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»Es war viel schlimmer«

Ein halbes Jahr nach Hurrikan Irma kämpft die kleine Karibikinsel Barbuda mit dem Wiederaufbau

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 9 Min.

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Die Tage vor Hurrikan Irma waren für Natalia John »Tage wie alle anderen auch«. Trotz der Warnung. Sie kam auf allen Kanälen: in den Nachrichten, per Facebook und SMS. Und dann kam es schlimmer als befürchtet, viel schlimmer. Sechs Monate nachdem der Jahrhundertsturm über die kleine Karibikinsel Barbuda fegte, erzählt die Lehrerin, wie sie den Sturm erlebt hat und was seither passiert ist.

»Wir haben versucht, uns so gut vorzubereiten, wie es ging«, sagt die 32-Jährige. So wie die anderen 1600 Einwohner von Codrington nagelte sie die Fenster ihres kleinen Hauses zu, kaufte Wasser, Batterien und Lebensmittel in Konservendosen.

»Ich war gut vorbereitet, jeder in Barbuda war so gut vorbereitet, wie es nur ging«, erzählt John. Der Tag, bevor Irma auf die Insel traf, war ihr Geburtstag. »Wir dachten, es würde vielleicht heftig regnen und ein paar Windböen geben, aber so war es nicht«.

AUDIO: Vor Dem Sturm - Natalia Johns Geschichte

Als der Sturm in der nächsten Nacht die Insel traf, maß ein lokales Anemometer Winde mit einer Stärke von 250 Kilometern in der Stunde. Schon ab 119 Kilometer pro Stunde wird ein Sturm nach der weltweit verwendeten Saffi-Simpson-Skala als Hurrikan eingestuft. Als Irma Barbuda erreichte, befand sich der Sturm auf der Höhe seiner Intensität, er war ein Kategorie-5-Sturm, die höchste Stufe der Skala. Besonders seine Intensität machte ihn zum stärksten je gemessenen Sturm im Atlantik. 37 Stunden lang wehten Winde von 250 Kilometern pro Stunde, das Auge des Sturms zog genau über die Insel hinweg.

Ein Jahrhundertsturm

»Wir rechneten mit einem Sturm wie Louis, der war schlimm, ich habe ihn miterlebt«, erinnert sich John. Der Sturm war 1995 mit bis zu 220 Stundenkilometern über die Insel gezogen. Die letzten Jahrzehnte gab es in der Hurrikansaison von Juni bis November durchschnittlich zwei bis drei schwere Wirbelstürme, im vergangenen Jahr waren es sechs. »Irma war viel schlimmer, so etwas habe ich noch nie erlebt«, berichtet John. Sie verbrachte den Sturm bei ihrem Lebensgefährten, sein Haus war stärker befestigt.

»Erst regnete es sehr viel, dann sickerte Wasser durch das Dach und schließlich riss der Wind zwei Türen und dann auch die vernagelten Fenster auf«, erzählt die Mutter zweier Kinder. Sie arbeitet an der William-Cody-Kelly-Vorschule des Ortes. Ihr Freund, dessen Vater und Bruder hätten »hart gekämpft«, um den Wind aus dem Haus zu halten. Nach einer Weile waren die schlagenden Fensterläden unter Kontrolle.

AUDIO: Die Sturmnacht - Natalia Johns Geschichte

Doch als sich die Insel im windstillen Auge des Sturms befand, beschlossen sie, dass auch dieses Haus nicht sicher genug sei. »Also gingen wir zum Krankenhaus, auch dort brachen mehrere Fenster unter dem Winddruck«, erzählt John. Etwa 60 weitere Menschen aus dem Ort, darunter viele Kinder und ältere Menschen, retteten sich in das Krankenhaus.

Als John und die Anderen am nächsten Tag das Hanna-Thomas-Hospital verließen, bot sich ihnen ein Bild der Zerstörung. Sie seufzt und holt tief Luft, bevor sie erzählt. »Es war wirklich nicht schön.« Sie sah Bewohner durch die Trümmer des Ortes streifen, auf der Suche nach Familienangehörigen. »Ich habe nach meinen drei Brüdern und meinen Cousins und Cousinen gesucht, ihnen ging es gut, da fiel mir ein Stein vom Herzen.« Insgesamt kamen in der Karibik 146 Menschen zu Tode, im spärlich besiedelten Barbuda gab es ein Irma-Todesopfer.

Die meisten Häuser im Inselort Codrington sind ebenerdige gemauerte Bauten, oft umgeben von einem kleinen Garten und einer Mauer oder einem Zaun. Nach dem Sturm gab es fast nichts mehr. Laut Angaben der Regierung auf der Schwesterinsel Antigua wurden 642 der etwa 670 Häuser auf Barbuda beschädigt, 45 Prozent wurden nach dem Sturm als unbewohnbar eingestuft, 28 Prozent müssen komplett ersetzt werden.

