Werbung

Die Apokalpyse der Susanne

Susanne Röckel durchforstet in ihrem fantastischen Roman »Der Vogelgott« die Abgründe der Angst

  • Von Ingolf Bossenz
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Der Schlüssel liegt vielleicht schon auf Seite 12. Dem Ich-Erzähler kommen da angesichts der dramatischen Szenerie eines Sonnenuntergangs Verse in den Sinn: »Es bricht die neue Welt herein und verdunkelt den hellsten Sonnenschein.« Es sind Worte aus dem unvollendeten Roman »Heinrich von Ofterdingen« des Frühromantikers Friedrich von Hardenberg, der seine ebenso liebes- wie todessehnsüchtigen mystischen Dichtungen unter dem Pseudonym »Novalis« verfasste. Die Mystik, mit der die Romantiker die Beziehungen zwischen Mensch und Natur, zwischen Natur und Gesellschaft ihrer wachsenden Entfremdung entkleiden und zugleich auf eine neue, höhere Ebene heben wollten, durchzieht auch die Seiten des in doppelter Hinsicht fantastischen Romans der in München lebenden Schriftstellerin Susanne Röckel. Denn das Rätselhafte der Welt löst sich dort nicht auf in den täglichen Tsunamis von Statements, Begründungen und Appellen der Heere von Erklärern und Deutern. Es wird nur zeitweise blockiert und abgedrängt, bis es die Gelegenheit sieht, sich ungebeten und ungehemmt Bahn zu brechen.

Der Roman, der sich anlässt wie das Tagebuch eines Ornithologen, zeigt von Seite zu Seite ein Mehr seiner apokalyptischen Dimension. Er entwickelt, entfaltet, enthüllt, ja, entblößt die nackte Existenz in ihrer Angst, deren tiefste Gründe und Abgründe, allem »Fortschritt« trotzend, auf ewig unauslotbar bleiben. Die Angst, von der Kierkegaard schrieb, sie sei »eine fremde Macht, die das Individuum ergreift, ohne dass dieses sich von ihr lösen könnte oder wollte«.

Die Autorin verleiht diesem mächtigen Urelement die Gestalt von Vögeln und »verlinkt« sie so mit dem Klassiker der Apokalypsen, der Offenbarung des Johannes: Die Erde, heißt es im letzten Buch der Bibel, sei geworden »zur Behausung aller unreinen Geister und zum Schlupfwinkel aller unreinen und abscheulichen Vögel«.

Die Vögel, die in ihrer »unreinen und abscheulichen« Erhabenheit über den Protagonisten und in deren Gedanken und Träumen kreisen, sind Sinnbilder des Störens, Zerstörens und Verschwindens, Zentralereignisse jeder Apokalypse. Verschwinden, unsichtbar werden - das war Spiel und Leidenschaft der drei Geschwister Thedor, Dora und Lorenz in ihrer Kindheit; heimliches Refugium in einer unheimlichen Welt, der ein dominanter Vater vorsitzt, inmitten des Hofstaats seiner ausgestopften Vögel. Dem verstörenden »Prolog« des Vaters folgen die Berichte jedes der Kinder. Kaum könnten sie differenter, konträrer sein. Doch alle sind auf der Suche: nach dem Sinn im Unsinnigen, nach dem Bild unter dem Bild, nach der Erklärung des Unerklärten. Ob die Reise ins exotische »Land der Aza«, das schaurige Mysterium um die »Madonna mit der Walderdbeere« oder der in dunkler Dämonie agierende »Henry Morton« - die Teile formen und verformen sich, ohne sich ins Ineinander eines Ganzen zu fügen. Und darüber, immer und immer wieder, Vögel, die in luziden Träumen zu Trägern bestürzender Botschaften werden. Symbolisch dafür der Vogel Greif, märchenhaftes, menschenfressendes Wesen, dessen Feder dem, der sie sich holt, magische Kräfte verleiht.

»Der Vogelgott« ist eine Geschichte des Einander-Verlierens und des Einander-Wiederfindens dreier Menschen. Des wunderbaren Wiederfindens, denn das logische Verbindungsglied des Einander-Suchens fehlt. Auch wer nicht sucht, findet. Oder wird gefunden. Doch: »Wer ist es, der uns sucht, uns jagt?« Diese am Ende des Romans wie eine letzte sperrige Hürde platzierte Frage ist gleichsam der Reset-Knopf, der alles auf Anfang setzt - einen Anfang, den es als solchen nicht gibt, denn es war alles schon da.

Die Ingredienzen, die das Schicksal braucht, muss es sich nur nehmen und durchmischen. Und schon »bricht die neue Welt herein«. Nicht unbedingt eine helle. Doch auch die dunkle Welt kann von tiefer, bisweilen schrecklicher Harmonie zerdrungen sein. So beschrieben es die Romantiker. Und so beschreibt es Susanne Röckel, die uns in grandioser romantischer Manier mittels einer Sprache, die eigentlich unter das Rauschmittelgesetz fallen müsste, in den Sog von Welt, Wahn und Wunderglaube zieht.

Susanne Röckel: Der Vogelgott. Roman. Jung und Jung, 272 S., geb., 22 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen