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  • Politik
  • Wohnungslosigkeit in der Kälte

Kein Herz für Obdachlose

In Dortmund gibt es keinen Kältebus und keine geöffneten U-Bahnhöfe

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 4 Min.

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So kalt war es Ende Februar nur selten in Deutschland. Mit minus 30,5 Grad meldete die Zugspitze am Dienstag einen neuen Rekord für diese Jahreszeit. Doch niemand muss in die Alpen, um extreme Kälte zu erleben. Hoch «Hartmut» hat ganz Deutschland im Griff. Für Wohnungslose ist die aktuelle Wetterlage besonders schlimm.

In Polen sind in den letzten Tagen acht Menschen erfroren. Aus Deutschland gibt es keine aktuellen Meldungen. Aber nach Schätzung der «Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe» sind schon drei wohnungslose Männer an der Kälte gestorben. Anfang November wurde 60-jähriger Mann tot in einem Waldstück in Hannover gefunden, am 20. November ein 51-Jähriger unter einer Brücke in Freiburg und Mitte Dezember ein Mann in Schwerin. Die Tiefsttemperaturen in den jeweiligen Nächten lagen bei minus 2,6 Grad. Es war also deutlich wärmer als derzeit. «Der Kältetod von wohnungslosen Menschen muss verhindert werden! Niemand soll unfreiwillig auf der Straße leben müssen», fordert Werena Rosenke, Sprecherin der BAG Wohnungslosenhilfe. «Aufgrund der steigenden Zahl wohnungsloser Menschen auf der Straße befürchten wir, dass die Unterbringungskapazitäten in vielen Kommunen nicht ausreichend sind.

Damit es nicht noch mehr Opfer gibt, schaffen zahlreiche Städte in diesen Tagen Provisorien. U-Bahnhöfe bleiben geöffnet und dienen Menschen, die auf der Straße leben, als Schlafplatz. Auch sogenannte Kältebusse sind in zahlreichen Städten unterwegs. In ihnen können sich Menschen aufwärmen, bekommen warme Getränke, Schlafsäcke und warme Kleidung.

Nicht so in Dortmund, der angeblichen Herzkammer der Sozialdemokratie. Nadja Reigl sitzt für die Fraktion LINKE & Piraten im Rat der Stadt. Schon vor Wochen hatte sie einen Antrag gestellt, auch für Dortmund einen Kältebus anzuschaffen und U-Bahnhöfe zu öffnen. Aus der Stadtverwaltung hörte sie daraufhin, man habe schon vor 25 Jahren darüber geredet, warum das nicht gehe. Reigl ist entsetzt darüber, wie in der Stadt mit Obdachlosen umgegangen wird: »Hier in Dortmund scheint man Obdachlose gar nicht mehr als Mitmenschen wahrzunehmen, sie sind nur noch etwas, dass hässlich aussieht und daher dem Stadtbild schadet. Wir wissen alle, dass es auch bei diesen Temperaturen Menschen gibt, die draußen schlafen. Da geht es noch gar nicht um Würde, sondern erst mal auch ganz schlicht um’s Überleben.« In Dortmund leben offiziell 660 Wohnungslose. Zwischen 200 und 400, so grobe Schätzungen, verbringen Tag und Nacht auf der Straße. In der Stadt gibt es drei Unterkünfte für Obdachlose mit zusammen etwa 140 Plätzen. Allerdings sind diese Unterkünfte mit Hürden verbunden. Nur die erste Nacht ist dort kostenlos, danach müssen die Menschen die Kostenübernahme durch das Jobcenter oder Sozialamt beantragen. Das kann allerdings nur tun, wer auch in Dortmund gemeldet ist. Wer das nicht ist, der muss sieben Euro pro Nacht bezahlen. Obdachlosen aus Ländern wie Bulgarien und Rumänien wird nach der ersten Nacht angeboten, ihnen bei der Rückkehr ins Herkunftsland zu »helfen«. Wer von diesem Angebot nicht Gebrauch macht, gilt als freiwillig obdachlos. »Wir müssen endlich begreifen, dass Obdachlose nicht einfach verschwinden und dass es Situationen gibt, in denen wir verpflichtet sind, ihnen zu helfen - allen, egal, aus welchem Land sie stammen, welche Drogen sie nehmen oder ob ihr bester Freund und Begleiter ein Hund ist«, sagt Nadja Reigl.

Auch Alexandra Gehrhardt, Redaktionsleiterin des Straßenmagazins »bodo«, schätzt die Situation als äußerst ernst ein. »Jedes Engagement, das im Moment Kältetote verhindert, ist erst mal richtig und kann als akute Nothilfe Leben retten. In Bochum zum Beispiel haben ehrenamtliche Helfer kurzerhand eine Sporthalle zur kostenlosen Unterkunft umfunktioniert, auch Hunde sind dort erlaubt. Solche Angebote oder geöffnete U-Bahn-Stationen können als akute Nothilfe Leben retten. Das darf aber nicht den Staat aus seiner Unterbringungspflicht entlassen. Was fehlt, ist bezahlbarer Wohnraum. Und bis dahin Unterkünfte, bei denen es darauf ankommt, wer einen Schlafplatz braucht und nicht, wer dafür bezahlt.«

In Dortmund können Wohnungslose nirgendwo mit ihren Hunden schlafen. Das städtische Tierheim nimmt die Hunde nun vorübergehend kostenlos auf. Allerdings liegt es am Stadtrand und der Weg dorthin ist mit dem öffentlichen Nahverkehr teuer. Viele Obdachlose wollen sich außerdem nicht einmal für Stunden von ihren Tieren trennen. Und so werden einige Menschen auch jetzt die Nächte auf der Straße verbringen. Für sie gibt es keine passenden Angebote.

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