Apokalyptische Szenen

An ein direktes Weiterleben auf der Insel war nicht zu denken. Irma hatte die Strommasten der Insel wie Strohhalme abgebrochen, der Wind hatte rund die Hälfte der zahlreichen Palmen an den schneeweißen Stränden der Westküste einfach umgeknickt. Die zwei Luxushotels der Insel waren komplett zerstört. Die Wasserentsalzungsanlage der Insel, die über keine eigene Wasserquelle verfügt, war zerstört und damit die komplette Wasserversorgung lahmgelegt. Der Mobilfunkmast war umgefallen, es gab kein Handynetz, tote Tiere begannen in den Straßen zu verrotten.

Barbuda lag »buchstäblich in Schutt und Asche«, resümierte Gaston Browne, Premierminister von Antigua und Barbuda damals. 48 Stunden nach dem Hurrikan wurden auf Anweisung der Regierung in Antigua alle 1600 Einwohner auf die rund 40 Kilometer südlich gelegene Insel Antigua evakuiert. Die Regierung aus dem nahe gelegenen St. Lucia sandte Hilfsgüter, auch die wenige Tage später von Hurrikan Maria ebenfalls stark zerstörte Inselnation Dominica schickte Hilfe. Die Regierung in Kuba, die später selbst mit den Folgen von Maria kämpfte, entsandte 750 Ärzte zu mehreren Inseln in der östlichen Karibik. Venezuela schickte zwei große Herkules-Militärmaschinen.

Bilder des venezolanischen Fernsehsenders Telesur zeigten die Evakuierung der Hälfte der Inselbevölkerung. Es sind Szenen wie aus einem apokalyptischen Science-Fiction-Film über den Klimawandel. Am Rande einer Graspiste warten Inselbewohner zusammengekauert und strömen dann zu dem gelandeten Militärflugzeug, hocken später zusammengedrängt im Laderaum der Maschine. »Das war ein großartiges Beispiel für karibische Selbsthilfe und Solidarität«, sagte der Außenminister von Antigua und Barbuda, Charles Fernandez, später. Vor der Ankunft von Hurrikan Jose habe man ein »Zeitfenster« gehabt, das sich schnell geschlossen habe, so Fernandez.

AUDIO: Die letzten Monate - Natalia Johns Geschichte

»Sie sagten es würde noch ein Sturm kommen, also haben wir die erste Fähre nach Antigua genommen und die Insel verlassen«, erinnert sich die Lehrerin. Die Regierung in Antigua hatte eine kleine Flotte von Fähren geschickt, um die andere Hälfte der Bewohner wegzubringen. Vier Tage nach Irma zog Hurrikan Jose dann glücklicherweise nördlich der Inselgruppe vorbei.

Wiederaufbau mit Zelten

Die letzten Monate hat Natalia John zum Teil bei Verwandten in Antigua und dann in einer Notunterkunft auf der Insel verbracht. »Für einige Monate kann ich hier umsonst wohnen«, erzählt sie von der Hilfe der Regierung. Zwei Wochen nach der Evakuierung seien ihre Kinder wieder in der Schule gewesen. »Wir versuchen so gut es geht mit der Situation klarzukommen.« In ihrer eigenen Schulzeit hat sie die Nachbarinsel vor allem als Mitglied des »Holy Trinity School Girls Basketball Team« besucht, mit ihrer Mannschaft gewann sie zwei Mal die Meisterschaft.

Seit einem Monat ist die Schule in Barbuda wieder offen, aber John will erst zu Beginn des nächsten Schuljahres zurückkehren, auch weil ein Teil ihrer Familie in Antigua wohnt, der sie aktuell unterstützen kann. Andere Verwandte von ihr arbeiten in Barbuda seit Wochen am Wiederaufbau. Mittlerweile wohnen wieder etwa 400 Menschen auf der Insel, zum Teil in Zelten und mit einfachen Renovierungskits mit Schaufeln, die sie von den Vereinten Nationen bekommen haben.

Zunächst werden die Häuser repariert, die weniger Schaden genommen haben. Dazu nutzt die Regierung vier Schadensklassen. John muss warten. Ihr Haus ist »Level 4 - total zerstört«. Sie selbst hat schon einmal angefangen, die noch stehenden Teile ihres Hauses abzureißen. Beim Wiederaufbau hofft sie auf die UN und die Inselregierung.

AUDIO: Level 4, total zerstört - Natalia Johns Geschichte

Ein Teil der Wasserversorgung funktioniert mittlerweile wieder, es wurde ein neues widerstandsfähigeres Stromnetz mit Betonmasten außerhalb von Codrington und mit Untergrundkabeln im Ort errichtet. Mit chinesischer Hilfe wurde das beschädigte Inselkrankenhaus renoviert, mehrere Hilfsorganisationen und die Vereinten Nationen räumten Trümmerteile weg und stellten Werkzeuge und Material bereit, organisierten Hilfe zur Selbsthilfe.

»Es wird langsam besser, jedes Mal, wenn ich dort bin«, sagt John, die nie woanders gelebt hat. Auf die Frage, wie zufrieden sie mit der Schnelligkeit des Wiederaufbaus ist, will sie nicht antworten. Sie ist als Lehrerin Regierungsangestellte und außerdem wie viele andere von der Hilfe der Regierung abhängig. Andere vor Ort üben deutliche Kritik. Die Arbeiten gingen langsam voran, auch weil die Subunternehmer immer wieder nicht bezahlt würden und deswegen zeitweise die Arbeit einstellten.

Desaster-Kapitalismus?

200 bis 250 Millionen US Dollar Schaden hat Irma auf Barbuda verursacht, schätzte der Premierminister von Antigua und Barbuda Gaston Browne, nach dem Sturm. Das ist etwa 30 mal so viel wie das Jahresbudget des Barbuda Council, des Gemeinderats, der die Insel verwaltet. Auf der Insel hat kaum jemand eine Versicherung, so dass, anders als in den Vereinigten Staaten, die Wiederaufbaukosten zu großen Teilen vom Staat übernommen werden müssen. Einen Kredit von 40 Millionen US-Dollar stellte die Weltbank Ende Oktober bereit, die Regierung hatte doppelt so viel Geld beantragt.

Doch der ehemalige Banker Browne will auch Barbuda besser vermarkten und ist überzeugt, die bisher relativ egalitäre, aber von Subventionen der reicheren Schwesterinsel abhängige Insel habe »immenses Potenzial«. Dazu will er auf Barbuda, wo es seit 300 Jahren keinen privaten Landbesitz, sondern ein kommunales Landrecht gibt, private Landrechte einführen.

So sollen Investoren angelockt werden und Geld auf die bisher touristisch wenig erschlossene Insel bringen. Er wünscht sich ein Kreuzfahrtterminal für die Insel. Viele Inselbewohner wollen Entwicklung, aber einen behutsame. Sie fürchten schon länger einen Ausverkauf der Insel - und dass der Premierminister nun ihre Notlage ausnutzen will. Das jüngste Mitglied des Barbuda Council, Kendra Beazer, kritisierte auf Facebook einen »Desaster-Kapitalismus«.

Ein Opfer des Klimawandels?

Der Hurrikan hat auch große Umweltschäden angerichtet. Die bis zu vier Meter hohe Sturmflut, die Irma brachte, hat die zahlreichen Korallenriffe um Barbuda beschädigt. Hier fangen die Fischer der Insel sonst Hummer, doch der Sturm hat ihre Fallen weggespült. Weil der Hurrikan einen Teil des »Acht-Meilen-Strands«, der langen Düne vor der Lagune westlich von Codrington, durchbrochen hat, kann die Fähre nun direkt nach Codrington fahren. Die neue, bessere Erreichbarkeit von Codrington ist gut für die Versorgung mit Hilfsgütern, doch Umweltschützer und lokale Fischer sorgen sich um Flora und Fauna der vorher vom offenen Wasser abgeschnittenen Lagune.

Barbuda sei ein Opfer des Klimawandels, erklärte Premierminister Browne im September vor der UN- Hauptversammlung in New York. Alle 14 Inselstaaten der östlichen Karibik produzierten 0,1 Prozent der weltweiten Emissionen, aber die Inselstaaten müssten »die größten Opfer bringen«. Er rechnet mit intensiveren Hurrikans wegen steigender Meerwassertemperaturen. »Ich fürchte, es wird mehr Hurrikans geben und sie sagen, dass auch der Meeresspiegel steigen wird«, meint auch Natalia John.

Doch weil die Mittel fehlen, wird Codrington vorerst wieder an der Lagune aufgebaut. Eigentlich will Premierminister Browne Barbuda als grüne und Klimawandel-resistente Community in höherem Gelände landeinwärts neu errichten. Ein »grünes Barbuda« sei auch ein gutes »Verkaufsargument« für die Insel. Doch dafür fehlt derzeit das Geld. Immerhin: Die Bauvorschriften sollen verschärft werden.

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