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Der Trauer ein Gesicht geben

Der Bildhauer und Bestatter Frank Schöneberg fertigt Totenmasken und Fingerprints von Verstorbenen an

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Als Frank Schöneberg im Jahr 1996 seinen einzigen Bruder verlor, brach für ihn eine Welt zusammen. Plötzlich und völlig unerwartet war er gestorben und Frank Schöneberg konnte den Bruder nicht einmal mehr verabschieden. Bis er vor Ort war, war der Verstorbene bereits von einem Bestattungsinstitut weggebracht worden und zur Feuerbestattung freigegeben. «Ich konnte ihn nicht mehr sehen oder berühren», sagt Schöneberg. Das sei für ihn eine Art Schlüsselerlebnis für sein eigenes berufliches Leben gewesen, erzählt Schöneberg. Damals entschied er sich, selbst Bestatter zu werden und für die Angehörigen Totenmasken und Fingerprints herzustellen.

Nach dem Tod seines Bruders hatte Schöneberg immer wieder Albträume, wollte dem Bruder in gefährlichen Träumen helfen und konnte es nicht. In dieser Zeit hatte er ein Buch über Totenmasken gelesen und gedacht: «Ja, das würde mir helfen», sagt Schöneberg.

Neben seiner Ausbildung zum fachgeprüften Bestatter machte er zahlreiche Fortbildungen unter anderem als Bildhauer, seinem heutigen Handwerk. «Ich sehe mich heute als Kunstschaffender», sagt Schöneberg, der sein Wohnhaus in Eppingen zu einer Werkstatt mit Atelier und einem Abschiedsraum umgebaut hat und seit zwei Jahren dort auch ein eigenes Bestattungsinstitut leitet.

«Totenmasken sind mehr als nur ein letzter Abdruck», sagt Schöneberg. Die Angehörigen könnten so vielleicht sogar ein zweites Mal Abschied nehmen und hätten eine Erinnerung zu Hause, die mehr als nur ein Foto sei.

Auch Manfred (Name geändert) musste mit dem plötzlichen Tod seiner Frau umgehen. Als sie im Januar 2012 plötzlich und unerwartet im Alter von 62 Jahren starb, hatte er Angst davor, dass er sich bald nicht mehr daran erinnern würde, wie seine langjährige Partnerin einmal ausgesehen habe. «Ich wollte sie danach noch irgendwie spüren und bei Bedarf auch streicheln.» Weil er kurz zuvor einen Artikel über Totenmasken gelesen hatte und von Schöneberg erfuhr, nahm er Kontakt mit ihm auf und ließ sich ein paar Tage nach dem Tod seiner Ehefrau eine Totenmaske von Schöneberg anfertigen.

«Es gibt aber auch Angehörige, die sich eine Maske haben anfertigen lassen, bis heute aber nicht ausgepackt haben», weiß Schöneberg von einer Kundin. Eine andere Familie hingegen, die ihr zwei Monate altes Baby verloren hatte, habe eine Maske anfertigen lassen, die sie heute noch auf einem Art Altar in ihrem Haus aufbewahren. «Die wollten einerseits das Gesicht ihres Kindes nicht vergessen, andererseits sollten sich auch die beiden Geschwister so immer wieder an das verstorbene Kind erinnern können», erzählt Schöneberg.

2005 hat er sich zum ehrenamtlichen Hospizhelfer ausbilden lassen. Seit 2010 ist er regelmäßig als Dozent für die Herstellung von Totenmasken beim Bundesverband Deutscher Bestatter tätig und unterrichtet angehende Bestatter, Bestattermeister und andere Personen, die an der Herstellung von Totenmasken interessiert sind.

«Totenmasken sind eine einzigartige Erinnerung», ist Schöneberg überzeugt. Mit solch einem Abbild aus Gips oder Bronze werde die Einzigartigkeit und Persönlichkeit des Verstorbenen gewürdigt, «denn der Abguss des Gesichts fasst das Leben des verstorbenen Menschen noch einmal sinnbildlich zusammen», sagt der Bildhauer.

