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Die letzte Ölung

Unerträglich - sehenswert: »Das große Heft« von Ágota Kristóf in Dresden, Regie: Ulrich Rasche

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Erde ist wieder eine Scheibe geworden. In diesem Theater des Zurückwurfs. In diesem Dröhnen weit, weit vor der Vernunft. In diesem Raum aus Vorzeit und barbarischem Hall. Hier erzählt die Finsternis ihre Version vom hellen Tag. Der Mensch, ja, was ist er? Es fallen einem nur schlimme Vergleiche ein. Dies führt freilich auf die falsche Fährte, denn gesucht werden müssten die schlimmsten, die allerschlimmsten Vergleiche. Der Mensch ... wie schwarzes Mehl vielleicht, gemahlen in einer höllischen Klapsmühle, zusammengepanscht zum klebrigen Teig, an dem die Historie erstickt. Unverdaulich, ein Kotzbrocken, der noch jeden ehrlichen Schrei verdirbt.

Die Erde eine Scheibe? Zwei! Regisseur Ulrich Rasche ist der monströse Monteur des deutschen Theaters, ein Stahlkonstrukteur, ein Hydrauliker, ein Plattformer der extremen Art; weit draußen im Meer aus Schmutz und Kälte und Schweiß und Nebel und gähnendem Nichts stehen seine Platt-Formen, drehen sich gegenläufig; Schauspiel ist Exerzitium in Teufelskreisen, auf schrägen Kippladen und Laufbändern und immer wieder auf diesen runden Scheiben, wo Menschen marschieren, stolpern und ihre Stoßgebete zäh und zitternd in Beinarbeit umsetzen.

Am Staatsschauspiel Dresden inszenierte Rasche »Das große Heft« nach dem 1986 erschienenen Roman von Ágota Kristóf (1935 - 2011). Zwillinge auf dem Weg durch einen Krieg. Wo? Wann? Egal. Zwei Jungen, geschlagen mit der furchtbaren Wahrnehmungskraft ihrer Körper: Die Augen sehen nur immer Mord und Brand und schlitzende Messer; die Füße, wohin sie sich wenden, treffen einzig auf Vergewaltigung, Hinrichtung, Demütigung, Abtransport, Explosion. Die bettelnden Hände, was sie auch zu fassen versuchen, tauchen in Blut.

Nur eines hilft: sich abhärten, Gefühle töten, bis man meint, auch Menschen töten zu können. Und: Tagebuch führen. Das große Heft als Schmerzabfuhr. Weil die Welt nur eine einzige, nicht endende Perversion ist. Ein Baby hat es besser als Därme: Das Baby wird durch eine Granate schnell zerfetzt, Därme aber quellen langsam heraus - so etwa erzählt sich der Zynismus, der über dem Abend liegt wie ein Leichentuch, das auch uns Zuschauern die Luft nimmt. Im Grunde: fast vier Stunden Beschreibung des Unbeschreibbaren. Stumpf und stier und grauenhaft. Vielleicht zu vergleichen mit Elem Klimows grandios unerträglichem Film »Komm und sieh«: Vergreisung eines russischen Jungen, der den Krieg erblickt.

Dieser Abend ist eine Zumutung. Ohrstöpsel werden am Eingang verteilt. Die E-Gitarrenbässe schlagen peitschenhart zu (Musik: Monika Roscher). Die sechzehn jungen Schauspieler auf den zwei sich drehenden, hebenden, senkenden Scheiben präsentieren, nebelumwölkt, ein Martyrium des Chorischen. Himmelschreiend laut. Dann sehr, sehr leise. Mit einer sekündlich abgestimmten Präzision (Chorleitung: Alexander Weise, Toni Jessen). Es ist, als solle Publikums Haut mit jedem einzelnen Wort durchlässig geschlagen und dann gegerbt werden. Viele Zuschauer halten das nicht aus, kapitulieren vor dieser peinigenden Monotonie, verlassen die Schreckenskammer Schauspielhaus.

Wer bleibt, hat die Folgen zu tragen: langsam spüren, wie man selber leer wird. Gleichgültigkeit ist eine ansteckende Gesundheit. Live-Musik ist bei Rasche lebensaustreibend, so, wie sich die Spieler - erst zwei, dann mehr und mehr - das Leben aus dem motorisch-mechanischen Kursus der Leiber brüllen und bibbern. Rasche koppelt den entsetzlichen Realismus der Schilderungen mit frappanten Lichtwechseln und bewusstem Einblick in seine Apparatur.

Des Regisseurs radikaler Maschinismus macht Furore. Im vergangenen Jahr konnten seine Münchner »Räuber« nicht beim Theatertreffen gezeigt werden - Technik sprengte Bühnenmaße. Beim diesjährigen Festival im Mai zeigt er seinen Baseler »Woyzeck«, danach wird er bei den Salzburger Festspielen inszenieren. Die Rasche-Mittel werden gewiss irgendwann ihren Abrieb, ihren Verschleiß offenbaren. Das mag morgen schon geschehen, aber das Morgen sei den Prognostikern im Politikbetrieb überlassen, die immer so eifrig spekulatief in ihrer Phrase Zukunft zappeln. Theater ist das Jetzt, und im Moment hat diese Ästhetik des 49-jährigen Regisseurs eine geradezu niederschmetternd gültige Energie. Ist messerscharfer Ausdruck im grassierend Konturlosen. Rasches Aufführungen wirken ein Jahrhundert nach Ernst Tollers »Masse Mensch« und dessen »Maschinenstürmern« wie die bittere Bilanz all der falschen, weil so gefährlichen Erwartungen ins zündend Kollektive. Die Verhältnisse tanzen nicht, aber alles stampft; zerstampft und weggetreten wird auf den Metallflächen dieses Theaters auch der fade Popanz des bürgerlichen Individualismus.

Leben ist Laufen und Leiden zum Tode hin - der allüberall seine Schlachthäuser baut. Die letzte Ölung gehört dem Mahlwerk, das uns malmt. Liebe ist eine Sternschnuppe, die aufglüht wie das Vorspiel zum eigentlichen sinnlichen Erlebnis: dem Erkalten. Geschichte sei kein Spaziergang? Doch geht der Mensch über Leichen, als vollführe er Luftsprünge. Rasches Gestalten starren uns an, Animatoren eines ewig modernen Kahlschlags, den Schlagzeug und Cello grell oder dunkel untermalen. Dresden bietet unerträgliches, sehenswertes Theater der Verzweiflung. Das Schreckbildermalen kann religiöser sein als der gleichgültige Glaube ans Gute. Auch Schonungslosigkeit ist Arbeit an der Würde.

Nächste Vorstellungen: 6. und 22. März

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