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Lateinamerikas Frauen begehren auf

Jenseits von Kriegsgebieten bleibt Mittel- und Südamerika die weltweit gefährlichste Region für Frauen

  • Von Susann Kreutzmann, São Paulo
  • Lesedauer: 4 Min.

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Das letzte Mal, als Mara Fernanda Castilla lebend gesehen wurde, rief sie ein Taxi. Die 19-Jährige hatte in der mexikanischen Stadt Puebla einen Klub besucht und wollte nach Hause. Drei Tage später wurde ihre Leiche gefunden. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Studentin zunächst vergewaltigt und dann getötet wurde. Der Mord erschütterte das ganze Land, Zehntausende gingen auf die Straße. Doch Castilla ist nur eine von rund sieben ermordeten Frauen pro Tag in Mexiko. Mehr als 112.000 Frauen werden offiziellen Statistiken zufolge pro Jahr vergewaltigt. Die Dunkelziffer liegt weitaus höher. Damit ist Mexiko für Frauen eines der gefährlichsten Länder weltweit.

Am Weltfrauentag werden in ganz Lateinamerika Frauen für ihre Rechte auf die Straße gehen. Unter dem Motto »Jetzt ist der Moment, das Leben der Frauen zu verändern« vereinen sich Aktivistinnen in Mexiko. Eine Reihe von Theateraufführungen und Debatten gibt es in Brasilien. Und auch in Mittelamerika sind farbenfrohe Proteste geplant. Fast in ganz Lateinamerika nimmt die Rate der Frauenmorde zu. Laut Vereinten Nationen werden durchschnittlich mindestens zwölf Frauen pro Tag aus einem einzigen Grund ermordet - weil sie Frauen sind. 90 Prozent der Fälle werden niemals aufgeklärt. Unter den weltweit 25 gefährlichsten Ländern für Frauen liegen 14 in Lateinamerika. Es sei »weltweit die gefährlichste Region für Frauen außerhalb von Kriegsgebieten«, sagt Eugenia Piza-López vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP für Lateinamerika. In Honduras, El Salvador, Guatemala und Mexiko hätten die Frauenmorde »epidemische Ausmaße« angenommen und seien vielfach mit der organisierten Kriminalität verbunden.

Auch die UN-Repräsentantin für Frauen in Guatemala, Adriana Quiñones, weiß: »In Lateinamerika wird Gewalt gegen Frauen und Kinder als normal und Teil des Lebens erachtet.« Die UN fordern deshalb immer wieder ein Ende der Straflosigkeit. Allerdings haben viele Frauen schlechte Erfahrungen mit der Polizei; sie vertrauen auch der Justiz nicht, die in vielen Ländern korrupt ist. Nur ein Bruchteil von Gewaltakten wird deshalb angezeigt.

Wie wenig die mexikanische Justiz an einer Aufklärung von Gewaltverbrechen gegen Frauen interessiert ist, zeigte sich 2017 an mehreren Beispielen. Als im Mai die 22-jährige Studentin Lesby Berlin Osorio mit einem Telefonkabel stranguliert auf dem Gelände einer Universität in Mexiko-Stadt gefunden wurde, hieß es auf dem offiziellen Twitterkonto der Staatsanwaltschaft, Osorio sei alkoholisiert gewesen und habe Drogen genommen. »Sie war zu Hause ausgezogen und hat in wilder Ehe mit ihrem Freund gelebt.« Die Tweets, mit denen eine Schuld des Opfers suggeriert wurde, sorgten für Empörung. Wenige Monate später wurden vier junge Männer im Bundesstaat Veracruz freigesprochen. Sie hätten bei der Vergewaltigung einer 17-Jährigen »keinen Spaß« empfunden, weshalb nicht von sexuellem Missbrauch gesprochen werden könne, urteilte der Richter. Erst nachdem sich das Urteil auch international verbreitete, musste er gehen.

Nicht nur in Mexiko begehren die Frauen allerdings immer mehr auf. In Argentinien bildete sich vor drei Jahren die Bewegung »Ni una menos« (»Keine weniger«), der sich immer mehr Menschen anschlossen. Auch hier erschütterte eine Serie von Vergewaltigungen und Morden das Land. Schon an der ersten Demonstration 2015 in Buenos Aires nahmen mehr als 300.000 Menschen teil, 40 Prozent waren Männer. Schnell breitete sich die Protestbewegung auf ganz Lateinamerika aus. Dabei ist die Situation in Argentinien auf den ersten Blick nicht so schlecht. Die Frauenbewegung ist stark und hat weitreichende Mitspracherechte erkämpft. So war Argentinien das erste Land in Lateinamerika, das Frauenquoten bei Parteien und politischer Mitsprache einführte. Gleichzeitig schnellten aber die Gewaltakte gegen Frauen in die Höhe. Alle 18 Stunden wird eine Frau ermordet.

Ähnlich ist die Situation in Brasilien, wo die damalige Präsidentin Dilma Rousseff den Straftatbestand des Femicids einführte und die Strafen dafür anhob. Im Durchschnitt werden in Brasilien laut offizieller Statistik pro Tag 15 Frauen nur aufgrund ihres Geschlechts ermordet. Den Slogan »Ni una menos« entnahmen die Organisatorinnen einem Gedicht der mexikanischen Schriftstellerin und Aktivistin Susana Chávez, die damit gegen eine Serie von Frauenmorden in der Grenzstadt zu den USA, Ciudad Juárez, protestierte. Inzwischen wurden dort laut Amnesty International mehr als 800 Frauen in den vergangenen zehn Jahren getötet. epd

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