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Zufriedene, Verunsicherte, Enttäuschte

Die deutsche Wählerschaft im Jahr 2017: Anmerkungen zu den Ergebnissen einer Untersuchung

  • Von Horst Kahrs und Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 8 Min.

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Als 2006 die Friedrich-Ebert-Stiftung unter der Überschrift «Gesellschaft im Reformprozess» die «grundsätzlichen Einstellungen der Bundesdeutschen» in den Blick nahm, in der es um neue Armut, neue gesellschaftliche Schichtungen ging, rollte eine Welle der Aufregung durch das Land. Das hatte wohl auch etwas mit den Begriffen zu tun, die die Forscher verwandten - «Unterschicht» oder «abgehängtes Prekariat».

Solche Worte störten das Selbstbild einer sich als stabil betrachtenden Gesellschaft, in der es doch auch denen ganz okay gehen sollte, die keine Arbeit finden oder geringe Einkommen haben. 2006, das war eine Zeit, in der mit der Fusion von PDS und Wahlalternative auch eine neue politische Formation links der Sozialdemokratie entstand, dabei auch Zustimmung in Milieus erhaltend, die ehedem der SPD zuneigten. Es waren dies übrigens Zeiten, in denen die Union über 40 und die Sozialdemokraten über 30 Prozent hatten. Die angehende Linkspartei lag wie FDP und Grüne um 8 Prozent. Die Sonstigen oszillierten um 4 Prozent, eine AfD gab es noch nicht.

Allerdings wurden damals die Zeichen an der Wand sichtbar. Besagte FES-Studie umriss, was in der «bedrohten Arbeitnehmermitte» gedacht wird und zu welchen politischen Ansichten jene neigen, die von sozialem Ausschluss und Abstiegserfahrungen besonders betroffen sind. (...)

Die Nachfolgestudie

Zwölf Jahre später ist eine rechtsradikale Partei erfolgreich, wird über die Implosion der SPD diskutiert, hat das Unionslager mit widerstreitenden Tendenzen konservativer Sinnsuche zu tun, wird sich über die politischen Konsequenzen sozialer Ungleichheit und globaler Verteilung von Ressourcen, Arbeit und Einkommen gestritten. Und trotzdem scheint sich für den Nachfolger der Studie kaum jemand zu interessieren. Vor ein paar Tagen wurde die - nun von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung getragenen - Untersuchung der Werte und Konfliktlinien in der deutschen Wählerschaft im Jahr 2017 vorgestellt. Das Ergebnis der Arbeit von Rita Müller-Hilmer und Jérémie Gagné lautet in groben Zügen: Die Gesellschaft teilt sich in drei große Gruppen - die Zufriedenen, die Verunsicherten, die Enttäuschten.

Das war 2006 im Prinzip auch schon so, allerdings hat sich die Landkarte der Milieus verändert. (...)

Während «viele Einstellungsmuster» im Zeitverlauf eher stabil blieben und auch der hohe Stellenwert «Sozialer Gerechtigkeit» anhält, machen die AutorInnen aber «auch deutliche Verschiebungen» aus: «Tendenzen der sozialen Vereinzelung haben zugenommen, während zur Kompensation konservative Haltepunkte wie Nationalstolz und Recht und Ord­nung an Bedeutung gewinnen. Dazu zeichnet sich eine neue zentrale Konfliktlinie rund um das Thema Migration sowie den Gegensatz zwischen Welt­offenheit und Abschottung ab.»

Landkarten, Achsen, Milieus

Die Studie zeichnet eine Landkarte politischer Milieutypen und macht diese im Zeitverlauf vergleichbar. Für acht dieser Typen wird eine unmittelbare Wandlung von 2006 auf 2017 behauptet, etwa wenn aus den «etablierten Leistungsträgern» die «konservativen Besitzstandswahrer» werden. Für das politische Milieu «autoritätsorientierte Geringqualifizierte» besteht eine solche direkte Linie nicht. Zwei der Typen von 2006 («selbstgenügsame Aufsteiger» und «selbstgenügsame Traditionalisten») werden nun als politisches Milieu «zufriedene Generation soziale Marktwirtschaft» zusammengefasst. Umgekehrt werden aus der «bedrohten Arbeitnehmermitte» nunmehr zwei Milieus.

Neben der Unterscheidung dieser Typen werden diese auch noch nach einer Achse des gesellschaftlichen Oben und Unten verteilt. Dabei zeigt sich, dass sich «oben» nicht allzu viel verändert hat - die vier dort markierten Typen wurden schon 2006 zum «oberen Drittel» zusammengefasst mit einem Anteil von zusammen 45 Prozent an allen Befragten. 2017 stellten die entsprechenden Milieus 46 Prozent aller Befragten.

