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Widerstand im Zeichen der Kröte

Die Neonazipartei »III. Weg« gibt sich in Plauen als »Kümmerer« - was einige Engagierte nicht hinnehmen wollen

  • Von Hendrik Lasch, Plauen
  • Lesedauer: 5 Min.

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Auf dem Plakat im Schaufenster steht: »Multikulti tötet!« Daneben wird gemahnt, »deutsches Leid« nicht zu vergessen: Hartz IV, Kinder- und Altersarmut. Der Laden an einer vierspurigen Straße hinter dem Plauener Oberen Bahnhof verspricht indes Abhilfe: Einmal im Monat öffnet eine »Volksküche«. Auch Kleidung, Spielzeug und Bücher werden kostenlos abgegeben - alles indes nur für Deutsche.

Betreiber des Geschäfts im Stadtteil Haselbrunn ist die Neonazipartei »III. Weg«, die einen »deutschen Sozialismus« propagiert und sich nicht nur damit offen auf die NSDAP bezieht. Gegründet 2013 in Bayern, hat sie heute eine ihrer aktivsten Gliederungen im Raum Plauen. Die Zahl der Aktivisten hat sich binnen Jahresfrist auf 90 verdoppelt, teilte Sachsens Regierung kürzlich auf Anfrage der LINKE-Abgeordneten Kerstin Köditz mit. Der Stützpunkt ist quasi ein Basislager: Von hier wurde unlängst ein Aufmarsch im über 200 Kilometer entfernten Nordhausen organisiert; auch für eine Demo am 1. Mai in Chemnitz werden hier die Fäden gezogen.

Die örtlichen Aktivisten um Tony Gentsch, der zuvor im 2014 verbotenen »Freien Netz Süd« aktiv war, treten freilich nicht nur als stramme Parteiarbeiter in Erscheinung, sondern auch als »Kümmerer«. Neben Suppenküche und Kleiderkammer gibt es auch Familiennachmittage: »Da zieht man mit Bollerwagen in den Park«, sagt Steffen Unglaub vom »Aktionsbündnis Vogtland gegen Rechts«. Zudem soll der »III. Weg« Jugendtreffs und sogar Computerkurse anbieten.

Die Partei verfolgt damit eine Strategie, auf die bereits die NPD setzte, sagt Köditz: »Sie zeigt damit: Wir sind da, wir tun was.« So solle langfristig um Rückhalt geworben werden. Dass sie sich dabei ausgerechnet im Stadtteil Haselbrunn niedergelassen habe, sei kein Zufall, sagt Felix, der in der örtlichen Antifa engagiert ist und seinen vollständigen Namen nicht nennen möchte. Zum einen gebe es in dem Kiez abseits des Stadtzentrums schon lange eine aktive rechte Szene, etwa die frühere Kameradschaft »Haselbrunner Jungs«. Zum anderen gilt der Stadtteil als sozial schwierig; viele Bewohner verfügen kaum über das Nötigste. Obwohl es kostenlose Kleidung und Möbel auch bei Sozialverbänden gibt, findet das Angebot der Neonazis offenbar Zuspruch. Dass ein zuvor von der Kommune finanzierter Jugendklub unlängst nach Kürzung der Gelder schließen musste, spielt diesen zusätzlich in die Hände.

Die Entwicklung ist nicht ungefährlich. Zwar warnt Felix davor, die Wirkung des »III. Weg« auf die Stadt insgesamt zu überschätzen, und auch der Stadtteil sei »bis jetzt kein No-Go-Area für Linke, Punks oder Migranten«. Langfristig aber bestehe die Gefahr einer rechten Hegemonie. Steffen Unglaub ist bereits jetzt skeptischer: »Die mischen das Viertel komplett auf«, sagt er - und werden, ist er überzeugt, mit derlei Rückenwind bei der Kommunalwahl 2019 auch in den Stadtrat streben. Dort waren sie sogar bereits vertreten - dank eines Überläufers von der NPD, der aber inzwischen verstorben ist.

Nicht nur Unglaub beobachtet das Engagement mit Unbehagen und hält langfristigen Erfolg nicht für ausgeschlossen. Plauen habe auch früher »eine Richtung gebraucht«, sagt er, und deshalb einst zu über 70 Prozent NSDAP gewählt. Heute, sagt Köditz, sei das Vogtland ein »günstiges Pflaster« für rechte Bestrebungen aller Art: Reichsbürger, Kameradschaften, NPD und eben den »III. Weg«.

Die Gründe sind vielfältig. Köditz merkt an, das Vogtland erstrecke sich über drei Bundesländer, liege jedoch aus Sicht der jeweiligen Hauptstädte »ab vom Schuss«. Die rechte Szene ist über die Landesgrenzen hinweg verbandelt. Es ist kein Zufall, dass auch der NSU in Südwestsachsen ein sicheres Hinterland fand. Plauen liege »strategisch gut«, sagt Antifa-Aktivist Felix - und verweist auf einen weiteren Aspekt: »Die haben kapiert, dass es hier keine sehr starke Zivilgesellschaft gibt.« Steffen Unglaub sieht das ähnlich. Als der »III. Weg« 2016 zu einem Aufmarsch am 1. Mai lud, sei die Devise im Rathaus gewesen: Laufen lassen und ignorieren. Das, fügt er an, »ist ein Grundproblem«.

Unglaub immerhin gehört zu den Plauenern, die der Neonazipartei das Terrain nicht überlassen wollen. Immer wieder organisiert er mit anderen kreativen Protest: am 1. Mai 2016 etwa mit einer »Meile der Musik«, von der aus ein Aufzug des »III. Weg« von Bands beschallt wurde. Im vorigen Herbst wurde eine Reihe von sechs Vorträgen organisiert, bei denen Experten über den ideologischen Hintergrund und die Strategien der Partei referierten. Die Aktion stand im Zeichen der Kröte: Für die Plakate wurde ein Motiv adaptiert, mit dem John Heartfield 1936 auf die Gefahren des Nationalsozialismus hinwies. Es zeigt unter dem Slogan »Stimme aus dem Sumpf« eine Kröte. Bei einer Kunstaktion zum Abschluss der Reihe wurden die Plakate vor dem Büro des »III. Weg« in Haselbrunn auf dem Gehweg ausgebreitet, während die Teilnehmer Kaffee tranken. Die Aktivisten des »III. Weg« waren zu dem Zeitpunkt zum rechten »Heldengedenken« im bayrischen Wunsiedel.

In Bayern gibt es inzwischen Bestrebungen, die »stark neonazistisch geprägte« Partei zu verbieten; Anträge kommen von CSU und Grünen. Der Verfassungsausschuss des Landtags beriet dazu kürzlich. Kerstin Köditz rät indes unter Verweis auf das gescheiterte Verfahren gegen die NPD ab: »Ein Verbot verbietet sich im Moment.« Wichtiger sei, dass die Behörden den »III. Weg« genauer in den Blick nähmen, Verbindungen zu anderen Strukturen beleuchteten - und Kommunen wie Plauen zum Umgang mit der Partei berieten. Ein Ansatz, der bisher allein den Engagierten im »Aktionsbündnis« überlassen blieb - organisiert im Zeichen der Kröte.

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