Die Totenmaske könne für die Angehörigen «eine sinnvolle und gute Unterstützung der Trauerarbeit darstellen und Trost spenden», sagt Schöneberg - so, wie er das Gespräch mit den Angehörigen als Therapie bezeichnet. Man kann die Gesichtsmaske des lieben Verstorbenen als Andenken zu Hause aufbewahren, in den Händen halten oder auch als Grabschmuck verwenden.

Bis etwa sieben Tage nach Eintritt des Todes haben die Angehörigen Zeit, eine Totenmaske von ihrem gestorbenen Angehörigen anfertigen zu lassen. Schöneberg modelliert die Form entweder selbst oder der Bestatter vor Ort nimmt den Abdruck ab und schickt ihn in sein Atelier. Zunächst wird eine Negativform aus Silikon hergestellt, dann beginnt die eigentliche Arbeit. «Nach rund vier Wochen ist der plastische Abguss des Gesichts fertiggestellt und wird den Angehörigen übergeben.

»Mir ist wichtig, dass das vollständige Gesicht mit allen Zügen detailgetreu modelliert wird«, sagt Schöneberg, der sich selbst als sehr gläubig bezeichnet, aber keiner Kirchengemeinschaft angehört. Die Abbildung von Ohren und Haaransatz würden der Maske besondere Ausdrucksstärke und Ästhetik verleihen.

Schöneberg bietet auch Fingerprints etwa als Halskette oder Ring an, um den Gestorbenen in fühlbarer Erinnerung zu halten. Der Fingerabdruck des Verstorbenen werde in Handarbeit in ein individuell ausgesuchtes Schmuckstück aus Weißgold, Gold, Silber oder einer anderen Legierung eingearbeitet und stelle so ein besonderes Andenken dar.

»Der Verlust eines geliebten Menschen bedeutet für viele Hinterbliebene eine der größten Herausforderungen des Lebens«, sagt Schöneberg. Die letzte Begegnung mit dem Verstorbenen sei für die nächsten Angehörigen meist ein entscheidender Augenblick der Trauerbewältigung. »Der Tod des Menschen wird dadurch physisch ›begreifbar‹ und psychisch bewusst. Abschied zu nehmen und den Tod spürbar zu erfahren, kann den Trauernden helfen, sich mit der neuen Situation auseinanderzusetzen, sie zu verarbeiten und letztlich zu akzeptieren«, ist der Bestatter und Kunstschaffende überzeugt. »Beim Eintritt des Todes erschlaffen die Gesichtszüge, der Gesichtsausdruck eines Verstorbenen ist meistens friedlich, ruhevoll und entspannt«, sagt Schöneberg.

Seine Kunden kommen aus allen Gesellschaftsschichten und sind unterschiedlichen Alters, die meisten sind Frauen, die ihre gestorbenen Ehemänner so verewigen lassen, erzählt der Bestatter. Viele davon aus Deutschland, Österreich, Niederlande oder auch der Schweiz. Rund 60 Totenmasken fertigt er jährlich an, um die 900 Euro kostet eine Gipsmaske, bis zu 3500 Euro eine aus Bronze.

Sein Geld verdient er hauptsächlich mit Fingerprints, davon produziert er jährlich mehr als Tausend. »Mit dem Fingerprint hinterlässt der Verstorbene Spuren für die Ewigkeit«, betont Schöneberg. Diese Spuren könnten von den Angehörigen durch das Schmuckstück, das sie tragen, »jederzeit spürbar erfasst werden«.

Der Tod ist sein tägliches Geschäft, das weiß Frank Schöneberg. Doch er selbst hatte ihn auch schon ganz nah vor Augen: Im Juni 2011 hatte er sich anderen Bestattern zu einer Bootsfahrt auf dem Bodensee verabredet. Sie mieteten sich eine Yacht, als plötzlich und unerwartet ein heftiger Sturm losbrach und das Boot kenterte. Bei meterhohen Wellen trieben seine Kolleginnen und Kollegen, vier Frauen und acht Männer, im siebzehn Grad kalten Wasser des Bodensees. Doch die Bestatter-Crew hatte Glück im Unglück, weil ein Schweizer Seglerpaar sie entdeckt und aus der Seenot rettet. »Der 19. Juni 2011 hätte zu einem der schwärzesten Tage in der Geschichte des Wassersports am Bodensee werden können«, titelten damals die »Internationalen Bodensee Nachrichten«.

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