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Schluss mit der Weichspülersprache

Das Sprechen über die größte menschengemachte Umweltkatastrophe ist viel zu harmlos, Lorenz Gösta Beutin will neue Klimakrisen-Schlagwörter

  • Von Lorenz Gösta Beutin
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Klimawandel«, »Erderwärmung«, »Zwei-Grad-Ziel«. Jeder kennt, jeder benutzt diese Schlagworte der Klimapolitik. Längst haben wir uns an diese Begriffe der Politsprache gewöhnt. Aber nutzen wir, angesichts der größten menschengemachten Umwelt-Katastrophe, losgetreten durch das Millionen-Tonnen-fache-in-die-Luft-pusten von »CO2«, noch eine treffende Sprachfigur, wenn wir weiter weichgespült vom »Wandel« des Klimas sprechen? Nur zur Erinnerung: Gerade schmilzt der Nordpol.

Wandel, das bedeutet Veränderung, sei es langsam, prozesshaft, revolutionär. Wandel bringt einen Wechsel, Umbruch, eine Wende oder Neuerung. Weder Wandel noch Veränderung sind sprachlich eindeutig negativ oder positiv besetzt. Im Alltagsgebrauch aber schwingt etwas Beruhigendes mit, geht es bei Wandel doch immer um eine notwendige Anpassung an zwangsläufige Veränderung, Richtung Verbesserung im Vergleich zum Ist-Zustand. Denken wir etwa an das aufklärerische Paradigma der Moderne vom »Wandel durch Vernunft«. Oder Egon Bahrs friedensfördernder »Wandel durch Annäherung«, die westdeutsche Nachkriegs-Doktrin zur Entschärfung des Ost-West-Konflikts. »Klimawandel«, das riecht nach »Wir haben alles im Griff«, nach »Alles verändert sich halt, auch das Wetter, na und?«, nach »Läuft, wir kümmern uns, wird schon gut«. Nur zur Erinnerung: 2016 und 2017 waren die wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Auch dass sich die Erde »erwärmt«, ist nicht gerade ein aufrüttelndes Alarmsignal, während sich Menschen in Mali oder Niger bei über 50 Grad Celsius nicht mehr aus ihren Häusern trauen und in Pakistan wegen Hitzewellen Massengräber ausgehoben werden, wenn in den USA Megastürme ganze Stadtteile ausradieren, wenn Pazifik-Inselstaaten und die Heimat von Kindern, Frauen und Männern im Meer versinken. Nur zur Erinnerung: Die Vereinten Nationen rechnen mit 25 Millionen Klimageflüchteten in 2017, dreimal mehr als durch Krieg und politische Verfolgung.

Sprache ordnet die Welt. Sprache ist Macht. Sprache beeinflusst unser Denken. Sprache ist immer auch ideologisch, sie strukturiert unser Verständnis und Bild von der Welt. Sprache, und ganz besonders bestimmte aufgeladene Worte (Gerechtigkeit, Sex, Tod, Terrorismus, Nazi) haben eine immense emotionale Wirkung, beim Sprecher wie beim Empfänger. Die Wörter dieses Ideologievokabulars werden wegen ihres Knalleffekts als Schlagwörter bezeichnet. Schlagwörter stellen die komplexe Wirklichkeit stark vereinfachend dar, helfen beim Verstehen durch Fühlen. Weil gerade in der Politik im Streit um Meinungen und Zustimmung die sprachliche Verpackung entscheidend ist, sind Schlagwörter Gegenstand semantischer Kämpfe. Kurzum: Wer die Sprache, die Begrifflichkeiten, die Schlagwörter bestimmt, der hat Bedeutungshoheit, der bestimmt die Politik, der bestimmt das Handeln.

In Deutschland und dem Rest der Welt wird immer noch zu wenig gehandelt. Die Mächtigen nutzen die beruhigende Weichspülersprache, um Autokonzernen (Dieselskandal, lasche CO2-Obergrenzen), Energiekonzernen (kein Kohleausstieg), Airlines (Steuerprivilegien gegenüber der Bahn) und Stahlkonzernen (lasche Klimaschutzvorschriften) ihr dreckiges Geschäftsmodell mit den Fossilen zu verlängern. Trotz Klimakrise, Umweltgeflüchteten und Milliardenschäden, für die Allgemeinheit wird auf Einlullung gesetzt, wird immer noch schönfärberisch-irreführend von »Klimazielen« geredet. Ein Ziel ist gut, braucht man ja immer. Nur zur Erinnerung: Die Menschheit hat noch nie so viel Klima-Umweltgift (das nämlich ist CO2) in die Luft gepustet wie 2018.

Warum also reden wir nicht von »Klimaobergrenze« (in anderen Politikbereichen geht die Obergrenze Vielen ja ganz leicht von den Lippen), die wir nicht überschreiten dürfen. Von »Klimalimit«, wie beim Tempolimit: Wer rast, der knallt gegen die Wand oder wird aus dem Verkehr gezogen. Viel drastischer würde klar, dass wir an Grenzen kommen, an planetarische Grenzen. Dass es knirscht im Ökosystem. Die Erde brennt, sie erwärmt sich nicht. Wir haben keinen Klimawandel, wir befinden uns mitten in der Klimakatastrophe, kurz vorm Klimakollaps. Nur zur Erinnerung: Es geht um die Zukunft der gesamten Menschheit. Es geht um unser aller Lebensgrundlagen.

Lorenz Gösta Beutin ist Klima- und Energiepolitiker in der Bundestagsfraktion der LINKEN.

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