Beachtenswert sind hingegen die Veränderungen im «mittleren Drittel» von 2006: «Zufriedene Aufsteiger» und «bedrohte Arbeitnehmermitte» machten auf gegensätzliche biografische Erfahrungen aufmerksam. Die «zufriedenen Aufsteiger» werden nun zusammen mit den «selbstgenügsamen Traditionalisten» (2006 im unteren (Einkommens-) Drittel verortet) zum Typ «Zufriedene Generation Soziale Marktwirtschaft» zusammengefasst (2006 zusammen 24 Prozent, 2017: 16 Prozent), der zusammen mit dem «engagierten Bürgertum» das größte politische Milieus bildet.

Gleichzeitig differenziert sich die vormalige «bedrohte Arbeitnehmermitte» aus in die «desillusionierte» Arbeitnehmermitte und die «missachteten Leistungsträger». Diese Veränderungen können als Hinweis gewertet werden, dass die sozialen Entwicklungen (Berufe, Einkommen usw.) zumindest in diesen Milieus in einem bemerkenswerten Ausmaß auf das Gesellschaftsbild und die Selbstverortung in der Gesellschaft gewirkt haben und zu veränderten Sichtweisen «verarbeitet» worden sind.

Die Typologie ist noch vor dem Hintergrund einer weiteren Überlegung interessant. Oft ist jetzt von einer neuen zentralen «Konfliktlinie» die Rede - die zwischen «Kosmopolitismus und einem nationalen Kommunitarismus». Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz hat diesen polittektonischen Graben unlängst in der «Zeit» so beschrieben: «Es hat sich im Zuge des gesellschaftlichen Strukturwandels eine neue politische Konfliktlinie herauskristallisiert, welche die alte Links-Rechts-Unterscheidung der Industriegesellschaft (Arbeit/links gegen Kapital/rechts) durchschneidet. Die neue Konfliktlinie verläuft zwischen einem Globalismus beziehungsweise Kosmopolitismus und einem nationalen Kommunitarismus. Auf der einen Seite stehen politische Werthaltungen, denen es um gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Öffnung geht. Sie sind größtenteils in der neuen Mittelklasse beheimatet und reichen von der Bedeutung der Bildung und der Öffnung der Märkte über die Öffnung der Identitäten, die Emanzipation der Geschlechter, das Lob der Migration bis zu postmaterialistischen Fragen der Ökologie. Letztlich handelt es sich um die Werte eines ›neuen Liberalismus‹, der wahlweise stärker linksliberal oder stärker wirtschaftsliberal akzentuiert werden kann, der aber die alte Links-Rechts-Achse grundsätzlich kreuzt. Spiegelbildlich sind die Kommunitarier positioniert: Hier ist man deutlich skeptischer gegenüber der Globalisierung. Die Öffnung nimmt man als bedrohliche Auflösung wahr. So fordert man etwa (national)staatliche Regulierungen des Sozialen und Wirtschaftlichen, kulturell häufig eine stärkere kollektive Identität. Auch hier gilt: Die Kommunitarier sind im klassischen Sinne rechts und links zugleich, und hier finden sich vor allem Segmente der alten Mittelklasse und neuen Unterklasse.»

Parteienpräferenzen

(...) Auf dem kosmopolitischen Pol finden sich die beiden bürgerlichen Milieus der «Kritischen Bildungselite» und des «engagierten Bürgertums». Näher zur Mitte zwischen beiden Polen, aber noch im kosmopolitischen Feld siedelt auch das politische Milieu der «verunsicherten Leistungsindividualisten». Allerdings: Lag die erfragte Präferenz für die AfD bei der Bundestagswahl bei den «Kritischen» und Etablierten« lediglich bei zwei Prozent bei einem Durchschnitt von 14 Prozent, so präferierten die »Verunsicherten« die AfD mit 19 Prozent deutlich überdurchschnittlich.

In der Mitte der Achse werden die »Zufriedene Generation Soziale Marktwirtschaft« (AfD-Präferenz: 9 Prozent) und die »Gesellschaftsfernen Einzelkämpfer« (AfD-Präferenz: 17 Prozent) verortet.

Auf der kommunitaristischen Seite der Achse befinden sich - etwa auf halbem Wege zum Pol - die »konservativen Besitzstandswahrer« (AfD-Präferenz: 18 Prozent), die »desillusionierte Arbeitnehmermitte« (AfD-Präferenz: 12 Prozent) und die »missachteten Leistungsträger« (AfD-Präferenz: 19 Prozent). Auf dem Pol »Kommunitarismus« platzieren die Forscher das »abgehängte Prekariat« mit einer AfD-Präferenz von 39 Prozent. Allerdings lagen Angaben über den jeweiligen Anteil der Befragten, die nicht zur Wahl gehen würden, nicht vor.

Man kann das nun für die jeweilige Aufstellung entlang der oben beschriebenen Konfliktlinie zusammenfassen: Auf der kommunitaristischen Seite werden vier politische Milieus verortet, die für 35 Prozent der Befragten stehen, zwischen beiden Polen stehen zwei Milieus (zusammen 29 Prozent) und im kosmopolitischen Feld die restlichen Milieus (zusammen 36 Prozent), wobei das Milieu der »Verunsicherten« eher in der Mitte als am Pol platziert ist.

