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  • Zur Seele: Erkundungen mit Schmidbauer

Die Stunde der Besserwisser

Beim Thema Kindesmissbrauch führen sich viele als die einzig weise Instanz auf

  • Von Wolfgang Schmidbauer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Nicht dem Geschick der Ermittler, sondern dem Eingreifen eines Pädophilen war es zu verdanken, dass ein Fall von Kindsmissbrauch und pädophiler Internetpornografie in Freiburg aufgeklärt wurde. Fünf Tage wusste die Polizei über die Identität des Opfers und seiner kupplerischen Eltern Bescheid, ehe sie den Zugriff vorbereitet hatte. Fünf Tage zu viel, fand ein Autor der »Süddeutschen Zeitung« und stellte die rhetorische Frage: Wie schwierig kann es gewesen sein, eins und eins zusammenzuzählen und den Jungen sofort aus seinem Martyrium zu befreien? So lange blieb das Kind weiter in der Macht der beiden Erwachsenen, so lange änderte kein Jugendamt und kein Gericht im Breisgau seine abwartende Haltung, um den Jungen etwa in eine Pflegefamilie zu retten.

Wer so schreibt, marschiert energisch an den Problemen vorbei, um die es geht. Das wird in diesem Fall sogar besonders deutlich, denn der missbrauchte Neunjährige war schon einmal vom Jugendamt »gerettet« worden - und die Entscheidung eines Familienrichters führte dazu, dass er wieder zu seiner Mutter und dem pädophilen Stiefvater zurückkam. Der Junge wurde vier Wochen in Bereitschaftspflege genommen, weil seine Mutter trotz Bewährungsauflage und Kontaktverbot mit dem Sexualstraftäter zusammenblieb, der sich nach dem heutigen Stand der Ermittlungen schon damals als pädophiler Zuhälter betätigte. Die Mutter beschwerte sich, ihr Anwalt brachte den Familienrichter auf ihre Seite, und das Kind wünschte sich sehnlich, wieder zu den Eltern zurückzukehren. Jetzt, im Nachhinein sind alle klug und gegen die beteiligten Richter »ergeht Strafanzeige wegen Rechtsbeugung«, wie es im Juristendeutsch lautet.

Es ist leider zu schön um wahr zu sein, dass Kinder wie Schiffbrüchige aus Seenot in Pflegefamilien gerettet werden. Für den missbrauchten Neunjährigen ist auch jetzt noch längst nicht alles gut, seit seine Mutter und ihr Partner im Untersuchungsgefängnis sitzen. Worte wie »Martyrium« und »erlösen« sind absolut unangemessen, um seinen Zustand zu beschreiben. Ihm und seinen Erziehern stehen schwierige Jahre bevor, die sich vielleicht mit der Wiedereingliederung von Kindersoldaten in Kriegs- und Krisengebieten vergleichen lassen. Was dissoziale Eltern anrichten, lässt sich nicht durch gute Pflegeeltern »erlösen«. Die im Kind induzierte, fatale Abhängigkeit von dem destruktiven Geschehen stellt die Helfer vor Probleme, von denen besserwisserische Retter nichts ahnen.

Das Jugendamt operiert in einer Kampfzone zwischen: »Eine Mutter weiß am besten, was gut ist für ihr Kind« und »Rettet misshandelte Kinder!« (Wenn ich »Mutter« schreibe, steht das nicht für meine chauvinistische Haltung, sondern für die Realität der meisten unvollständigen Familien.) Wer in einer solchen Zone operiert, braucht den Mut, Entscheidungen zu treffen. Das heißt nun mal auch: Fehler zu machen, ihr Risiko nicht zu scheuen. Die herrschende Helikoptermoral hingegen reagiert mit Überheblichkeit und Besserwisserei auf die »Fehler« der Fachleute in den Jugendämtern und Familiengerichten. Wird ein Kind »zu schnell« der Mutter weggenommen, ist die Empörung groß - dauert es zu lange, nicht minder.

Es ist ein frommes Reportermärchen, dass sich Kinder über gute Pflege im Heim freuen, wenn die leibliche Mutter kriminell ist. Kriminalität ist für Kinder ein Abenteuerspielplatz der besonderen Art. Nur wer das einbezieht, kann verstehen, warum das Jugendamt gegen die pädophile Energie der Eltern so wenig ausrichten konnte. Wer ein wenig Einblick in die Arbeit der Jugendämter hat (der Autor hat viele Jahre als Supervisor in diesem Feld gearbeitet), der weiß auch, wie verächtlich Besserwisserei im Nachhinein ist, wie schwer die Verantwortung lasten kann, eine problematische Mutterbeziehung zu stärken - oder sie zu zerreißen.

Über wohlfeiler Empörung an der falschen Stelle geht der Beitrag unter, der die Aufklärung erst ermöglich hat und die ebenfalls nicht sonderlich erfreuliche Botschaft mitbringt, dass sich die Polizei im pädophilen Dschungel des Darknet kaum orientieren kann. Es war ein anonymer Nutzer pornografischer Bilder, der den Missbrauch des Neunjährigen durch seine »Eltern« anzeigte. »Geilerdaddy« ging ihm zu weit. Dieser Helfer ist unbekannt und wird nur ganz am Rand erwähnt, weil er wenig in das Schema von Schwarz und Weiß passt: ein Pädophiler, der Bilder konsumiert, aber Kinder vor Zuhältern schützen möchte.

Dr. Wolfgang Schmidbauer lebt und arbeitet als Psychotherapeut in München.

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