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Ein neues Ganzes wird erkennbar

Im Werk von Horst Müller trifft Praxisphilosophie auf Transformationsforschung

  • Von Michael Brie
  • Lesedauer: 3 Min.

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Es gibt Sammelbände, Bücher und Werke. Ein Werk hat Horst Müller vorgelegt. Und dennoch, mancher mag fragen: Warum sollte man sich der Mühe unterziehen, ein Buch von fast 600 Seiten durchzuarbeiten? Ich möchte dafür fünf Gründe nennen und ich bin sicher, die Leserin, der Leser wird weitere finden, wenn sie oder er sich an dieses Werk macht.

Der erste Grund ist die Verbindung von praxisphilosophischem Verständnis der Marxschen Tradition und kritischer Transformationsforschung. Der zweite Grund, sich dem Buch zuzuwenden, besteht in der Wiederherstellung der Marxschen Dreieinigkeit von Gesellschaftsanalyse, Kritik (theoretischer wie praktischer) und konkreter bzw. realer Utopistik. Besser als Ernst Bloch hat dies nun wirklich niemand auf den Punkt gebracht: »Die dialektisch-historische Tendenzwissenschaft Marxismus ist derart die vermittelte Zukunftswissenschaft der Wirklichkeit plus der objektiv-realen Möglichkeit in ihr; all das zum Zweck der Handlung«. Ein dritter Grund, das Werk von Horst Müller zu lesen, ist die systematische Einbeziehung von Einsichten in das Wesen menschlicher Subjektivität und das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft im Prozess der Befreiung. Gerade linke Politik muss eine Politik sein, die die Würde, den Selbstrespekt stärkt.

Der vierte Grund, sich in das Buch von Müller zu vertiefen, ist sein Verständnis der gegenwärtigen Gesellschaft - vor allem Deutschlands und Westeuropas - als Sozialkapitalismus. Müllers zentrale These ist, dass aus einem rein industriewarenwirtschaftlichen Kapitalismus, wie Marx im »Kapital« als Totalität zu rekonstruieren sucht, keine über den Kapitalismus hinausweisende Alternative erklärt werden kann, da Kapital wie Arbeit, wenn auch im unterschiedlichen Maße, an die Reproduktion des Kapitalverhältnisses gebunden sind, eine »Betriebsgemeinschaft des Kapitals« bilden. Müllers Fixierung auf heute schon umfassend formell institutionalisierte Bereiche der Reproduktion aber erzeugt jedoch eine Blindheit. So wird die gesamte feministische Diskussion zur weitgehend unbezahlten, informalisierten, mit globalen Migrationsketten verbundenen »hauswirtschaftlichen« Reproduktionsarbeit weitgehend ausgeklammert.

Es sei abschließend ein fünfter Grund genannt, Müllers Werk zu lesen. Das ist sein Ansatz, Transformation über den Kapitalismus hinaus aus der Umgestaltung der Reproduktionszusammenhänge der heutigen kapitaldominierten Gesellschaften zu erklären. Er geht dabei von einer aktuellen Übergangsperiode aus, die durch »die Schnittmenge einer verfallenden und einer andrängenden Sozialformation« gebildet wird, die sich »mit ihren Wirkzusammenhängen und Tendenzen als Antagonisten gegenüberstehen und … um die Hegemonie ringen«. Das zentrale Problem heutiger entwickelter verwertungsdominierter Gesellschaften sieht Müller darin, dass der warenwirtschaftliche, im engeren Sinne kapitalistische Bereich auf die Leistungen des sozialwirtschaftlichen Sektors angewiesen ist. Dieser sei ständig gefordert, produktive »Vorleistungen« zu erbringen. Da aber die Finanzierung dieses Sektors chronisch prekär ist, als bloßer Abzug von Mehrwert und Einkommen der kapitalistischen Sektoren erscheint, könne er sich nicht entsprechend den Notwendigkeiten entwickeln. Hier würden also die Fesseln der kapitalistischen Produktionsverhältnisse deutlich. Der transformationsorientierte Vorschlag Müllers, diese Fesseln zu sprengen, ist die Einführung einer Kapitaltransfersteuer.

Der Ansatz von Horst Müller verdient es, diskutiert zu werden. Ein Bezug auf andere konzeptionelle Vorstellungen zu einer solidarischen Transformation der Wirtschaftsordnung sind ebenso notwendig. So wird dann ein neues Ganzes erkennbar.

Horst Müller: Das Konzept PRAXIS im 21. Jahrhundert. Karl Marx und die Praxisdenker, das Praxiskonzept in der Übergangsperiode und die latente Systemalternative. Books on Demand, 600 S., geb., 24,80 €; als E-Book 15,99 €.

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