 1930er Jahre vor dem Franco-Regime von Madrid über Umwege nach Mexiko fliehen, können sie nicht ahnen, dass siebzig Jahre später ihr Enkel Omar von Guadalajara den umgekehrten Weg nehmen wird, im bequemen Flugzeug, aber ebenfalls auf der Flucht, und ebenfalls um sein Leben fürchtend.

Man schreibt das Jahr 1997. Omar lebt weniger in einem realen Bürgerkrieg als vielmehr in einem permanenten sozialen Krieg, in einer Gesellschaft, die von Gewalt, Korruption und Gleichgültigkeit geprägt ist. «In Mexiko war ein Schuss wie eine Blume in einem Garten oder Regen auf dem Gesicht. Etwas, für das sich niemand interessiert, außer der, der seine Freude daran hat.» Obwohl Omar auch ein normales Leben hätte haben können, hat ihn, wie es heißt, sein schwacher Charakter «zu all den schlechten Gewohnheiten» gebracht, die ihn schon mit neunzehn zu einem Aussätzigen gemacht hatten«. Dazu zählt die Liebesbeziehung zu seiner Chefin, der zwanzig Jahre älteren Catalina. Catalina ist aber auch mit dem üblen Gewerkschaftsboss Mariachito liiert, die Verkörperung von Brutalität und Korruption schlechthin. Das Doppelleben endet mit einem Doppelmord. Omar hat ihn nicht begangen - konnte ihn aber nicht verhindern! Er ergreift die Flucht nach Madrid, jene Stadt, die seine Großeltern ins Exil gezwungen hatte.

Zu ihnen führt die zweite Geschichte. In jenes Madrid, wo damals Syndikalisten, Anarchisten und Kommunisten Familien und Freunde zu Feinden machten, während sie gemeinsam gegen die Falangisten kämpften. Der Bogen spannt sich von 1923 bis 1946, dazwischen liegen der (marokkanische) Rifkrieg, der Zweite Weltkrieg und der Spanische Bürgerkrieg. In diesen Zeiten und in einer ebenfalls von Gewalt geprägten Gesellschaft wachsen Yago und María auf. Mehr wegen der bildhübschen María, denn aus ideologischer Überzeugung kämpft Yago schließlich an ihrer Seite zusammen mit anderen Anarchisten im Spanischen Bürgerkrieg ...

Anekdotenhaft werden zwei Lebenswege nachgezeichnet, in denen Historisches und Fiktives ineinander übergeht. Der sprachgewandte Erzähler springt kapitelweise zwischen den Epochen und Kontinenten hin und her, schafft dabei eine eigentümliche Spannung. Weder Krimi noch Thriller, verbindet der Roman Themen wie Migration, Flucht und Exil, Angst und Feigheit. Verschiedene Auswüchse von Gewalt ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichten. Im Brecht’schen Sinne, »Die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht«, versucht Antonio Ortuño, dessen Großeltern im Spanischen Bürgerkrieg aktiv waren, Gewalt in einen von Nationalitäten und Epochen gelösten Kontext zu setzen. Ein ambitioniertes Unterfangen! Der Gefahr, viele Töpfe geöffnet zu haben, ohne sie wieder zu schließen, ist der Autor nicht ganz entgangen. Interessant und spannend sind die Geschichten aber allemal.

Antonio Ortuño: Madrid, Mexiko. Roman. Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein. Verlag Antje Kunstmann, 224 S., geb., 20 €.

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