In den Milieus wurden Parteipräferenzen für alle im Bundestag vertretenen Parteien ermittelt - das ermöglicht, diese Gruppen danach zu unterscheiden, ob sie über- oder unterdurchschnittliche Präferenzen für eine Partei aufweisen.

Was man daraus lernen kann

Beispielhaft und unvollständig dazu einige Anmerkungen: Für die Linkspartei ergaben die Befragungen einen Rückgang überdurchschnittlicher Zustimmung auf durchschnittliche Zustimmung im Milieu »abgehängtes Prekariat« (dafür hier Aufstieg der AfD). Überdurchschnittliche Präferenzen für die Linkspartei wurden im politischen Milieu »desillusionierte Arbeitnehmermitte« (ebenfalls überdurchschnittlich: FDP), im politischen Milieu »missachtete Leistungsträger« (ebenfalls überdurchschnittlich: AfD) und im Milieu »kritische Bildungseliten« (ebenfalls überdurchschnittlich: Grüne) ermittelt. Überdurchschnittliche Häufungen von Anhängern der Linkspartei finden sich sowohl im kosmopolitischen wie im kommunitaristischen Feld.

Der Blick auf Milieus mit überdurchschnittlicher Zustimmung für die Linkspartei zeigt aktuelle Stärken, deren Bedingungen in Vergangenheit und Gegenwart liegen. Diese Stärken zu erhalten, kann ein zukunftsorientiertes strategisches Ziel sein. Ein größeres Problem könnten dabei die teilweise gegensätzlichen Zukunftseinstellungen, Perspektiven auf die Gesellschaft und die Einstellungen zur Demokratie sein.

Die Suche nach Milieus mit ausgeprägten Stärken der Parteipräferenz ersetzt indes nicht die Frage nach Potenzialen: In welchen Milieus sind Gesellschaftsbilder und Muster der Lebensbewältigung am stärksten vertreten, die für eine linke, demokratisch-sozialistische Politik und Gesellschaftsgestaltung besonders wichtig wären? Hierzu würden zweifellos zählen eine besondere Fähigkeit und Bereitschaft zu Empathie und Sozialvertrauen, das Ziel einer solidarischen Gesellschaft und die Bereitschaft zum eigenen (demokratischen) Engagement.

Bei dieser Fragestellung rücken (auch) andere politische Milieus ins Blickfeld: unter dem Aspekt der Empathie, des Sozialvertrauens und der Einstellung zum sozialen Umfeld neben der »kritischen Bildungselite« die Milieus »Zufriedene Generation Soziale Marktwirtschaft« und »missachtete Leistungsträger«; das »engagierte Bürgertum« schätzt ebenso eine solidarische Gesellschaft, zeichnet sich aber durch eine hohe Zufriedenheit mit dem Ist-Zustand aus.

Während sich das Milieu »kritische Bildungselite« zugleich durch hohe Bereitschaft zum politischen Engagement auszeichnet, ist im Milieu der »missachteten Leistungsträger« der Wunsch nach einer solidarischen bzw. sozialstaatlich verfassten Gesellschaft, die vor bedrohlichen Marktkräften schützt, besonders ausgeprägt. Sie kritisieren das Ausnutzen von Solidarität, üben viel Kritik am sozialen Ist-Zustand und sind überdurchschnittlich gewerkschaftlich engagiert. Sie sind sozialkonservativ und für Abschottung nach außen, aber, im Gegensatz zu anderen Milieus, nicht auffallend autoritär, bilden aber auf der Kommunitarismus-Kosmopolitismus -Achse einen Gegenpol zur »kritischen Bildungselite«.

Umgekehrt ließe sich auch fragen, in welchen Milieus die wenigsten Anknüpfungspunkte für linke, wert- und normativorientierte Gesellschaftspolitik vorhanden sind; vermutlich in Milieus mit geringer Empathie, hohem Egoismus, antidemokratischen und ethnozentrischen Tendenzen bzw. Reaktionsmustern: die »desillusionierte Arbeitnehmermitte« trotz überdurchschnittlicher Präferenz für die Linkspartei: Tendenz zur nationalen Selbstbehauptung, geringer Stellenwert von Minderheitenrechten, Vorliebe für eine straff geführte »Volksdemokratie«, soziales Misstrauen und geringe Empathie; das Milieu »Gesellschaftsferne Einzelkämpfer«: antisoziale und antisolidarische Haltung, größte Demokratieferne, großer sozialer Egoismus, wenig Empathie; »konservative Besitzstandswahrer« sind unter dieses Aspekten eher Antipoden linker Politikentwürfe; ähnlich auch »verunsicherte Leistungsindividualisten«. (...)

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